Ermittlungen zum Tod von Andre B.

Kopfschuss: "Der Fall ist verhandlungsreif!"

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Burghausen - Der 33-jährige André B. wurde durch die Kugel eines Mühldorfer Zivilfahnders getötet. Die Ermittlungen gehen allerdings schleppend voran, auch wenn Anwalt Erhard Frank meint: "Der Fall ist verhandlungsreif!"

Der 33-jährige André B. ist tot - die Kugel des Mühldorfer Zivilfahnders Michael K. traf ihn am 25. Juli 2014 in den Hinterkopf. Eigentlich hätte der Fahnder nur einen Haftbefehl, der bereits im April 2014 ausgestellt wurde, vollstrecken sollen, doch die Situation lief völlig aus dem Ruder: André, dem der (bis heute nicht bestätigte) Handel mit Marihuana vorgeworfen wurde, flüchtete. Michael K. feuerte daraufhin seine Waffe ab und verletzte den Burghauser tödlich.

Bei Familie und Freunden hinterließ der sinnlose Tod von André eine Lücke - die immer noch, 454 Tage nach der missglückten Festnahme, jeden Tag bemerkbar ist. "Ich bin immer noch kaputt und fertig", erklärt seine Mutter Lilia. Sie hofft nun wenigstens auf Gerechtigkeit: "Ich schulde meinem Sohn Recht." 

Doch noch immer steht nicht fest, ob sich der Schütze vor Gericht für den Tod des Deutschrussen verantworten muss. Wenige Tage nach der Aktion wurde er suspendiert. Wie es von Seiten der Polizei in einer Pressemeldung hieß, sei dies nicht aus disziplinarischen sondern aus Fürsorge- und Schutzgründen ihm gegenüber geschehen. Wie bereits im November 2014 berichtet, soll Michael K. anonyme Todesdrohungen erhalten habe. Laut dem Anwalt der Nebenklage, Steffen Ufer, würde es für eine konkrete - noch dazu andauernde - Bedrohung nach Aktenlage aber keinerlei Belege geben. Der Anwalt des Schützen, Andreas von Máriássy, wollte sich gegenüber innsalzach24.de nicht zu einer eventuellen Bedrohung seines Mandanten äußern - zu groß sei der Schutzgedanke ihm gegenüber.

Der bayerische Staatsminister Joachim Herrmann drückte sein Anteilnahme am Tod von André aus - und versicherte, wie wichtig ihm die Aufklärung in diesem Fall ist.

Die Vorwürfe, die Staatsanwaltschaft würde das Verfahren verschleppen, werden immer lauter und auch bei den Anwälten, die Andrés Mutter für eine Nebenklage engagiert hat, Steffen Ufer aus München und Erhard Frank aus Burghausen, steigt das Unverständnis für die langen Ermittlungen in Traunstein. Mehrere Gutachten wurden bereits erstellt, nun wurde laut Frank ein neues Ergänzungs-Gutachten in Auftrag gegeben.

Dass Kinder zum Zeitpunkt des tödlichen Schusses an der angrenzenden Wiese Fußball spielten, drücke die Fahrlässigkeit der gesamten Aktion am besten aus, so Nebenklage-Anwalt Frank. Auch wollte das LKA anscheinend einen jugendlichen Augenzeugen erneut befragen, doch sein Vater ließ dies nicht zu - der Junge hätte bereits genug durchgemacht.

Frank erklärt, man müsse sich erst mal die Frage der Verhältnismäßigkeit stellen:"Wenn jemand so nah an einem Menschen vorbeischießt (Anm. d. Redaktion: Die tödliche Kugel ging direkt an dem Kollegen des Schützen vorbei. Der zweite Zivilfahnder hatte zudem Angst, selbst getroffen worden zu sein), dann muss man sich schon die Frage stellen, ob dieser Jemand wahnsinnig ist."

Er vertritt die Meinung, dass ein Prozess unabdingbar sei, um den Sachverhalt zu klären. Zudem erklärt er: "Der Fall ist verhandlungsreif!" Jedoch sagt ihm seine jahrzehntelange Erfahrung und sein Bauchgefühl, dass die Anklage von Michael K. relativ unwahrscheinlich sei nach all der Zeit. Sollte sich die Staatsanwaltschaft Traunstein gegen eine Anklage entscheiden, so werde man laut Frank aber Beschwerde beim Generalstaatsanwalt einreichen. Sollten alle Stricke reißen, gebe es noch das Klage-Erzwingungsverfahren, führt der Anwalt aus.

Wenn es zu einem Prozess gegen den Schützen kommt, wird dieser laut Frank vermutlich wegen fahrlässiger Tötung, die im klaren Gegensatz zu einer vorsätzlichen Tötung steht, angeklagt. Auf diesen Straftatbestand steht laut §222 des StGB ein Strafrahmen, der von einer Geldstrafe bis hin zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren reicht. Auch eine Anklage wegen Totschlags, also die vorsätzliche Tötung eines Menschen, könnte dem Fahnder bevorstehen: Dafür könnte er laut §212 StGB eine Freiheitsstrafe zwischen fünf und 15 Jahren bekommen. Frank hält einen minder schweren Fall des Totschlags jedoch für "absurd" - hierzu müsste André den Schützen gereizt und ihn zu der Tat hingerissen haben.

Ein Engel wacht über das Grabmal André B.s - die Kosten für die Bestattung, das Grabmal und den Anwalt musste die Mutter des Toten aus eigener Tasche bezahlen.

Eine Zivilklage wird es im Falle einer Einstellung des Verfahrens wohl zusätzlich geben. Diese wird sich dann gegen den Dienstherren des Schützen, den Freistaat Bayern, richten. Denn die Mutter des Opfers, Lilia B., hat seit dem 25. Juli 2014 enorm hohe Kosten zu tragen. Alleine dem Anwalt muss sie für das vergangene Jahr rund 15.000 Euro bezahlen, hinzu kommen das Begräbnis und der Grabstein für ihren einzigen Sohn. Bislang trug ihr Ehemann die Kosten, auch ihr Anwalt kam ihr bereits entgegen - doch den Preis, den sie für ein Stück Gerechtigkeit zahlen muss, kann auch sie nicht ewig aufbringen.

Vielleicht gelingt bald der Durchbruch im Todesfall André B.. Oberstaatsanwalt Wolfgang Giese, der die Ermittlungen leitet, betont, welch neutralen Standpunkt die Staatsanwaltschaft in dem Fall vertritt: "Wir wollen sowohl zugunsten als auch zulasten des Beschuldigten alles rausholen." Einen Zeitpunkt, wann die Ermittlungen abgeschlossen sein könnten, wollte Giese aber erneut nicht nennen.

Aus unserem Archiv:

Augenzeuge beschreibt die Schüsse:

Augenzeuge beschreibt die Todesschüsse

Bilder vom Tatort:

Schießerei in Herderstraße

Festnahme missglückt: Mann erschossen!

Mahnwache für den 33-Jährigen:

Mahnwache in Burghausen

Trauerbekundung:

Trauerbekundung für 33-Jährigen

Quelle: innsalzach24.de

Rubriklistenbild: © ps

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