Schulanfänger: Viele Zurückstellungen in der Region

"Den Kindern mehr Entwicklungszeit geben"

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Über eine mögliche Zurückstellung der Schulanfänger in spe entscheiden die jeweiligen Schulleiter. Die kognitive, soziale, emotionale und motorische Entwicklung des Kindes spielt dabei eine entscheidende Rolle. Wird ein Kind mit sechs Jahren noch nicht eingeschult, empfehlen Experten, das Kind speziell zu fördern.
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Landkreise - Immer mehr Kinder in Bayern werden erst mit sieben Jahren eingeschult. In der Region ist der Anteil der Zurückstellungen zum Teil besonders hoch.

Die gesetzlichen Vorgaben sind eindeutig: Wenn ein Kind bis zum 30. September sechs Jahre alt wird, ist es schulpflichtig. Über eine Einschulung muss aber Schulleitung entscheiden, sodass jedes Jahr ein Teil der Sechsjährigen "zurückgestellt" wird. Das Bayerische Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung beobachtet einen Trend, wonach seit Jahren der Anteil der Zurückstellungen zunimmt, also immer mehr Kinder erst mit sieben Jahren eingeschult werden. 2004 wurden lediglich 3,6 Prozent der potentiellen Schulanfänger zurückgestellt, 2012, dem letzten bislang untersuchten Jahr, lag die Quote bei 10,7 Prozent.

Weiterführende Informationen zum Thema Zurückstellungen finden Sie hier.

In der Region gab es 2012 Angaben des Landesamtes für Statistik zufolge zum Teil besonders viele Zurückstellungen. Im Landkreis Berchtesgadener Land wurden 11,46 Prozent der Kinder zurückgestellt, im Landkreis Rosenheim waren es 12,29 Prozent und im Landkreis Mühldorf wurden gar 13,93 Prozent aller Kinder, die bis zum 30. September sechs Jahre alt wurden, für ein Jahr zurückgestellt. Spitzenreiter in der Region ist der Landkreis Traunstein, dort wurden 16,49 Prozent der Kinder zurückgestellt. Vergleichsweise wenige Zurückstellungen verzeichnete indes der Landkreis Altötting mit 6,43 Prozent.

Landkreise kaum miteinander vergleichbar

Wie der Rosenheimer Schulamtsdirektor Wolfgang Tauber auf Anfrage unserer Redaktion erklärte, stellen die vom Landesamt für Statistik erhobenen Zahlen eine "Momentaufnahme" dar. "Die Zurückstellungen unterliegen jährlichen Schwankungen und eine gewisse Abweichung von Durchschnittswerten ist normal", so Tauber.

Die Einschätzung Taubers teilen auch Vertreter der anderen Schulämter in der Region. Wie der Mühldorfer Schulamtsdirektor Paul Schönstetter erklärt, hänge die Einschätzung der Schulreife von verschiedenen Faktoren ab. "Grundsätzlich kann nicht von einer Vergleichbarkeit in unterschiedlichen Landkreisen aufgrund der individuellen Faktoren pro Schuljahr ausgegangen werden", so Schönstetter.

"Die Gründe für die Zurückstellungen werden landkreisweit nicht erfasst", erklärte der Traunsteiner Schulamtsdirektor Otto Mayer, der zudem auf einen sehr simplen Grund für einige der Zurückstellungen verweist: "Laut unseren Erfahrungen handelt es sich bei den zurückgestellten Kindern meistens um die im August beziehungsweise September geborenen Kinder." Kinder also, die im Vergleich mit ihren möglichen Klassenkameraden besonders jung sind.

Sorgen der Eltern "zum Teil unbegründet"

Bei allen Schwankungen bestätigte der Rosenheimer Schulamtsdirektor jedoch, dass die Zurückstellungen insgesamt zugenommen hätten. "Aus der Praxis wird uns von den Schulleitungen der Grundschulen berichtet, dass Eltern in zunehmendem Maße ihren Kindern mehr Entwicklungszeit geben möchten, weil sie glauben, dass ihr Kind nach einem weiteren Jahr die Anforderungen besser erfüllen kann, die in der Grundschule gestellt werden", so Tauber, für den diese Sorgen "zum Teil unbegründet" sind, jedoch ernst genommen werden müssten.

Im Einschulungsverfahren erhalte die Schule Erkenntnisse über die kognitive, soziale, emotionale und motorische Entwicklung eines Kindes, so Tauber. Bestünden Zweifel an der Schulfähigkeit, könne die Schule weitere Verfahrensschritte zur Feststellung der Schulfähigkeit veranlassen und beispielsweise einen Schulpsychologen hinzuziehen.

Dass Eltern in einigen Fällen ein ärztliches Attest vorlegen, das eine fehlende "Schulreife" bestätigt, sieht Tauber kritisch. Dies erschwere die fachgerechte Schulaufnahme durch die Schule. Zudem würde damit die Zuständigkeit der Schule für die Feststellung der Schulfähigkeit in Frage gestellt.

Kind wird nicht automatisch "ausreifen"

Auch Daniela Frank-Emmanuel, Beratungslehrerin im Landkreis Berchtesgadener Land, hält eine fundierte Diagnostik als Grundlage für die Entscheidung zur Zurückstellung für unverzichtbar. Zudem empfiehlt Frank-Emmanuel eine "gründliche Beratung" im Anschluss an die Entscheidung zur Zurückstellung. "Die Zurückstellung vom Schulbesuch, weil das Kind wahrscheinlich nicht mit Erfolg am Unterricht teilnehmen kann, bedeutet zunächst nur, dass dem Kind Misserfolgserlebnisse durch Überforderung erspart bleiben", so die Beratungslehrerin.

Eine Zurückstellung bedeute nicht automatisch, dass sich das Kind in seiner körperlichen und geistigen Entwicklung ohne weitere Förderung "ausreift", erläutert Frank-Emmanuel. "Nicht jedes Abwarten unter denselben häuslichen Bedingungen fördert die Weiterentwicklung eines Kindes. Aus der Diagnose ergeben sich Maßnahmen, die ergriffen werden müssen, dass in einem Jahr der körperliche, geistige und sprachliche Entwicklungsstand für eine günstige Prognose des Schulerfolgs gegeben ist."

Die Schulen und die Schulberatung im Landkreis stünden den Eltern hier gerne unterstützend und beratend zur Verfügung, außerschulische therapeutische und pädagogische Maßnahmen einzuleiten, damit die Einschulung mit Erfolg im nächsten Jahr gelingen könne, erklärt die Beratungslehrerin.

Was halten Sie von Zurückstellungen? Sollten alle Kinder im selben Jahr eingeschult werden oder kann es sinnvoll sein, Kinder erst mit sieben Jahren einzuschulen? Machen Sie mit bei unserem Voting und nutzen Sie die Kommentarfunktion unter diesem Artikel!

Quelle: innsalzach24.de

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