"Dort anfangen, wo alle anderen aufhören"

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Schneizlreuth - Höhlenrettungsgruppen aus Freilassing, Rosenheim, München und Murnau konnten zum ersten Mal überhaupt mit einem Bundespolizei-Transporthubschrauber üben.

17 Einsatzkräfte der Bergwacht-Höhlenrettungsgruppen aus Freilassing, München, Murnau und Rosenheim konnten zum ersten Mal überhaupt mit einem Transporthubschrauber der Bundespolizei üben, wie im Ernstfall innerhalb kürzester Zeit eine zweistellige Zahl an Rettern und mehrere hundert Kilo Ausrüstung vom Tal zum Eingang einer abgelegenen alpinen Schachthöhle geflogen werden. Übungsobjekt waren die Hirscheckschächte auf dem Hochplateau der Reiter Alm.

Verpflegung in der Reichenhaller Kaserne

Mit ihren Einsatzfahrzeugen sind die Höhlenretter aus Freilassing, München, Murnau und Rosenheim alle in die Reichenhaller Kaserne gekommen. Jeder bekommt Wurstsemmeln, Schokoriegel und Getränke, denn auf der Hochfläche gibt es nur Heidelbeeren und Sickerwasser im Schacht – dann landet der Hubschrauber. „Logistik, Planung und Vorbereitung sind die halbe Miete. Unsere Arbeit bedeutet, dort anzufangen, wo alle anderen aufhören“, erklärt der Freilassinger Höhlenrettungschef Peter Hogger.

Höhleneinsätze sind Materialschlachten

Die schwierigen Höhleneinsätze sind wahre Materialschlachten und sehr personalintensiv, weshalb im Ernstfall innerhalb kürzester Zeit eine große Zahl an Einsatzkräften und sehr viel Ausrüstung zum Höhleneingang gebracht werden müssen, um einen Verunfallten lebend retten zu können. Am Berg geht das bei guter Lage und Straßenanbindung mit Fahrzeug oder Seilbahn, in der Regel aber nur im mehrstündigen Fußmarsch. Spielt das Wetter mit, können die Retter per Hubschrauber direkt am Höhleneingang abgesetzt werden.

Die Bundespolizei-Fliegerstaffeln betreiben mit ihren mittleren Transporthubschraubern „AS 332 Super Puma“ ein entsprechend großes und leistungsstarkes Muster mit insgesamt 21 Sitzplätzen und einer maximalen Zuladung von fast dreieinhalb Tonnen. „So können in nur einem Anflug sehr viele unserer Leute samt Ausrüstung zur Höhle gebracht werden“, erläutert Hogger. In voller persönlicher Schutzausrüstung posieren die Bergwacht-Fledermäuse dann mit Hochstaufen-Hintergrund vor der blauen Maschine; dann gehts bei schönstem Spätsommerwetter ab in die Lüfte. Auf der Hirschwiese am Hochplateau steigt die Gruppe aus; nur Dr. Hubert Glässner und Andreas Wolf werden mit der Rettungswinde in der Nähe des Schachteinstiegs im Bergwald abgesetzt. Sie müssen gleich das Materialnetz in Empfang nehmen, mit dem rund 400 Kilo Gepäck zum Höhleneingang geflogen werden. Siegi Fritsch und Guido Fick werden ebenfalls per Winde am gegenüberliegenden Grat des Alphorns abgesetzt, dem Nordostpfeiler der Reiter Alm, und bauen dort eine Funk-Relaisstation auf, damit sich die Retter während der Übung über den Funkschatten hinweg mit der Einsatzleitung in der Kaserne verständigen können, denn ein Handynetz gibt es dort oben nicht.

Opfer liegt am Grund des Schachtes

Die Aufgabe: Max Mustermann und Anton Blaumann schauen sich eine Höhle an. Anton hat den ersten Umsteiger eingebohrt und fährt am Restseil in die Tiefe; leider hat er vergessen, einen Knoten ins Seilende zu machen. Da liegt er jetzt unten, am Grund des Schachtes, der Blaumann. Der Mustermann kommt gar nicht mehr runter zu ihm, weil er zu wenig Seil hat, aber alarmieren, das kann er. „Ein Szenario für unsere Leute, das durchaus so passieren könnte... jederzeit!“, meint Hogger. Nach einer guten halben Stunde Sucherei im Chaos-Gelände des Hirscheck-Osthangs finden die Retter endlich den gut versteckten Eingang in die Unterwelt. Über einen leicht bemoosten, mit allerlei Grünzeug überwucherten Einstiegsteil gehts mit Abseilgeräten rund 20 Meter nach unten, danach folgt ein weiterer 30 Meter tiefer Schacht in die Finsternis der unbekannten, noch nicht vermessenen Höhle.

Bergwacht-​Fledermäus​e heben ab

Nach fünf Metern schwebt Vorausmann Benni Bichler frei nach unten; das Licht seiner Stirnlampe reicht zunächst nicht bis zum Boden, wo ein Schneekegel von den vergangenen Wintern zeugt. Große, lose Gesteinsbrocken drohen auf einmal nach unten auf die Retter zu stürzen, müssen angebohrt und gesichert werden. Kurzerhand richten die Retter einige Meter weiter, wo der Fels fester ist, eine zweite, sichere Abseilstelle ein.

Alles im Zeitplan

„Patient Blaumann hat den freien Fall aus 20 Metern leider nicht überlebt!“, melden die nachrückenden Einsatzkräfte über Funk und Höhlentelefon an die Oberfläche. Leichenbergung für den blauen Overall ist angesagt „Gut so, das geht wesentlich schneller und heute drängt sowieso die Zeit, weil um 14.30 Uhr der Hubschrauber schon wieder zum Abholen kommt“, meint Siegi Fritsch gelassen. An der Oberfläche bastelt der Rest der Gruppe einen Mannschaftsseilzug zusammen, um den Toten möglichst rasch ans Tageslicht zu ziehen. Artur Hofmann, dem Höhlenbeauftragten der Bergwacht im Hochland, geht das alles noch zu langsam – in einer dreiviertel Stunde soll bereits das Lastennetz mit der ganzen Ausrüstung abholbereit verschnürt im Berghang bereitliegen und jeder Retter sauber auf der Hirschwiese stehn – im Hubschrauber drinnen mögen sie nämlich keinen Höhlendreck. Mit der Hilti bohrt er den Haken für die zweite Abseilstelle und fährt nach unten, um seine Leute ein wenig mehr in Fahrt zu bringen. Dann geht alles wie im Flug: Innerhalb kürzester Zeit ist die Aufgabe komplett abgearbeitet. Alles im Zeitplan.

Doch als die Puma wieder am Himmel auftaucht, kommt es plötzlich ganz anders: Die Piloten stellen ein technisches Problem fest und müssen sicherheitshalber in der Kaserne landen. Die zuvor noch gehetzten Höhlenretter haben nun erst einmal Pause, um die Blaubeeren und den schönen Spätsommertag am Berg zu genießen. Die 400 Kilo Gepäck müssen zu Fuß bis zur Straße getragen werden, wo sie in einer spontan organisierten Hilfsaktion der Bundeswehr mit dem Unimog des Lenzenkasers zur Seilbahn gebracht und am Montag ins Tal gefahren werden. Aus Oberschleißheim kommt währenddessen ein zweiter, kleinerer Transporthubschrauber mit einem Techniker, der das Problem in der grünen Wiese behebt. Währenddessen werden die Einsatzkräfte im Pendelverkehr zurück ins Tal geflogen. „Mit Gummistiefeln wäre der Abstieg zu Fuß für manche von uns nicht so einfach gewesen“, meint Andreas Wolf.

"Der Einsatz kommt früher oder später"

Im Reichenhaller Bergwachthaus fachsimpeln die Spezialeinsatzkräfte danach über alles, was man besser machen hätte können und die Unvorhersehbarkeiten, die ein echter Einsatz so mit sich bringt. Hogger: „Wir haben heute bewusst gemischte Teams aus allen vier Höhlenrettungsgruppen zusammengestellt, damit sich die Leute besser kennenlernen. Bei großen Einsätzen müssen sie auch ohne Vorlaufzeit Hand in Hand zusammenarbeiten. Und der Einsatz kommt früher oder später bestimmt; dann brauchen wir jeden, der verfügbar ist und einen möglichst großen Hubschrauber.“

Pressemitteilung BRK Bad Reichenhall (ml)

Quelle: BGland24.de

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