Was tun bei häuslicher Gewalt?

"Jede Frau kann sich aus Gewalt befreien"

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Frauen, die häusliche (oder sexuelle) Gewalt erfahren mussten, bekommen bei "Frauen helfen Frauen" Hilfe

Burghausen - Frauen erdulden Schläge und psychische Gewalt ihres Mannes mitunter über Jahre. Wollen sie sich trennen, suchen sie oft Hilfe - und finden sie in Burghausen.

Frauen, die einen Termin bei Regula Klodt-Seland in Burghausen haben, blicken oft auf einen langen Leidensweg zurück. Die Sozialpädagogin ist eine von vier hauptamtlichen Mitarbeiterinnen der Fachberatungsstellen von "Frauen helfen Frauen" und berät Frauen, die häusliche Gewalt erfahren haben. Klodt-Seland weiß: Wer den Mut gefasst hat, zur Beratung zu kommen, hat meist nicht ein-, zweimal eine Ohrfeige bekommen, sondern musste über Monate oder gar Jahre häusliche Gewalt erdulden - in Form von Schlägen, Beleidigungen, Bedrohungen. Es gebe viele Frauen, die sich die Frage stellen, warum sich Frauen so etwas gefallen lassen, sagt die Sozialpädagogin. Diese Frauen sind der festen Überzeugung: Wenn mein Partner mich schlägt, verlasse ich ihn. "Das würde ich stark bezweifeln", sagt Klodt-Seland. "Wenn dann eine Entschuldigung folgt und der Partner erklärt, dass das ein einmaliger Vorfall war, mag man das auch glauben."

"Sie bauen ihr Leben praktisch neu auf"

Unter der Telefonnummer 08677/7007 können Frauen und Mädchen, die häusliche oder sexuelle Gewalt erfahren haben, von Montag bis Freitag von 9 bis 16 Uhr - auch anonym - Kontakt aufnehmen und einen kostenlosen Beratungstermin vereinbaren. Außerdem gibt es einen telefonischen Bereitschaftsdienst bis 22 Uhr, auch am Wochenende.

Eine Trennung ist zudem immer ein großer Schritt. Auch mit einem gewalttätigen Partner hat man sich schließlich ein gemeinsames Leben aufgebaut. "Wenn sie entscheiden, sich zu trennen, bauen sie ihr Leben praktisch neu auf", sagt Klodt-Seland. Rein rechtlich hat sich in den letzten Jahrzehnten zwar viel getan, wie Michaela Müller erklärt, ebenfalls Sozialpädagogin und bei "Frauen helfen Frauen" für die Beratung bei sexueller Gewalt zuständig. "Bestimmte Abhängigkeiten sind im Einzelfall trotzdem eine Hürde", sagt Müller. Zum einen leiden unter häuslicher Gewalt die Psyche und das Selbstvertrauen. Zum anderen sind viele Frauen auch heute noch finanziell von ihrem Partner abhängig. Laut Klodt-Seland haben etwa 90 Prozent der Frauen, die zur Beratung wegen häuslicher Gewalt kommen, kein geregeltes Einkommen oder sind Geringverdiener.

Trennung? Das entscheidet die Frau selbst

Michaela Müller berät bei sexueller Gewalt. Auch von weit zurückliegendem Missbrauch sind Frauen oft traumatisiert. In der Beratung werden sie stabilisiert und bekommen bei Bedarf eine Therapie vermittelt.

In der Beratung zeigen die Sozialpädagoginnen den Frauen auf, welche Möglichkeiten sie im Falle einer Trennung haben. Hat eine Frau kein eigenes Einkommen, kann sie über Hartz IV sogar Unterstützung für eine Erstausstattung in ihrer neuen Wohnung beantragen - kein Luxus, aber zumindest eine Hilfe, um auf eigenen Beinen stehen zu können. "Jede Frau hat die Möglichkeit, sich aus der Gewaltsituation zu befreien", sagt Klodt-Seland. Die Beratung bei "Frauen helfen Frauen" ist kostenlos, die Sozialpädagogen unterliegen einer Schweigepflicht. Über einen sogenannten "Beratungsschein" können sich Frauen sogar kostenlos anwaltlich beraten lassen. Wie Müller betont, informiere man die Frauen aber nur, welche Möglichkeiten sie haben - man rate ihnen nicht zu einer Trennung. "Die Entscheidung trifft die Frau selber", sagt Müller.

Aus dem Frauenhaus zurück zum Partner? "Wir werten das nicht"

Die Arbeit von "Frauen helfen Frauen" finanziert sich zum Teil über Spenden. Am Samstag, 14. November, findet im Burghauser Bürgerhaus von 8 bis 16 Uhr ein CD-, DVD- und Schallplattenflohmarkt zugunsten von Frauen helfen Frauen statt. CDs, DVDs und Schallplatten können von 11. bis 13. November im Bürgerhaus abgegeben werden.

Frauen, die nach einer Trennung nicht sofort eine Wohnung finden, kommen oft bei Verwandten oder Freunden unter. Ist das nicht möglich, ist das Frauenhaus von "Frauen helfen Frauen" eine Anlaufstelle. Dort können sie wohnen - sogar mit ihren Kindern - bis sie eine eigene Wohnung gefunden haben. Klodt-Seland leitet das Frauenhaus und schätzt, dass 98 Prozent aller Frauen mit minderjährigen Kindern ihre Kinder mitnehmen, wenn sie ins Frauenhaus ziehen. Ein Frauenhaus ist kein Heim, sondern eher mit einer Wohngemeinschaft zu vergleichen. Die Frauen organisieren ihren Alltag selbst und kümmern sich eigenständig um die Kinder. Sie werden allerdings von den Sozialpädagogen beraten und bekommen Hilfe bei Behördengängen. Sobald sie eine eigene Wohnung gefunden haben - was viele Monate dauern kann - ziehen sie wieder aus. Manche Frauen gehen aber auch zu ihrem Partner zurück. "Wir werten das nicht", sagt Klodt-Seland. Klappt es mit dem Partner wieder nicht, steht den Frauen jederzeit wieder das Frauenhaus offen.

Quelle: innsalzach24.de

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