Der verschwundene Riesen-See

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Rosenheim - Wo heute Städte wie Rosenheim oder Bad Aibling liegen, erstreckte sich vor 16.000 Jahren ein gigantisches Gewässer. Erstmals gibt es eine Karte vom sogenannten Rosenheimer See.

Der Max-Josefs-Platz in der Rosenheimer Innenstadt: Touristen flanieren durch die Fußgängerzone oder sie sitzen in einem der Straßencafés vor den typischen Rundbögen der prächtigen Bürgerhäuser. Wohl die wenigsten von ihnen wissen, dass sie noch vor 16 000 Jahren auf dem Grund eines Sees mit gigantischen Ausmaßen gehockt wären. Rosenheim völlig unter Wasser? Ja, denn zum Ende der Würmeiszeit erstreckte sich der sogenannte Rosenheimer See über weite Teile des Alpenvorlandes. Jetzt haben Spezialisten des Landesamts für Umwelt erstmals eine detaillierte Karte des verschwundenen Gewässers angefertigt. Gute zwei Jahre war Geologe Ernst Kroemer mit mehreren Kollegen im Rosenheimer Becken unterwegs. Jeden Stein hat er umgedreht, unter jede Wurzel geschaut, ist durch Brombeersträucher gekrochen und hat Brennessel-Felder durchquert.

Der verschwundene Rosenheimer See war etwa 420 Quadratkilometer groß. Er entstand, als sich der Inngletscher zurückzog und ein gigantisches Loch hinterließ.

Insgesamt war er 1000 Kilometer zu Fuß bei Wind und Wetter unterwegs. Immer im Gepäck: Ein tragbarer Computer, ein GPS-Gerät, Spaten und Bohrstock. Der Geologe sieht seine Arbeit mit wissenschaftlicher Nüchternheit. „Die Geländetätigkeit ist sehr befriedigend, man sieht sofort Ergebnisse.“ Entstanden ist der 420 Quadratkilometer große See als sich der Inngletscher vor rund 25 000 Jahren wie ein gigantischer Mörser aus dem Inntal in den weichen Boden des Voralpenlandes gegraben hat. Als es wieder wärmer wurde, zogen sich die Eismassen zurück. Übrig blieb ein ziemlich großes Loch, dass sich nun mit Schmelzwasser füllte. Der See reichte dann von Oberaudorf im Süden bis nach Wasserburg im Norden.

Roland Eichhorn, Chefgeologe am Landesamt für Umwelt, schätzt die Größe des Gewässers auf etwas kleiner als die des heutigen Bodensees, dem größten See Deutschlands. Der Grund, warum Letzterer noch existiert, sein früheres Pendant bei Rosenheim aber von der Landkarte verschwunden ist, ist simpel. Mit der Zeit füllte sich das Becken mit dem Geschiebe der Alpenflüsse, also mit Kies und Fels. Zum Schluss waren von der einstigen Tiefe von 300 Metern nur noch klägliche 20 Meter übrig. Das Ende für den Rosenheimer See kam dann vor etwa 12 000 Jahren – mit dem Inn, der jetzt die Landschaft prägt. Der Fluss bahnte sich damals seinen Weg durch die Endmoränenwälle, die den See quasi einbetteten. Das Riesen-Gewässer lief nun völlig leer. „Wie wenn man den Stöpsel in der Badewanne zieht“, erklärt Eichhorn.

Heute sind nur noch die Überbleibsel des einst gewaltigen Gewässers zu sehen. Zwischen Raubling, Bad Aibling und Bad Feilnbach erstrecken sich noch ausgedehnte Moorgebiete. Und sozusagen als letzte Pfütze ist der Simssee übrig geblieben.

Die Karte, die die Wissenschaftler jetzt über den See aus der Vergangenheit angefertigt haben, hat für die Gegenwart große Bedeutung. Chefgeologe Roland Eichhorn dazu: „Geologische Karten sind für regionale Planungsverbände, Planungsbüros und Kommunen wertvolle Hilfen, wenn es um die Sicherung von Grundwasservorkommen, Bodenschätzen oder die Nutzung von Erdwärme geht.“

Tobias Gehre

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