Pressegespräch zur Schutzwaldsanierung

30 Jahre Schutzwaldsanierung - ein Wald der offenen Fragen

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„Erfolgreiche“ Sanierung am Ettaler Berg: Aufwand, Kosten, Nutzen und Begleitschäden sollten von unabhängigen Fachleuten überprüft werden.

Oberbayern: Am mangelndem personellem Aufwand lag es sicher nicht, dass beim Pressegespräch, zu dem das Bayerische Forstministerium Anfang August nach Ettal lud, mehr Fragen als Antworten im Raum blieben:

Das Thema Schutzwaldsanierung ist ein heißes Thema. Auch im Berchtesgadener Land wird der Wald eifrig saniert, wie zum Beispiel an der Weisswand. Auch hier führte Staatsminister Brunner bereits im Frühjahr gemeinsam mit seinen Kollegen von der Forstverwaltung bereits durch diverse Gebiete, um ihre Arbeit zu präsentieren. 

Anfang August war es im Forstbetrieb Oberammergau soweit. Assistiert von Beamten aus der Staatlichen Forstverwaltung und den Bayerischen Staatsforsten trafen sich Verantwortliche und Presse zum gemeinsamen Vor-Ort-Termin. Die Idee dahinter, eine Erfolgsgeschichte der Bayerischen Forstpolitik zu präsentieren. Eine Erfolgsgeschichte mit ganz schön vielen Zahlen:

  • 30 Jahre nach dem Beginn der Schutzwaldsanierung
  • 121 Millionen investierter Euro aus dem Staatshaushalt und aus den Mitteln der Bayerischen Staatsforsten

  • mindestens 13 Millionen gepflanzter Jungbäumchen

Zahlendickicht

Wo der Wald nicht dicht und geschlossen steht, droht in den Augen der Schutzwaldsanierer akute Gefahr.

Aber ganz von vorne: Zwei Objekte im Forstbetrieb Oberammergau waren ausgewählt worden, den Beweis für diese Erfolgsstory anzutreten: Am Ettaler Berg wird der mit hohem Aufwand gestaltete Wald vielleicht eines Tages tatsächlich jeden Steinschlag und mögliche Lawinen von der Straße abhalten. Bis dahin müssen technische Sicherungen, Netze und Holzverbauungen diese Aufgabe übernehmen. Ob das aber tatsächlich um ein Vielfaches teurer ist als der gewünschte Schutzwald? Schließlich wurden bisher2.400 Pflanzen pro Hektar dort gepflanzt

Doch bei genauem Nachfragen schienen die präsentierten Zahlen nicht mehr so ganz genau zu passen. 

Auch scheint der Wald nicht nach Plan zu wachsen. Deshalb müssen hier zum Beispiel die Altbuchen geringelt, die Jungbuchen ausgeschnitten und immer wieder Tannen gepflanzt werden. Denn die Buchen überwuchern regelmäßig das notwendige Nadelholz, Fichte, Lärche und Tanne. Und die Tannen sind wie immer ein begehrter Leckerbissen bei Pflanzenfressern – ob Maus oder Reh. 

Doch nach Aussage des dort eingesetzten Revierjägers hat man im Forstbetrieb auch den Wildverbiss im Griff: mit einer oder höchstens zwei Drückjagden im Jahr – ohne weitere Bejagung – hält er das Gebiet praktisch wildfrei. Ungläubige Blicke der fachkundigen Exkursionsteilnehmer! Weiter zum nächsten Punkt! 

Einheitslook für Bayern Bergwälder 

Schutzwaldsanierung Ettaler Berg

Die Fahrt zum großen Sanierungsgebiet Kuhalm war auch eine Reise in die frühen 1980er Jahre, als die Katastrophenmeldungen vom Waldsterben durch den Blätterwald rauschten. Denn nach Sturmwürfen und Borkenkäferkalamitäten, sind auf den Hängen zum Kühalpenbach große Freiflächen entstanden: Tummelplätze für seltene Tier- und Pflanzenarten. Die Verjüngung des Waldes geht in solchen Lagen langsam vor sich – das ist Natur und keine Katastrophe. Immer wieder zeigen Forschungen, dass nach Jahren der Ruhe, auch auf vergrasten Hängen plötzlich der Waldaufwuchs wieder in Schwung kommt. 

Doch soviel Zeit hat man in Bayern nicht: Der Wald soll sofort wieder aufwachsen und zwar in der neuen Variante „Klimawald“. 76.760 Pflanzen, vor allem Fichte, Buche. Lärche und Kiefer wurden bereits auf diesen „Sanierungsflächen“ gepflanzt. 

Keine Rechte für das Weidevieh?

Dass auf dem gesamten Gebiet auch seit Jahrhunderten alte Waldweide Rechte liegen und die regelmäßige Nutzung durch Weidevieh zu den artenreichen Flächen geführt hat – das wollte vor Ort angeblich niemand wissen. Der Waldbau-Referent des Ministers beschwor dagegen die Journalisten: drastischer Humusschwund würde binnen weniger Jahre zu einer kompletten Verkarstung der Ammergauer Berge führen und die lieblichen Ortschaften im Talbereich unter Schutt, Geröll und Moränen begraben. 

Dass der Bergbach aber in den riesigen Wasserpuffer der Ettaler Moore fließt, das fiel hier in der zukünftigen Karstlandschaft keinem Ortskundigen ein. Damit die erwarteten Katastrophen nicht eintreten wird hier gejagt, rund um die Uhr

Zwar sind gerade solche warmen, steilen hellen Hänge die überlebensnotwendigen Überwinterungsstuben des Gamswildes. Doch andererseits kann man auf solchen Flächen – hebt man nur die winterliche Schonzeit auf, auch die Gamsbestände eines großen Einzugsgebietes zermalmen. Dafür gäbe es im Forstbetrieb aber mindestens 6.000 Hektar jagdliche Ruhezonen für die Gams.

Nieder mit der Gams?

Warum aber ausgerechnet dort jede Menge Hochsitze stehen, und warum trotz Ruhe gerade hier Jagdgäste zur Pirsch geführt werden, konnte auch der Betriebsleiter nicht so genau erklären. Ruhe scheint zumindest in Oberammergau relativ zu sein. Ist erst einmal viel Geld in ein Projekt geflossen, dann ist es zwangsläufig zum Erfolg verdammt

Die „Schutzwaldsanierung“ wird wohl weiterlaufen, auch um: „eine nachhaltige Sicherung unserer Aufwendungen zu garantieren“, wie Staatsminister Brunner versichert. Ein Ende ist nicht abzusehen: „Durch den Klimawandel entstehen auch bei angepassten Wildbeständen immer wieder neue und leider auch teure Sanierungsflächen.“ 

Von den bisher ausgewiesenen 14.000 Hektar Sanierungsflächen sind ja bisher nur knapp 3.800 Hektar vollständig. Und jedes Jahr kommen weitere Flächen dazu. Für die Teilnehmer des Pressegesprächs blieb ein fader Beigeschmack: Ein Endlos-Projekt wurde hier vorgestellt, das beträchtliche Haushaltsmittel verschlingt, aber auch Fachpersonal in großer Mannschaftsstärke in Lohn und Brot hält. 

Die Kollateralschäden wurden bei dem Termin in Ettal deutlich: Große Pflanzenfresser haben in diesem Projekt keinen Platz. Naturschutzflächen und geschützte Arten leiden durch Pflanzung, Bebauung und Dauerjagd. Und vor allem haben gelitten: Transparenz und Wahrheit.

Quelle: Christine Miller

Quelle: BGland24.de

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