Ex-Ministerpräsident aus Oberaudorf wird 75

Weggefährten, Kollegen und Kontrahenten gratulieren Stoiber

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Edmund Stoiber Anfang September bei den Feierlichkeiten zum 70. Jubiläum der Jungen Union Oberbayern in Traunstein

Wolfratshausen/Oberaudorf - Von Ruhestand will er nichts wissen – auch wenn der CSU-Ehrenvorsitzende heute seinen 75. Geburtstag feiert. Gegner, Weggefährten und sein Alter Ego gratulierten dem gebürtigen Oberaudorfer.

Edmund Stoiber wuchs in bescheidenen Verhältnissen in Oberaudorf auf.

Bei einem Besuch in Rosenheim las Edmund Stoiber 2013 aus seiner Autobiographie und erzählte, wie er in eher ärmeren Verhältnissen in Oberaudorf aufgewachsen ist. Er besuchte später das Ignaz-Günther-Gymnasium in Rosenheim. Seine Leidenschaften waren allerdings weniger in der Schule zu finden, vor allem nicht in Latein, sondern im Fußballspielen. So gehörte er dem ASV Kiefersfelden anund siegte in diesem Verein auch einmal gegen den TSV 1860 Rosenheim bei einer Oberbayerischen Schülermeisterschaft (bis 14 Jahre) in Brannenburg mit 1:0. Er schoss das Tor. Ihr "Bauernfünferl" habe er sich damals zum Dank noch anhören dürfen, was er heutzutage allerdings nicht mehr zu sich sagen lasse, so Stoiber in seinen Erzählungen.

Neben dem Fußball galt Stoibers Augenmerk offenbar auch den Frauen: "Oberaudorf war ja ein Fremdenverkehrsort, in dem die Leute ständig kamen und gingen. Man hatte dann eine Freundin, die fuhr aber nach 14 Tagen wieder und dann kam eine neue", witzelt der ehemalige Ministerpräsident. Und dennoch lernte er recht früh, mit 22 Jahren, seine Frau Karin kennen. Immer wieder besucht er, wie zuletzt 2014 seinen Heimatort. Auch in Rosenheim wurde er vor einer Weile gesichtet:

Zuletzt besuchte er die Region offiziell beim Festakt zum Jubiläum der Jungen Union Oberbayern in Traunstein. Dort sprach er als Festredner.

Die Junge Union Oberbayern feierte in Traunstein ihr 70-jähriges Bestehen

Hier gratulieren Gegner, Weggefährten und sein Alter Ego dem gebürtigen Oberaudorfer.

Flüchtlingsdebatte, Europas Zukunft – diese Themen treiben Edmund Stoiber um. „In meinen Kindertagen waren Menschen über 70 sehr, sehr alt. Heute halte ich es mit Professor Peter Gruss, dem ehemaligen Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, der sagt: Das biologische Alter hinkt hinter dem tatsächlichen um 15 Jahre hinter“, so Stoiber. In der tz gratulieren Weggefährten, politische Gegner – und sein „zweites Ich“, Michael Lerchenberg.

Sie waren 23 Jahre lang Edmund Stoibers Double auf dem Nockherberg – jetzt wird Ihr Alter Ego 75. Darf ich Ihnen da auch gratulieren?

Michael Lerchenberg, Ex-Stoiber-Double: Na ja, das ist schon sein Geburtstag! Und ich bin ja zehn Jahre jünger, da trennt uns doch ein bissel was.

Fehlt Ihnen Stoiber?

Politisch fehlt er ja nicht wirklich: Er ist rege und erlebt derzeit einen dritten Frühling in der Politik. Was aber durchaus fehlt – und das empfinden wahrscheinlich auch viele in der CSU so – das ist seine Leidenschaft. Stoiber ist einer, der für die Sache kämpft und brennt, der sich zerreißt für seine Anliegen. Solche Politiker sind heute rar geworden.

Sie sind Stoiber in den vielen Jahren als Double ja auch persönlich nähergekommen. Haben Sie da Seiten am privaten Stoiber kennengelernt, die Sie überrascht haben?

Stoiber hat wirklich Humor, kann auch über sich selber lachen. Es gibt sicher nicht viele Leute, die Edmund Stoiber mit einem Lachkrampf erlebt haben! Das war, als wir für unseren Auftritt bei der Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst in Aachen geprobt haben. Damals hatte ich einen Dialog geschrieben, dass ich als sein Double den Orden abhole und wir dann darüber diskutieren: Wer von uns ist der Echte? Stoiber hätte den Dialog auswendig lernen müssen – was er natürlich nicht gemacht hat, weshalb er sich bei unserer Probe von Satz zu Satz hangelte – und sich dabei schlapp lachte. Er klebte sich überall Spickzettel hin, die er dann verwechselte – es war eine saukomische, denkwürdige Theaterprobe.

Lerchenberg: Stoiber "hat echte Nehmer-Qualitäten"

Hat Stoiber sich bei Ihnen auch mal über eine Parodie beschwert?

Nie. Er hat da wirklich Nehmer-Qualitäten. Der Nockherberg hat für ihn einen hohen Stellenwert gehabt.

Was bleibt von Stoibers Ära als Ministerpräsident? Das Wolfratshausener Frühstück? Die Transrapid-Rede?

Die Verkürzung der Gymnasialzeit wimmelt immer weiter weg, seinen Sparkraftakt am Ende seiner Ministerpräsidentenzeit musste man in Bayern lange verdauen … Aber ich glaube, was wirklich bleiben wird: Er hat die CSU in eine neue Zeit geführt – nach Strauß, nach Streibl. Der Pragmatiker Stoiber hat nach dieser verkrusteten Amigo-Politik einen neuen politischen Stil eingeführt. Und was auch bleiben wird: Bayern ist es letztendlich in dieser Zeit gut gegangen!

Ist Stoiber parodieren leicht oder schwer?

Stoiber mit Doppelgänger Michael Lerchenberg.

Am Anfang war es für mich insofern leicht, weil ich nicht allzu viel Text hatte am Nockherberg: Stoiber war damals ja nur ein Staatssekretär. Ich musste im Wesentlichen nur groß und blond sein und immer hinter dem Strauß her wuseln. So wie er dann die Ellbogen ausgefahren und eine politische Karriere gemacht hat, so habe ich das parallel auf der Nockherberg-Bühne wiederholt und wurde so zum Hauptdarsteller. Was schwer war: Ich habe eine Zeit lang gebraucht, bis ich seinen Sprachduktus draufhatte. Für mich ist deshalb die Transrapid-Rede verständlich! Man muss nur die Kommas richtig setzen! Diese Gedankensprünge, die schrecklich langen Satz­ungetüme mit fünf eingeschobenen Nebensätzen … Dann braucht man natürlich die berühmte Äh-Gedankenpause, damit man noch weiß, mit welchem Wort höre ich eigentlich den Satz auf. Dazu kommt noch sein Hang, sich besonders präzise auszudrücken, was dann in diesen berüchtigten Verschwurbelungen endet. Als ich das alles mal erkannt hatte, war es relativ einfach!

Sind beim heutigen Polit-Personal Leute dabei, denen Sie eine ähnlich lange Nockherberg-Karriere zutrauen wie Stoiber?

Der Stephan Zinner als Söder ist ja schon kräftig dabei. Dieter Reiter hat auch gute Chancen. Ansonsten sehe ich da im Moment niemanden. Allerdings: Bei Seehofer weiß man nie — der wird am Ende Bundeskanzler und bleibt das dann so lange wie Merkel. Sakradi! Was weiß man, was weiß man …

Weiter doubeln? "Das ist wirklich vorbei"

Merkel gab es ja auch schon als Kohls Mädchen am Nockherberg…

Ja, es ist eine merkwürdige Eigenschaft des Nockherberg, dass der etwas Prophetisches hat! So wie die Pythia durch Dämpfe aus Erdspalten zum Orakel von Delphi wurde, machen die Bierdünste die Autoren vom Nockherberg visionär. Entweder bei der Auswahl der Figuren, wie es bei Merkel oder mir mit Stoiber war. Oder bei politischen Vorhersagen.

Sind Sie im Laufe der Jahre Stoiber ähnlicher geworden?

Ich bin ja seit 13 Jahren Intendant eines Theaters – und Sie glauben nicht, wie oft ich in dieser Zeit den Standard-Stoi­ber-Satz gesagt habe: „Wenn man nicht alles selber macht …“ Da sind wir uns wirklich ähnlich geworden – wie Stoiber in seine Akten verbeiße ich mich auch oft in Kleinigkeiten, weil man halt alles perfekt machen will.

Edmund Stoiber ist zuletzt ja wieder politisch ziemlich aktiv, in Brüssel, in diversen TV-Talkshows – juckt es Sie da, ihn auch mal wieder zu doubeln?

Nein, das ist wirklich vorbei. Ich habe damals gesagt: Wenn er aufhört, höre ich auch auf. Und ich habe dann wirklich nie wieder die blonde Perücke aufgesetzt. Ich denke, das ist auch gut so. Es war eine schöne, lustige Zeit — aber ich habe da wirklich einen Haken dahinter gemacht.

Stoibers 75.: Das sagen Weggefährten und politische Gegner

Seit rund 40 Jahren kreuzen sich immer wieder die Wege von Edmund Stoiber und mir. So manchen harten Streit haben wir ausgefochten. Aber eines habe ich an ihm immer respektiert: Er ist ein Vollblutpolitiker, wie es nur wenige in Deutschland gibt.

Alt-Kanzler Gerhard Schröder (SPD)

Sehr geehrter, lieber Herr Stoiber,

politische Gegner waren wir meistens, aber Feinde waren wir nie. Wir haben uns auch in unseren aktiven Zeiten wertgeschätzt, und das gilt bis heute – nicht zuletzt,weil wir beide Politik mit und aus Leidenschaft betrieben haben. Insgeheim haben wir uns – manchmal – auch gegenseitig recht gegeben: Ich Ihnen, als Sie Bayern mit Verve modernisiert haben, Sie mir in späteren Jahren bei meinen Vorstellungen einer zeitgemäßen Familienpolitik.

Manchmal habe ich Sie dahin gewünscht, wo der Pfeffer wächst, zum Beispiel, als Sie mich mit Ihrer High-Tech-Offensive kalt erwischt haben. Und manchmal haben Sie mir ein unerwartetes politisches Geschenk gemacht, als Sie Oberbayern als die Steigerung von Bayern bezeichneten und ich in allen sechs anderern Bezirken fragen konnte, welchen Stellenwert diese jeweils für Sie haben. Wir waren beide auf sehr unterschiedliche Weise „bierzelttauglich“ und unsere Doubles und damit auch wir haben beim Singspiel auf dem Nockherberg Furore gemacht.

Heute sind Sie „elder statesman“und ich „elder stateswoman“. Das ist nicht jeden Tag einfach.

Deshalb wünsche ich Ihnen nicht nur viel Gesundheit für die nächsten 25 Jahre und viel Freude an und mit Ihrer Familie, sondern auch die notwendige Gelassenheit, die heutige Generation Politik auf ihre Weise machen zu lassen. Auch dann, wenn Sie (und ich) es ganz anders machen würden.

Herzlichen Glückwunsch zum 75. Geburtstag!

Ihre Renate Schmidt (Ex-Chefin der Bayern-SPD) 

Wichtiger Berater: Stoiber mit Ministerpräsident Horst Seehofer.

„Ich wünsche Edmund Stoiber zu seinem 75. Geburtstag von Herzen alles Gute. Als Ministerpräsident hat er Bayern in den 14 Jahren seiner Amtszeit geprägt und vorangebracht – mit unermüdlicher Energie, großer Leidenschaft und echter Liebe zu seinem Land und den Menschen in Bayern. Er ließ sich stets von der Grundüberzeugung leiten, dass gute Politik auch das Wohl künftiger Generationen im Auge haben muss. Und so hat Edmund Stoiber auch gehandelt. Das gilt ganz besonders für den von ihm begründeten Haushalt ohne neue Schulden und die Förderung von High-Tech und Wissenschaft für zukunftsfähige Arbeitsplätze im ganzen Land. Edmund Stoiber hat dafür gesorgt, dass Bayern in der Champions League spielt. Sein Rat und seine Meinung sind auch heute wichtig und gefragt. Ich hoffe, dass uns sein politischer Scharfblick, sein Gespür für Stimmungen bei den Menschen und sein streitbarer Geist noch lange erhalten bleiben.“

Horst Seehofer, Bayerischer Ministerpräsident und Vorsitzender der CSU

Die Herkunft von Edmund Stoiber und vielen weiteren Prominenten aus der Region können Sie auch in unserem Promi-Atlas nachschlagen.

hs/Klaus Rimpel

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