"Für mich war Altmanns Vater ein Nazi"

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Altötting - Andreas Altmanns Buch schlägt Wellen. Jetzt hat ein ehemaliger Spielkamerad uns interessante Einblicke in Altmanns Jugend und dessen Buch gewährt.

Herbert Hönigsberger hat zwischen 1954 und 1962 in Altötting gewohnt - und zwar als direkter Nachbar der Familie Altmann. So hat er genau die Phase in Andreas Altmanns Lebens miterleben können, die der Schriftsteller in seinem Buch "Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend" beschreibt.

"Von der Gewalt im Altmann-Haus glaube ich jedes Wort"

Von den Misshandlungen und der Gewalttätigkeit des Vaters Altmann hat Hönigsberger als Bub zwar nicht direkt etwas mitbekommen. Dennoch aber glaubt der 63-Jährige jedes Wort von Andreas Altmanns Beschreibungen. "Wir haben den Vater immer als enorm streng wahrgenommen, als strenge Instanz. Wenn er erschien, hatte man sofort ein schlechtes Gewissen, ohne etwas verbrochen zu haben. Ich war nur ein einziges Mal bei Andreas im Haus - und da erschien sofort der Vater und es war klar: Wir waren hier nicht erwünscht!" Hönigsberger hatte ohnehin nicht in erster Linie Interesse an einer Freundschaft mit "Anderl", wie Altmann damals genannt wurde, sondern mit dessen älteren Bruder. "Der war die Glanzgestalt der Familie. Ein toller Sportler, ein hübscher Bub, den habe ich immer bewundert." Alle anderen Altmann-Kinder beschreibt Hönigsberger als "sonderlich, heute würde man sagen uncool." Die Spielkameraden erster Wahl waren sie nicht gerade. "Sie hatten halt einen großen Garten und eine Tischtennisplatte, das war eher der Grund, sie zu besuchen." Komisch seien ihm die Kinder immer vorgekommen, schon als Junge hätten er und seine Freunde das gemerkt. "Die haben immer verschreckt und hysterisiert gewirkt. Es war klar, dass im Hause Altmann irgendwas los war, aber was genau, wussten wir natürlich nicht." Auch bei Hönigsberger zu Hause sei des öfteren über die Nachbarn und deren familiäre Verhältnisse diskutiert worden. "Frau Altmann galt in der Nachbarschaft als verrückt und sehr schrill. Sie war auch nicht immer daheim, sondern wohl auch mal in Kliniken untergebracht. Allerdings habe ich sie immer als sehr schöne Frau empfunden." Stadtgespräch sei auch das Verhältnis des Vaters mit der Haushälterin Detta gewesen. "Das wusste man. Ich habe also nicht den geringsten Zweifel daran, was Anderl da über seinen Vater berichtet. Das wird so gewesen sein."

Problem: "Altmann beschreibt mir Altötting und den Katholizismus viel zu subjektiv"

Das heißt aber noch lange nicht, dass Hönigsberger mit allen Schilderungen im Buch einverstanden ist. Er teilt es in drei Ebenen auf: Die Ebene mit der väterlichen Gewalt, die Ebene Altötting und die Ebene Katholizismus. "So sehr ich hinter der ersten Ebene von Andreas' Buch stehe, so kritisch stehe ich den anderen beiden Ebenen gegenüber." Hier müsse man differenzieren. Vor allem, was einen Punkt angeht: Hönigsberger glaubt nicht, dass Altmanns Vater ein fanatischer Katholik, sondern vielmehr ein unbelehrbarer Nazi war. "Das Verhalten des Vaters auf den Glauben runterzubrechen, scheint mir falsch. Ich bin selbst in einer sehr gläubigen Familie groß geworden, aber ich und mein kleiner Bruder wurden nie geschlagen. Auch die Kleriker im Kirchenunterricht haben uns nie geschlagen, weil wir aus einer katholischen Honorablen-Familie stammten. (Auch der alte Altmann hätte als "Rosenkranzkönig" als solcher gelten sollen.) Außerdem war Altmann selbst auf keiner Weise im städtischen Leben integriert, schon gar nicht bei kirchlichen Anlässen. Deswegen glaube ich nicht, dass Altmann wirklich gläubig war.Er hat sich vielleicht nur hinter diesem Glauben versteckt, um seine Nazi-Überzeugung auszuleben."

Was Altmann daheim erleben musste, hat ihn - verständlicherweise - ein Stück weit blind gemacht

"Wir sind im Unterricht vom Lehrer auch geschlagen worden, haben unsere Tatzen abbekommen, aber wir haben es irgendwie ertragen - und schon gar nicht haben wir da seelische Schäden davongetragen", beschreibt Hönigsberger. Der Sozialwissenschaftler vermutet, dass Altmann die Schule und Altötting so schlecht empfunden hat, weil er durch die Geschehnisse zu Hause gebrandmarkt war. "Ihm hat das alles mehr ausgemacht. Er hat sich als geprügeltes Kind empfunden. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass es ihm in der Schule schlechter ergangen ist als uns anderen", so Hönigsberger. Das Buch ist Altmanns Abrechnung mit seiner Jugend - und als solche berechtigt subjektiv. "Ich unterstütze das. Er hatte wohl das Bedürfnis, das Buch zu schreiben, dann sollte er das auch tun", so Hönigsberger. Aber er selber wolle differenzieren. "Ich habe Altötting ganz anders empfunden. Ich habe gern dort gelebt und als wir umzogen, wollte ich gar nicht weg. Ich verstehe Andreas' Hass. Ich musste nicht erleben, was er erlebt hat. Aber die katholische Kirche ist zu vielschichtig, um sie so einseitig zu beschreiben."

ds

Quelle: innsalzach24.de

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