Burnout bei Pfarrern

Wenn der Pfarrberuf zur Belastung wird

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Ungewöhnliche Arbeitszeiten, 60-Stunden-Wochen, die Erwartungshaltung der Gemeinde: Manche Seelsorger empfinden ihren Beruf als Belastung.

Die große Mehrheit der Pfarrer ist mit Leib und Seele Seelsorger. Für manche wird ihr Beruf allerdings zur Belastung. Burnout bei Pfarrern - lange ein Tabuthema in Deutschland.

Der katholische Pfarrer von Neuötting, Florian Wöss, verlässt die Kirche. Seinen Abschied begründete der 44-Jährige in seinem letzten Gottesdienst mit dem Zölibat, aber auch damit, dass er nach seinem Burnout vor zwei Jahren wenig Unterstützung von seinen Dienstherren erfahren habe. Professor Dr. Andreas von Heyl weiß nur allzu gut, dass manche Pfarrer ihren Beruf (auch) als Belastung empfinden.

Heyl ist evangelischer Theologe und war viele Jahre selbst Gemeindepfarrer, später Klinikseelsorger. 2003 hat Heyl eine viel beachtete Studie zum Thema Burnout bei Pfarrerinnen und Pfarrern veröffentlicht, seit 2012 gibt es außerdem "Das Anti-Burnout-Buch", in dem der 63-Jährige seine Gedanken zu dem Thema niedergeschrieben hat.

Heyl lehrt als Privatdozent an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau, betreut Pfarrer im Probedienst, gibt Seminare und hält Vorträge zu den Themen Seelsorge, Medizinethik und Burnout bei Pfarrern. Innsalzach24.de hat mit Heyl darüber gesprochen, welche Belastungen der Pfarrberuf mit sich bringt und wie Pfarrer damit umgehen können.

innsalzach24.de: Herr Professor von Heyl, wie verbreitet sind Burnouts unter Pfarrern?

Heyl: In meiner Studie war von bayernweit knapp 300 befragten evangelischen Pfarrern etwa die Hälfte völlig unbelastet. Die andere Hälfte hat sich aber zumindest als gefährdet erwiesen. Das war ein besorgniserregendes Ergebnis. Pathologisch betroffen waren damals 1,2 Prozent.

Ist Burnout bei Pfarrern ein relativ neues Phänomen?

Im angelsächsischen Sprachbereich, zum Teil auch in Skandinavien, ist das Thema "Burnout in Ministry", also Burnout im Pfarramt, seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein heiß diskutiertes und wissenschaftlich bearbeitetes Thema. In Deutschland war das Thema bis zum Jahr 2000 etwa überhaupt nicht auf dem Schirm. In Wahrheit geht es aber den deutschen Pfarrern auch nicht viel besser als den amerikanischen. Man kann daraus schließen, dass das Thema stark tabuisiert wurde – aus Angst, was auch verständlich ist, denn wer gibt schon gerne zu, dass einem die Dinge über den Kopf wachsen.

Was kann den Pfarrberuf zur Belastung machen?

In der evangelischen Kirche ist der Pfarrer in seiner Gemeinde mehr oder weniger das Mädchen für alles, er kümmert sich um die Leitung des Kindergartenpersonals, das Immobilienmanagement, Fundraising und Verwaltungsaufgaben. Er sieht sich mit vielerlei Anforderungen belastet, die mit dem Eigentlichen seines Berufs gar nichts zu tun haben. Viele Pfarrer und Pfarrerinnen haben das Gefühl, dass sie für Dinge wie das Predigen oder die Seelsorge oft zu wenig Zeit und Ruhe haben. Außerdem fehlt vielen Pfarrern die Zeit zur ausreichenden Bewegung. Entweder sitzen sie oder sie stehen bei ihrer Berufsausübung.

Welche Rolle spielen die Arbeitszeiten?

Man geht davon aus, dass Pfarrer im Schnitt etwa 60 Stunden die Woche arbeiten; und die Arbeitszeit ist nicht am Stück, sondern zerstückelt. Das ist ziemlich anstrengend.

Welche Belastungen kommen bei katholischen Pfarrern hinzu?

Die katholischen Pfarrer haben, so vermute ich, wesentlich mehr mit Einsamkeit zu kämpfen als die evangelischen, die in der Regel alle verheiratet sind. Das ist aber auch nicht immer Friede, Freude, Sonnenschein, weil der Pfarrberuf einem "normalen" Familienleben ziemlich abträglich ist, weil man oft Abendtermine hat und ständig unterwegs ist. Auch sind die Arbeitszeiten der Pfarrer zum Teil gegenläufig zu denen der Gesamtbevölkerung. Wenn die anderen frei haben – am Wochenende, am Abend –, arbeitet er.

Wird von den Pfarrern zu viel verlangt?

Pfarrer sehen sich oft einem ziemlichen Erwartungsdruck ausgesetzt von Seiten der Gemeinde. Früher war allen Menschen klar, was ein Pfarrer zu tun hat: Er predigt, spendet die Sakramente und hält kirchlichen Unterricht. Heute soll er Manager sein, er soll mit den Kindern schöne Spielstunden machen, er soll sich um die Alten kümmern, soll sozialarbeiterisch tätig sein und so weiter. Hinzu kommt, dass die meisten Menschen meinen, die Kirche ist der Klub der netten Leute und der Pfarrer ist natürlich der Netteste von allen netten Leuten. Er soll immer freundlich sein, immer Zeit haben, immer das rechte Wort finden.

Welche Folgen hat das?

Etliche Pfarrer erleben sich nur noch als maskenhaft. Sie können nicht so sein, wie sie wirklich sind. Die Aggressionen werden unterdrückt. Sie möchten vielleicht mit der Faust auf den Tisch hauen, aber das trauen sie sich nicht. Das bindet viel emotionale Energie.

Belasten auch die Kirchenaustritte die Pfarrer?

Die Pfarrer geben sich Mühe und sind vor allem in jungen Jahren noch mit Herzblut dabei – und erleben: Immer weniger Leute interessieren sich für das, was wir tun. Dieser Rückgang der Kirchlichkeit in der Bevölkerung ist eine narzisstische Kränkung für die Pfarrer, eine Kränkung des Selbstwertgefühls.

Haben Sie auch selbst Ihren Beruf als belastend erlebt?

Ja, durchaus. Ich habe selber Phasen gehabt, wo ich relativ depressiv war und manchmal an der Grenze zum Ausgebranntsein. An der Grenze dahin, dass ich gesagt habe, das habe ich mir anders vorgestellt, ich würde am liebsten aus dem Beruf rausgehen. Aber in einem bestimmten Alter können Sie das eigentlich nicht mehr.

Was haben Sie unternommen?

Ich bin in den Spezialdienst gegangen, in die Klinikseelsorge, wo ich nur am Kerngeschäft dran war: Besuche von Kranken, Gespräche führen, um ihnen ihre Lage zu erleichtern. Das hat mir sehr gut getan.

Was raten Sie jungen Pfarrer?

Ich rate ihnen vor allem: Bleibe beziehungsweise werde, wer du bist. Lass dich nicht von außen verbiegen durch irgendwelche Erwartungen, die dir nicht auf den Leib geschrieben sind. Habe den Mut, du selbst zu sein. Achte auf deine Gesundheit. Und schau, dass du immer wieder schöne Elemente in deinem Beruf erlebst und die auch verkostest.

Was zum Beispiel?

Das ist vielleicht ein bisschen überraschend, aber für viele Pfarrer ist die Beerdigung eine sehr schöne Veranstaltung – letztlich, weil da die Leute ganz aufgeschlossen sind, einem zuhören und man sie trösten kann. Wenn man eine Trauerfeier gehalten hat – das gilt aber auch für die Hochzeitsfeier, die Tauffeier oder einen schönen Gottesdienst –, wo man das Gefühl hat, das hat den Leuten etwas gegeben, dann sollte man das noch eine Weile verkosten, sich darüber freuen, dass der Heilige Geist einem die richtigen Worte eingegeben hat und dass es eine Feier war, die die Menschen auferbaut und gestärkt hat. Es kommt aber in der Regel dann immer gleich das Nächste, das Nächste und das Nächste. Irgendwann hat man dann das Gefühl, nur noch zu funktionieren. Deshalb rate ich den Pfarrern und Pfarrerinnen, mit denen ich zu tun habe, auch, dass sie ein Diensttagebuch führen und dadurch dokumentieren, was sie alles tun.

Ist es wichtig, Zeit für ein Gebet zu haben?

Absolut wichtig. Eine der Kernaufgaben des Priesters beziehungsweise des Pfarrers ist es, den Menschen zu helfen, ihren Glauben zu finden oder zu bewahren. Aber wie kann er das, wenn er selber seinen Glauben verliert? Unser Beruf besteht hauptsächlich im Kommunizieren. Ich rede den ganzen Tag und versuche, mich in die Leute einzufühlen. Wenn ich dann abends nach Hause komme um zehn Uhr, vielleicht nach der letzten Sitzung, dann habe ich den Kanal so voll, dann habe ich keine Energie mehr, mich hinzusetzen und die Bibel zu lesen oder zu meditieren. Dann mache ich den Fernseher an und hole mir vielleicht eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und will einfach nur noch abschalten. Das ist letztlich äußerst ungesund auf lange Sicht, weil wir unseren Wurzelgrund verlieren.

Was sollte ein Pfarrer tun, wenn ihm sein Beruf zu viel wird?

Dass man einen schlechten Tag hat, ist völlig normal. Auch eine schlechte Woche ist normal. Aber wenn man das Gefühl hat, das geht schon vier Wochen so und ich habe überhaupt keine Freude mehr am Leben, dann ist ein Arztbesuch indiziert oder der Besuch bei einem Psychologen, um gemeinsam herauszufinden, was mit einem los ist.

Insgesamt klingt der Pfarrberuf nach viel Belastung.

Ja, wir haben in unserem Gespräch jetzt nur auf die belastenden Seiten geschaut. Andererseits ist der Pfarrberuf einer der schönsten Beruf überhaupt. Und die weit überwiegende Mehrheit der Pfarrerinnen tut ihren Dienst gerne und mit großem Engagement. Richtig ausgebrannt oder depressiv sind vielleicht drei bis fünf Prozent der Pfarrerschaft. Das entspricht in etwa auch dem Stand der Gesamtbevölkerung. Man geht davon aus, dass richtig pathologisch ausgebrannt etwa fünf Prozent der Bevölkerung.

Interview: Alexander Belyamna

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Info: Wenn der Pfarrberuf doch zu viel wird

Im Rahmen der Maßnahme "Atemholen" können Mitarbeiter der evangelischen Kirche bei Fortzahlung des Gehalts für vier Wochen in ein geistiges Zentrum gehen, etwa auf den Schwanberg, zur Christusbruderschaft nach Selbitz oder nach Taizé. Diese vier Wochen werden nicht vom Urlaub abgezogen. Außerdem können sie im Haus "Respiratio" in Schwanberg eine sechswöchige Therapie machen, etwa um berufliche oder familiäre Probleme aufzuarbeiten. Eine vergleichbare Einrichtung der katholischen Kirche ist das Haus "Recollectio" in der Abtei Münsterschwarzbach. Ein Aufenthalt dort dauert zwölf Wochen. Als besonders nachhaltig bezeichnet Heyl allerdings einen zwölfwöchigen Aufenthalt in einer Burnoutklinik, wo die Menschen sowohl psychisch als auch körperlich behandelt würden.

Quelle: innsalzach24.de

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