Sie kroch in das völlig demolierte Autowrack

"Alles war voller Blut": Ersthelferin von Waging erzählt 

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Sie selbst leisteten vorbildliche Arbeit - beeindruckt zeigt sich das Ehepaar Eder aber von der Arbeit der Waginger Feuerwehr. 

Waging - Josef Eder und seine Frau Inge waren auf dem Weg in die Berge. Wie so oft an den Wochenenden und nach dem Hochwasser in ihrer Heimatstadt Simbach am Inn. Sie wollten zum Spazieren in die Alpen, etwas entspannen. 

Es kam anders. 

Wir werden an dieser Stelle wiedergeben, was sie erlebten. Es geht nicht um eine Heldengeschichte. Das Ehepaar meldete sich sich auch nicht direkt bei uns, drängte nicht an die Öffentlichkeit. Wir nahmen Kontakt zu ihnen auf, weil sie richtig handelten in dieser Extremsituation. Weil uns ihre Zivilcourage anleiten kann, wenn wir selbst einmal in eine solche Situation geraten. 

"Wir haben funktioniert"

Direkt vor ihnen ereignete sich an diesem Samstagmorgen, am 30. Juli, auf der Straße zwischen Waging und Freilassing ein verheerender Unfall. Eine 28-Jährige saß übermüdet am Steuer und prallte mit ihrem Auto gegen einen Baum. Sie und ihr Beifahrer (41) wurden schwerst verletzt. 

"Wir hielten unser Auto direkt hinter dem Unfallwagen", beginnt Inge Eder ihre Schilderung. Es sprudelt nur so aus ihr heraus. Man merkt sofort: Die Eindrücke haben sich in ihr Gehirn gebrannt, lassen die 55-Jährige nicht mehr los. An Schlaf ist seit Samstag nicht zu denken. 

Zuerst sieht das Ehepaar Rauch, dann einen Mann, den Beifahrer, der völlig unter Schock und senkrecht am Radweg sitzt. Daraufhin stellen sie fest, dass es noch ein Unfallopfer gibt. "Um Gottes willen, da sitzt noch jemand drin", schoss es der Ersthelferin durch den Kopf. 

Sofort handelt das Ehepaar Eder: "Wir haben funktioniert". Dabei mussten sie bislang noch nie bei einem Unfall helfen. Josef Eder (56) sichert mit einem Warndreieck die Unfallstelle ab, spricht den schockierten Mann an, betreut ihn. Er hat kein Handynetz und kann daher keinen Notruf absetzen. Deshalb spricht er andere Autofahrer an, einer fährt weiter, die anderen helfen. Die Helfer müssen den Berg herunterlaufen, um endlich Empfang zu bekommen.

Inge Eder zieht sich derweil eine Warnweste über und klettert in den völlig demolierten Unfallwagen. Dort erblickt sie die 28-Jährige: Sie ist bis zur Brust eingeklemmt, klaffende Wunden, überall Blut. Die Fahrerkonsole ist auf die Beifahrerseite verschoben worden. Ein Glücksfall in der Tragödie, dass die zierliche Frau (160 cm, 53 kg) sich über die Beifahrertür in das Wrack hineinquetschen kann. 

Die Ersthelferin versucht den Kopf der Verletzten mit der Hand und ihrer zusammengerollten Jacke zu stabilisieren. Redet mit ihr, hält sie bei Bewusstsein, streichelt sie, macht ihr Mut: "Es ist schon Hilfe da, es dauert nicht mehr lange", verspricht sie der schmerzerfüllten Fahrerin, als das erste Blaulicht zu sehen ist. "Mir war klar, dass sie nicht ins Koma fallen darf, sonst ist sie weg!", so Eder. Zuerst bemerkt die Helferin auch gar nicht, dass ein Rettungshubschrauber neben ihr landet, in einem solchen Tunnel befindet sie sich. 

Feuerwehrkräfte "ruhig, kontrolliert, ohne Panik"

Dann kommt die Feuerwehr und schneidet die Fahrerin aus dem Wrack. Am Anfang der Rettungsmaßnahme befindet sich auch noch Inge Eder im Wagen. Von der Leistung der Floriansjünger zeigt sie sich beeindruckt: "Ruhig, professionell, total kontrolliert, ohne Stress oder Panik", seien sie vorgegangen. Jeder habe gewusst, was er machen muss. 

Als der Notarzt da ist und sie aus dem Wrack gezogen wird, geht sie "wie eine Marionette" zu ihrem Mann. Gefühlt dauerte alles für sie drei Stunden. In Wahrheit etwa eine halbe Stunde. Erst da bemerkt Eder, dass ihre Arme bis zu den Ellenbogen in Blut getränkt sind, sie überall Splitter und Schnittwunden hat. Ein Sanitäter versorgt sie. 

Auf der Heimfahrt bricht die ganze Anspannung aus ihr heraus. Das Paar fährt zur Tochter. Inge Eder befindet sich seitdem in ärztlicher Behandlung. Ihr Mann, der als Hausmeister bei der Simbacher Polizei arbeitet, findet durch die Wiederaufbauarbeiten nach dem Hochwasser Ablenkung. 

"Man schafft das!"

Wie denkt sie nun, drei Tage nach dem Unfall, über ihren Einsatz? "In diesem Moment spüren Sie nichts, fühlen Sie nichts, wollen nur helfen. Es ist unsere Bürgerpflicht." Abgeschlossen hat sie damit noch nicht, sie möchte auch unbedingt wissen, wie es den Verletzten geht. "Ich erinnere mich an ihren Geruch, an ihre Stimme, alles ist noch in mir." 

Auch die Angst ist noch spürbar. Als sie in das zerdrückte Fahrzeug kroch, rauchte es, es roch nach dem Getriebeöl und verschmortem Plastik. Sie befürchtete, dass das Auto in Flammen aufgehen und sie dort verbrennen könnte. Trotzdem blieb sie bei der Verletzten, stand ihr bei.

Nach diesem Erlebnis möchte Inge Eder allen empfehlen, die Kenntnisse über Erste Hilfe aufzufrischen. Und auch wenn alles so schwierig zu verarbeiten sei, sie würde erneut in dieses Unfallauto steigen: "Man schafft das!"

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Die beiden Insassen des Unfallautos werden noch immer auf Intensivstationen behandelt. Mehr konnte die Polizeiinspektion Laufen auf Anfrage unserer Redaktion nicht sagen.

Bilder vom schweren Unfall zwischen Waging und Teisendorf

Quelle: chiemgau24.de

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