Au am Inn: Nach Vorwürfen eines Zeugen

Eine bewusste Diffamierung? 

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Vorwürfe eines ehemaligen Mitarbeiters haben dazu geführt, dass die Staatsanwaltschaft zunächst ermittelte.

Landkreis - Vor einigen Monaten hat ein ehemaliger Mitarbeiter einer Heimeinrichtung schwere Vorwürfe gegen die Konzeption und Methodik von Kinderheimen erhoben. Die Staatsanwaltschaft wurde eingeschaltet, belegbare Prüfungen und richterliche Beschlüsse vorgelegt. Doch Ruhe kehrt nicht ein.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Ein ehemaliger Heilerziehungspflegehelfer hat schwere Vorwürfe gegen seinen früheren Arbeitgeber erhoben. Behinderte Kinder sollen demnach in dem Kinderheim in Au am Inn teils ohne richterlichen Beschluss fixiert und eingesperrt worden sein.
  • Beim BGH ist seit einigen Jahren hinterlegt, dass diese Erlaubnis auch rückwirkend eingeholt werden kann.
  • Die Staatsanwaltschaft Traunstein hat 2015 wegen der Anschuldigungen erneut Ermittlungen aufgenommen, das Verfahren wurde eingestellt.
  • Emilia Müller, bayerisches Sozialministerin, will mehr Informationen über regelmäßige Prüfungen von Einrichtungen wie etwa Kinderheime einholen.

"Es macht uns betroffen, dass Herr K. auch nach drei Jahren immer wieder ein Forum für seine Anschuldigungen findet. Nachdem alle Vorwürfe von der Justiz und der Heimaufsicht inzwischen bereits mehrmals eingehend und detailliert geprüft worden sind, gehen wir von einer bewussten Diffamierung  aus", so der Geschäftsführer der Franziskanerinnen, Alois Haslberger. Die Kongregation ist Trägerin des Kinderheims im Gemeindegebiet Gars am Inn. Erneut kamen nach einem Vorwurf eines ehemaligen Mitarbeiters die Methoden im Heimalltag öffentlich zur Diskussion. Sozialministerin Emilia Müller möchte sich näher mit den Prüfungen der Heime auseinandersetzen und in welcher Regelmäßigkeit diese stattfinden.

Dass Kinderheime geprüft werden, scheint unumgänglich, weil nur dann auch die Kostenerstattung für Therapien erfolgen könne, erklärte ein Heimmitarbeiter aus dem Altlandkreis Wasserburg.

Wurden Heime bewusst an den Pranger gestellt?

Sich um behinderte Kinder und Jugendliche zu kümmern, ist eine besondere Aufgabe. Kinderheime gibt es auch in der Region. Die Mitarbeiter handeln nach medizinischen Therapieplänen und erstellten Konzepten, die auf jedes einzelne Kind je nach Diagnose zugeschnitten ist. Auch richterliche Beschlüsse kämen zur Wirkung. Dies sei notwendig, weil nur dann bestimmte Therapieformen in der Praxis umgesetzt werden könnten, heißt es von einem Heimleiter aus der Region.

Nachdem ein ehemaliger Mitarbeiter jedoch einer öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalt ebenso wie auch anderen Redaktionen Unterlagen und persönliche Meinungen zugespielt hatte und seine letzte Arbeitsstelle enorm an den Pranger stellte mit Behauptungen und Vorwürfen, hat sich der Bayerische Rundfunk an Recherchen gemacht, die sich überwiegend auf die Aussagen des ehemaligen Pflegehelfers stützten. Dieser war nur wenige Monate in der Einrichtung, die er nun so sehr unter Beschuss nimmt.

Die Staatsanwaltschaft hat nach einer Anzeige im vergangenen Jahr Ermittlungen getätigt, das Verfahren wurde eingestellt.

Von mehreren Einrichtungsleitern aus der Region heißt es - wie auch schon im vergangenen Jahr, dass jede Einrichtung regelmäßig geprüft werde und stets ein richterlicher Beschluss oder eine Ärztliche Verordnung zu bestimmten Therapieansätzen führen würden. Ohne solche Anordnungen durch Gerichte oder Ärzteschaft würde es nie zu bestimmten Abläufen kommen.

Zutiefst empört zeigte sich Bürgermeister Norbert Strahllechner. Solch wichtige Einrichtungen zu verunglimpfen und degradieren, sei eine Frechheit, so der Rathauschef aus Gars.

Angespielt hatte der ehemalige Heimmitarbeiter, der schon mehrere Einrichtungen nach kurzem Arbeitsverhältnis wieder verließ, auf ein behindertes Kind, das in einer Art gesichertem Bettgestell, das einem Käfig gleiche, teilweise Zeit verbringe.

Das Kinderheim und sein Alltag

Die Einrichtungsstruktur erklärte der Geschäftsführer der Kongregation der Franziskanerinnen aus Au am Inn, Alois Haslberger genauer: "Unser Heilpädagogisches Kinderheim Haus Maria hat einen Intensiv-Pädagogischen Bereich, in dem 3 geschlossene Wohngruppen betrieben werden. In diesen Wohngruppen werden Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene betreut, die zusätzlich zu der geistigen und/oder mehrfachen Behinderung eine tief greifende Entwicklungs-, Verhaltens-, und Emotionale Störung aufweisen. (ICD10, F8 und F9 ). Die Gruppengröße erfasst jeweils maximal 6 Plätze.

Aufnahme finden bei uns geistig- und mehrfachbehinderte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ab dem 3. Lebensjahr bis zum Ende der Schulpflicht.

Mit unserem Intensiv-Pädagogischen-Betreuungsangebot bieten wir eine spezifische Wohnform für Kinder und Jugendliche an, die auf Grund von geistiger Behinderung und schwerer psychiatrischer Erkrankung nicht länger in ihren bisherigen Familien und Bezugssystemen bzw. in stationären Wohnheimgruppen leben können", so Haslberger.

Die Kinder und Jugendlichen, die sich in den Wohngruppen befinden, haben nach Auskunft durch die Heimleitung zur primär geistigen Behinderung folgende Störungsbilder:

Schwere Kontaktstörungen z.B. fehlende Kontaktaufnahme, sozialer Rückzug, Verhaltensstereotypien, Nähe-Distanz-Probleme, autistische Symptome, erhebliche emotional-affektive und soziale Fehlentwicklungen  oder schwerwiegende Lebens- und Persönlichkeitskrisen, Fremdaggressives Verhalten, schizophrene Symptome,  Autoaggressives Verhalten, Akute oder chronische psychische Krisen z.B. Angstzustände, Depressionen, hyperaktives Verhalten, dissoziales Verhalten, Suchtverhalten z.B. Essstörungen, zwanghafte, stereotype Verhaltensformen, Häufiges Schmieren mit den eigenen Ausscheidungen, Massive Weglauftendenzen, Massive Wahrnehmungs- und Orientierungsprobleme, auffälliges Sexualverhalten. Gezielte Maßnahmen sollen den Alltag für diese Kinder und Jugendlichen so normal wie möglich gestalten, heißt es.

Den Vorwurf, Kinder und Jugendliche würden "eingesperrt", ihrer Freiheit beraubt und dergleichen, belächeln zahlreiche Mitarbeiter der Einrichtungen - wohlwissend, dass Therapiemaßnahmen auf die Kinder von offizieller Seite in Anordnung und regelmäßiger Prüfung stehen. Auch die Eltern würden involviert.

Umso trauriger zeigen sich die Verantwortlichen der Kinderheime sowie die Mitarbeiter, dass durch Aussagen eines sehr kurzzeitig arbeitenden Heilerziehungspflegehelfers und durch Beschuldigungen, die die Staatsanwaltschaft Traunstein geprüft hat, erneut so viel Unruhe in den Heimalltag kommt.

Bereits im Herbst 2015 teilte Franziskanerschwester Roswitha aus Au mit, man sei traurig über die Tatsache, an den Pranger gestellt zu werden. Man kümmere sich gut um die anvertrauten Kinder und Jugendlichen, so Schwester Roswitha. Damals gab es viele Reaktionen der Leser sowie der Heimmitarbeiter, die sich sehr über die Vorwürfe aufgeregt hatten.

Auf Nachfrage heißt es von der Heimleitung aus Au am Inn, dass alle Kinder in den Intensiv-Pädagagogischen-Wohngruppen finden Aufnahme nach § 1631b BGB fänden. Diese sei immer verbunden mit einer Genehmigung des Familiengerichtes.

Eine geschlossene Unterbringung stützt sich immer auf ein medizinisches – psychiatrisches Gutachten einer Fachklinik. Bei jeder Aufnahme eines Kindes haben wir den richterlichen Beschuss dem Kostenträger vorzulegen. Dessen Fachdienst überprüft nochmals ob unsere Einrichtung die geeigneten Rahmenbedingungen und das richtige Leistungsangebote hat. Die Kostenübernahmezusage ist davon abhängig.

"Leider kam diese Tatsache in den Behauptungen und den ausgestrahlten Sendungen nicht vor", bemängeln Mitarbeiter der Einrichtung.

Jeder Aufenthalt in einem eventuellen Auszeitraum werde zeitlich dokumentiert und stets überwacht. Die Eltern seien involviert in solche Therapiemaßnahmen, heißt es weiter von der Heimleitung.

Im September 2015 kam es zu folgender Stellungnahme des Franziskushauses wegen der Vorwürfe des ehemaligen Mitarbeiters:

"Für einen Bewohner haben wir im Wohnzimmer einen Spezialstuhl mit einer Bauchfixierung. Diese Maßnahme, die über den Tag verteilt auf maximal 3 Stunden begrenzt ist ermöglicht dem Kind die Teilhabe am Gruppengeschehen ohne sich selbst oder andere zu verletzen", so Alois Haslberger, der Geschätsführer der Kongregation der Franziskanerinnen.

"Die sorgeberechtigten Eltern werden bereits beim ersten Aufnahmegespräch über alle Einzelheiten zur geschlossenen Wohngruppentür und der Nutzung des Auszeitzimmers individuell und differenziert informiert und beraten. Bei der Heimaufnahme liegt das Einverständnis der Eltern dazu immer vor. Der Antrag auf geschlossene Unterbringung wird von den Eltern beim Familiengericht gestellt", erläuterte Haslberger weiter.

"Die Elternzufriedenheit im Intensiv-Pädagogischen-Bereich ist sehr hoch. Das Konzept für die Anwendung von „Auszeitmaßnahmen“ wurde in enger Kooperation mit der St. Lukasklinik in Liebenau, der Heimaufsicht und dem Fachdienst des Kostenträgers entwickelt. Seit Eröffnung des Intensiv-Pädagogischen-Bereiches haben wir eine enge Kooperation mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Heckscher Klinik. Die psychiatrische Versorgung der Kinder und die fachliche Beratung der Mitarbeiter durch einen erfahrenen Kinder- u. Jugendpsychiater ist sicher gestellt.

Von Anfang an waren die zwei Familienrichter vom Amtsgericht Mühldorf bei der Entstehung des Intensiv-Pädagogischen-Bereiches mit eingebunden. In vielen Gesprächen (runder Tisch) und Besuchen mit Begehungen vor Ort wurden alle rechtlichen Auflagen und Voraussetzungen besprochen und festgelegt".

Quelle: innsalzach24.de

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