ARTIKELSERIE: MEINE NEUE HEIMAT - WIE DENKEN ZUGEZOGENE ÜBER BAYERN?

"Lasst den Bayern ein wenig Zeit, Euch kennen zu lernen"

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Christoph Gerz am Chiemsee

Landkreis - Wie fühlen sich Zugezogene im schönen Bayern? Was denken sie über Land und Leute? Wir wollten von Nichtbayern wissen, wie sie über Ihre neue Heimat denken.

Einige Leser haben uns auf unseren Aufruf hin von ihren Erfahrungen mit ihrer neuen Heimat, positive wie negative, berichtet. Diese Eindrücke möchten wir wir im Rahmen der Artikelserie "Bayern - meine neue Heimat" veröffentlichen. Vielleicht bekommt der ein oder andere dadurch eine neue Sicht auf unser schönes Oberbayern und seine Menschen.

Jeden Sonntag wird ein Erfahrungsbericht veröffentlicht

Vergangene Woche haben wir einen sehr emotionalen Erfahrungsbericht einer einsamen Rheinländerin veröffentlicht, worauf hin sich einige Menschen bei uns gemeldet haben. Diese Berichte möchten wir Ihnen nicht vorenthalten.

Hier die "Antworten" auf den Beitrag der Rheinländerin:

Christoph Gerz Hertel aus Kiefersfelden (ursprünglich aus NRW)

Christoph Gerz auf dem Brünnstein in Kiefersfelden

"Heute las ich den Artikel, in dem sich Zugereiste über ihre Eindrücke äußern dürfen. Dazu möchte ich anmerken, dass ich selber vor fast 40 Jahren aus NRW nach Bayern zog. Es war ein überlegter Entschluss, da ich ein Mensch bin, der mit der Natur und den Tieren leben möchte. 

Ich kann aus meiner Sicht nicht verstehen, wenn Zugereiste schreiben, dass sie auf Ablehnung und Kontaktscheue vor Ort treffen. Da fände ich es gut, wenn man dazu in einem Kommentar Stellung beziehen dürfte. 

Es ist schade wenn eine Frau, wie Heute zu lesen, den Eindruck hat, dass man in Bayern als Zugereister unter Kontaktarmut und Ablehnung zu leiden hat. Hier scheint in meinen Augen die Mentalität der Person ausschlaggebend dafür zu sein, aber nicht die hier lebenden und aufgewachsenen Menschen. 

Bayern ist ein offenes Land für jeden und wenn man den Menschen, die hier vor Ort geboren wurden, ein wenig Zeit gibt, wird man feststellen, die Bayern haben kein Problem mit "Zugereisten" sondern nehmen sie allenfalls mal auf den Arm weil sie nicht ,"boarisch" reden.

Ich möchte dem Eindruck entgegenwirken, als Zugereister hätte man in Bayern keine Kontakte und Anschlussmöglichkeiten, sondern es liegt an einem selber. 

Ich lebe seit vielen Jahren nun in Kiefersfelden, ein Ort der für alle offen ist und Lebensfreude vermittelt. Ein Ort, wo die Menschen nicht die Nasen oben tragen und wo ich persönlich so gut aufgenommen wurde, dass ich mich ,"dahoam" fühle. 

Auf dem Weg nach Kiefersfelden lebte ich unter anderem am Starnberger See und am Ammersee. Auch dort fühlte ich mich wohl und nicht von den Menschen ausgeschlossen.

Ich möchte allen ,,Zugereisten" den Rat geben: Lasst den Bayern ein wenig Zeit Euch kennen zu lernen und fallt nicht mit der Tür ins Haus. Dann ist Jeder herzlich willkommen, auch ohne dass er Lederhose und Dirndel trägt. Ich bin stolz darauf in Bayern "dahoam"zu sein!"

Antwort von Monika Langer aus NRW

"Es liegt an jedem selbst. Was ich hier so manches mal lese ist eigentlich traurig, man kann nicht immer die Schuld bei anderen suchen, man muss auch mal selbst etwas unternehmen um Anschluss zu finden. 

Wir kommen aus NRW aus dem tiefsten Ruhrpott Dortmund. Ich bin jetzt 66 Jahre jung, mein Mann 55 Jahre. Wir haben keine Kinde und keine Angehörigen, haben ein schönes Zweifamilienhaus im Vorort von Dortmund und wohnten in einer sehr schönen Dorfgemeinschaft mit guter Nachbarschaft . 

Seit über 20 Jahren sind wir jedes Jahr 2-3 mal mit unseren Motorrädern an der Bergkette vom Allgäu über Bayern usw entlang gefahren. Immer haben wir gesagt, wenn wir mal im Ruhestand gehen würden, dann ziehen wir nach Bayern. Wir geben alles auf und fangen neu an. 

Es sei noch zu sagen: Es gibt in ganz Deutschland keine schönere Gegend als Bayern, von hier aus kann man in kurzer Zeit Österreich Italien Ungarn Schweiz usw. erreichen und alles in einer Traumgegend die einem ALLES bietet. Wo gibt es sonst so etwas?
Alles ging schneller als gedacht, mein Mann bekam eine sehr gute Stellung in Rosenheim angeboten und wir zogen innerhalb von wenigen Monaten, vor sieben Jahren nach Eggstätt in einen Neubau als Mieter um und ein. Ungewohnt war es schon als Mieter. Unser Haus in Dortmund wurde gut vermietet. 

Monika Langer mit ihrem Ehemann

Nachdem ich unsere Wohnung nun eingerichtet hatte, war es mir sehr langweilig auch hatten wir keine Bekannten, also entschlossen wir uns erstmal in den Schützenverein in Eggstätt einzutreten, nicht wegen der Vereinsmeierei, sondern um Anschluss zu bekommen. Das war schwierig mit den Einheimischen. Wir hatten oft alle zu uns eingeladen, waren zu jeder Versammlung, zu jeder Schießübung usw., aber es hat uns niemand zurück eingeladen, alle kamen gerne zu uns, aber Einladungen bekamen wir nie. Also beschlossen wir aus dem Verein auszutreten. Wir wollten nicht NUR geben, wir hätten auch gerne mal etwas zurück bekommen. 

Ich bin gelernte medizinische Fußpflegerin mit 35 Jahren Erfahrung und wollte eigentlich nichts mehr machen, aber in dem Haus in Eggstätt wo wir wohnten, war noch ein Ladenlokal frei. Ich beschloss, es anzumieten und ein Praxis zu eröffnen. Ich dachte mir, so lernst du die unterschiedlichsten Menschen kennen. 

Die meisten Einheimischen haben mich ausgelacht und gesagt: 'Was willst Du mit einer Fußpflege Praxis in Eggstätt auf einem kleinen Dorf?' oder 'Wir geben dir ein halbes Jahr dann biste wieder in NRW' usw. usw. Mir war egal was sie sagten, ich wollte ja nur Anschluss finden. 

Ich hatte innerhalb kurzer Zeit so viele Termine, dass alle Stunden ausgebucht waren. Ich habe mich trotz aller negativen Befürchtungen der Einwohner durchgesetzt und etabliert. Heute hat sich meine Arbeit so herum gesprochen, dass die meisten Kunden von weit her kommen, weil ich speziell und gut arbeite. Ich habe so viele nette Kunden kennen gelernt wo auch Freundschaften entstanden sind. Auch die Einheimischen haben sich mir gegenüber anders verhalten, sie haben mich nun akzeptiert. 

Heute werde ich mit Namen angesprochen und begrüßt. Wir bekommen Einladungen, haben sehr nette Bekanntschaften und fühlen uns hier zu Hause. Wir haben zwei Stammtische, wo viele Zugezogene und Einheimische zusammen sind, Karten-Abende usw. usw. Wir sind viel unterwegs und man trifft immer wieder Menschen die man mittlerweile kennt und Anschluss gefunden hat. 

Vor einem Jahr sind wir privat nach Prien in eine grössere Wohnung umgezogen. Auch hier war der Anfang mit der Nachbarschaft (den Einheimischen) schwer, weil einige Einheimische (Bayern) meinen sie müssten einen MIETER aus NRW mobben, der kommt ja aus dem Pott. Aber über solchen klein geistigen Menschen steht man drüber. 

Wir haben gelernt: Wer sich verschließt und selbst nichts unternimmt, bekommt auch keinen Anschluss. Es klingelt niemand an die Haustür und lädt dich ein oder bietet dir eine Freundschaft an. Vor allem aber verleugne NIEMALS Deine eigene Herkunft, sei stolz auf deine ursprüngliche Heimat "MEIN RUHRPOTT", sei immer standhaft.

Wenn du Bayern lieben willst, sei immer Du selbst, dann akzeptieren Dich auch die Bayern. Wir jedenfalls haben eine neue (Zweit)Heimat gefunden . ALLES BRAUCHT SEINE ZEIT."

Lesen Sie auch die bereits veröffentlichten Erfahrungsberichte von Zugezogenen:

- "Man muss sich integrieren, für mich gehört das dazu" 

- "Irgendwann begreift auch der Letzte: Die Erde ist keine Scheibe" 

- "Positiv überrascht hat mich die Willkommenskultur" 

- "Das Geld ist willkommen, der Mensch dazu jedoch nicht" 

- "Danke Bayern für diesen schönen Ort"

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