Jubiläum: 25 Jahre Ötzi-Entdeckung

Ötzi-Entdeckung: Interview mit einem Zeitzeugen

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Ötzi

Ainring: Es gibt nicht mehr viele Zeitzeugen, die bei der Entdeckung von Ötzi persönlich mitgewirkt haben. Wie war das damals eigentlich?

Kommende Woche ist es genau 25 Jahre her, dass Ötzi im ewigen Eis von zwei Urlaubern gefunden wurde. Dachten die beiden Wanderer damals noch, dass es sich bei der Leiche um einen vor ein paar Jahren verstorbenen Bergsteiger handeln würde, stellten die herbeigerufenen Experten recht schnell fest, dass es sich bei dem Leichenfund doch um einen wahres Jahrhundertereignis handelt

Expertenrunde 

Alexander Binsteiner

Viele Experten wurden damals bei der Ausgrabung und den anschließenden Untersuchungen zu Rate gezogen. Sowohl hinsichtlich seines Alters, seiner Todesumstände, seiner Lebensweise und vielem anderen. Einen wesentlich Aufklärungsteil verdanken wir auch den Geoarchäologen, die grade aktuell wieder neue Erkenntnisse über die Waffen, genauer gesagt eine Pfeilspitze herausgefunden haben, die derjenigen ähnelt, welche noch immer in Ötzi´s Leichnam steckt. 

Der deutsche Geoarchäologe Alexander Binsteiner (geb. 1.5.1956 in Wasserburg am Inn) war ab 1993 unter Konrad Spindler Chefgeologe im Eismann-Projekt an der Universität Innsbruck.

Er untersuchte die Feuersteingeräte des Ötzi und entdeckte die Abbaugebiete für die Rohstoffe in den Monti Lessini nördlich von Verona.

BGLand24.de hatte die Gelegenheit, mit dem Geoarchäologen zum 25. Jubiläum der Ötzi-Entdeckung ein Interview zu führen. 

Herr Binsteiner, wie war das damals alles? 

Nun, bei der Entdeckung war ich natürlich nicht persönlich dabei. Das war ja das Bergsteiger-Ehepaar Simon aus Nürnberg. Als ich aber in den Medien davon hörte, war ich zunächst skeptisch. Dann las ich den Namen des Archäologen in Innsbruck, Prof. Konrad Spindler, der die erste Begutachtung der Eismumie und seiner Ausrüstung in der Gerichtsmedizin vornahm. Und den kannte ich von früher her sehr gut. Dann nahm alles seinen Lauf.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie in die Untersuchungen des Ötzi-fundes involviert waren? 

Ich war damals durch meine Untersuchungen an den bayerischen Feuersteinbergwerken im Donau-Altmühl-Jura als Experte für Feuersteine international bekannt geworden. Und so stellte ich meinem alten Bekannten aus Ausgrabungszeiten im Altmühltal, Konrad Spindler, schlicht und ergreifend die Frage, ob das Feuersteinmesser des Ötzi, das ich auf den Bildern in den Zeitungen sofort registriert hatte, aus Bayern stammen könnte. Er lud mich sofort nach Innsbruck ein, und wir vereinbarten eine Zusammenarbeit und ein gemeinsames Projekt, das diese Frage klären sollte.

BGLand24.de: Sie haben damals die Feuersteingeräte untersucht, ist diese Art von Materialien Ihr Spezialgebiet? 

Genau, Untersuchungen an prähistorischen Feuersteingeräten sind mein Spezialgebiet. Das mache ich übrigens heute noch mit großem Erfolg. Der Sinn solcher Untersuchungen liegt darin, herauszufinden, woher die Feuersteine für bestimmte Geräte, in diesem Fall für die des Ötzi stammen. Im Idealfall findet man die Mine oder das Bergwerk, wo die Steine abgebaut wurden. In der Jungsteinzeit, der Zeit des Ötzi, betrieb man längst europaweit große Feuersteinbergwerke. Der Bedarf an diesem Rohstoff war sehr groß. Weiß man die Herkunft der Steine, kann man herausfinden, zu welchem Kulturkreis sein Besitzer gehört. Man wollte beim Ötzi über seine Feuersteinrohstoffe seine Herkunft bestimmen. Das ist mir mehr als gelungen! 

Wie fühlt es sich an, wenn man an einer Fundstelle bzw. einer Entdeckung mitarbeitet, die von derartiger Bedeutung für die Menschheit ist? Haben Sie "Ötzi" auch noch direkt im Eis liegend vorgefunden? 

Wenn man eingeladen wird, bei so einem Projekt mitzuarbeiten, und ich war damals erst 36 Jahre alt, gehen manche Träume in Erfüllung. Als ich die Ausrüstung des Ötzi zum ersten Mal in den Restaurierungswerkstätten des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz sah und man mir dann die sechs Feuersteingeräte des Eismannes unter Aufsicht ans Mikroskop brachte, dachte ich, ich bin im falschen Film. Dann aber wird man sehr schnell wieder klar im Kopf und macht seine Arbeit, so gut man kann. Den Ötzi selbst habe ich erst viel später in der Eiskammer in Innsbruck gesehen. Ich fand die Feuersteingeräte aber aufregender!

Im Laufe der Zeit sind viele Artikel mit den unterschiedlichsten Ansichten, Erläuterungen oder Bewertungen erschienen. Vor allem von Leuten, die nicht wirklich live vor Ort waren und somit den Sachverhalt auch nicht wirklich kannten. Was waren die abstrusesten Erläuterungen? 

Das Schlimmste war mit Abstand ein Journalist des Bayerischen Rundfunkes, der ernsthaft behauptete, der Ötzi sei eine Fälschung. Er hat sogar ein Buch über seine „Erkenntnise" geschrieben. Dieses Gerücht hielt sich damals lange in den Medien. Er war mehrmals bei uns im Institut, als ich schon in Innsbruck war. Ihm voraus wehte immer eine deutliche Cognac-Fahne! Spindler, der sich darüber sehr geärgert hatte, hat Ihn sich in einer Talkrunde des ORF brutal zur Brust genommen. Danach hat man nie mehr etwas von Ihm gehört! 

In einer aktuellen Studie haben Sie herausgefunden, dass eine Pfeilspitze, die in Ainring gefunden wurde, eine Schlüsselrolle in einer der möglichen Lösungsansätze im Mordfall Ötzi spielt. Was haben wir darunter zu verstehen? 

Es hieß früher, dass der Täter im Mordfall Ötzi zwangsläufig aus dem Süden d.h. südlich des Alpenhauptkammes stammt, weil nur dort in der sogenannten Remedello Kultur in der Zeit des Ötzi Pfeilspitzen mit einem Schäftungsdorn hergestellt wurden. Der herausgearbeitete Fortsatz an der Basis dient der Schäftung im Pfeilschaft. Die Pfeilspitze in Ötzis Rücken, die zu seinem Tode führte, trägt diesen Dornfortsatz. Die Steinzeitkulturen im Nördlichen Alpenvorland kannten diese Schäftungsmethode noch nicht. Sie kam erst viel später zu uns. Mit der Pfeilspitze von Ainring, die ebenfalls diesen kleinen Stil trägt, ist dieses Argument aber jetzt hinfällig geworden. Der Mörder des Ötzi könnte auch aus dem Norden stammen, wenn er eine Pfeilspitze wie die aus Ainring benützt hat.

"Der Fall Ötzi - welche neuen Erkenntnisse es gibt, lesen Sie in unserem nächsten Artikel"

Quelle: BGland24.de

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