Gips nur gegen Vorkasse

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Rosenheim/Landkreis - Einmal kurz nicht aufgepasst: Beim Skiurlaub in Tirol übersah Gerlinde M. aus dem Landkreis Rosenheim eine Unebenheit auf der Piste, stürzte und brach sich den Arm.

Als sie als Kassenpatientin im Behandlungszimmer eines österreichischen Arztes saß, wollte der erst einmal Bares sehen: Den Gips gab's nur gegen Vorkasse. Glücklicherweise akzeptierte der Arzt eine Kreditkarte.

"Das sind Fälle, die es eigentlich nicht geben dürfte, die aber leider immer wieder vorkommen", bestätigt Kathrin Heydebreck von der Techniker Krankenkasse (TK). Denn eigentlich ist die Behandlung von gesetzlich krankenversicherten EU-Bürgern bei Notfällen innerhalb der Europäischen Union in einem Sozialversicherungsabkommen geregelt. Demnach müssen gesetzlich Versicherte, die beispielsweise einen Skiunfall in Österreich haben, dort in einem Krankenhaus oder von einem Arzt gegen Vorlage der European Health Insurance Card (EHIC), der Europäischen Gesundheitsversicherungskarte, kostenlos behandelt werden.

In der Praxis kommt es aber immer wieder zu Problemen. Die Erfahrung, die Gerlinde M. gemacht hat, ist kein Einzelfall. Dabei geht es in den meisten Fällen nicht einmal um Abzocke. Manche Ärzte scheuen offenbar den bürokratischen Aufwand, ihre Leistungen über die EHIC mit der deutschen Krankenkasse des Patienten abzurechnen oder haben schlicht Angst, auf der Rechnung sitzen zu bleiben. Eine Furcht, die nicht ganz unberechtigt ist: 2008 hatten allein die Tiroler Krankenhäuser unbezahlte Rechnungen ausländische Wintersporttouristen in Höhe von 66 Millionen Euro in den Büchern.

Doch es hakt oft noch an anderer Stelle: "Es passiert immer wieder, dass die Karte im Ausland nicht akzeptiert wird", weiß Herbert Prill von der AOK Rosenheim. Auch gesetzlich Versicherte erhalten in solchen Fällen eine Rechnung für ihre Behandlung durch eine Klinik oder einen Arzt, wie es bei Privatpatienten üblich ist. Die Behandlungskosten hat der Patient dann zunächst selbst zu tragen. "Die Rechnung kann man daheim einfach bei seiner Krankenkasse einreichen und bekommt sein Geld wieder erstattet", so Prill.

Doch wie schaut es aus, wenn ein Kassenpatient nach Privatsätzen behandelt wird? Wer mit gebrochnem Bein oder gesplittertem Ellbogen von der Piste abtransportiert wird, fragt meist nicht vorher, in welches Krankenhaus er gebracht wird. So landen Kassenpatienten immer wieder in Privatkliniken oder bei Ärzten, die nur nach den Sätzen für Privatpatienten behandeln. Hier gibt es tatsächlich ein Problem, bestätigt Prill: "Wir dürfen nur die bei uns üblichen Kassensätze ersetzen." Kassenpatienten müssen die Differenz aus eigener Tasche drauflegen.

Wer auf Nummer sicher gehen möchte, kann eine Zusatzversicherung für genau solche Fälle abschließen. Neben Behandlung und Krankentransport nach Hause übernimmt die Versicherung häufig auch die Bergungskosten von Skisportlern. Denn wer beispielsweise mit dem Hubschrauber von der Piste abtransportiert werden muss, hat die Kosten in jedem Fall selbst zu tragen.

Um Abrechnungsprobleme von vornherein zu vermeiden, haben verschiedene Krankenkassen, wie AOK oder TK zusätzlich indviduelle Verträge mit einzelnen Krankenhäusern in beliebten Skigebieten in Österreich und Italien abgeschlossen. Die Kliniken akzeptieren die normalen Versicherungskarten und sind in die elektronische Abrechnung der Kassen eingebunden.

Gerlinde M. hatte Glück im Unglück: Sie bekam ihr Geld von ihrer Krankenkasse zurück. Der Arzt hatte nur die üblichen Kassensätze in Rechnung gestellt. Keine Selbstverständlichkeit: In manchen Tiroler Skiorten gibt es keine Kassenvertragsärzte mehr.

Die EHIC

Wer als gesetzlich Versicherter ins EU-Ausland fährt, sollte für den Fall des Falles die blaue EHIC im Gepäck dabei haben. Sie hat die früher üblichen Vordrucke ersetzt. Die EHIC enthält die Daten, die für die Gewährung von medizinischen Leitungen und die Kostenerstattung notwendigt sind. Bei manchen Krankenkassen, etwa der TK, befindet sich die EHIC auf der Rückseite der normalen Versicherungskarte. Bei anderen Kassen, wie der AOK, muss sie formlos beantragt werden.

Klaus Kuhn (Oberbayerisches Volksblatt)

Rubriklistenbild: © dpa

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