Alter Dame nachgestellt?

Stalking: Rentner bekommt Bewährungsstrafe

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Mühldorf - Schreie, wütende Zuhörer und ein umstrittener Straftatbestand: Am Mühldorfer Amtsgericht gab es in einem Stalking-Fall nach vier Verhandlungstagen ein Urteil.

Am Amtsgericht Mühldorf wurde in vier Verhandlungstagen ein Fall mutmaßlicher Nachstellung verhandelt. Angeklagt war ein Rentner aus Mühldorf, das mutmaßliche Opfer ist ebenfalls eine Seniorin.

Weil der Angeklagte selbst vor Gericht zu den Tatvorwürfen schweigt, muss das Gericht jedem einzelnen Fall mutmaßlicher Nachstellung mithilfe von Zeugen auf den Grund gehen. Sogar eine Inaugenscheinnahme der Örtlichkeiten, an denen sich das Stalking abgespielt haben soll, wird zurate gezogen. Am ersten Verhandlungstag macht sich Richter Florian Greifenstein gemeinsam mit Staatsanwältin, Verteidiger, Nebenklagevertreter und Angeklagtem vor Ort ein Bild von den Gegebenheiten.

Aus dem Auto heraus gestalkt?

Konkret soll der Rentner in drei unterschiedlichen Situationen der Senioren nachgestellt haben. Im Sommer 2014 soll er abends an zwei Tagen auf einem Parkplatz gestanden und einmal mit dem Fernlicht seines Wagens ins Schlafzimmer der alten Dame geleuchtet haben. Mehrfach soll er außerdem von einer anderen Straße aus ebenfalls abends die Wohnung beobachtet haben, und einmal soll er auf einem Geh- und Radweg mit seinem Auto an der alten Dame vorbeigefahren sein.

Diese scheinbar relativ harmlosen Vorfälle wiegen schwerer, wenn man die Vorgeschichte berücksichtigt: Seit sechs Jahren tobt ein Streit zwischen dem Angeklagten und der alten Dame, auch ihre Familien sind involviert. Bereits vor Jahren soll der verheiratete Rentner der Seniorin nachgestellt und sie über eine Zeitungsannonce beleidigt haben. 2012 ist er deshalb zu einer Geldstrafe verurteilt worden.

"Ich fühle mich überhaupt nirgends mehr wohl"

In der aktuellen Verhandlung ist lange fraglich, ob die alte Dame aussagen kann. Vor dem zweiten Verhandlungstag attestiert ihr ihr Hausarzt, dass sie die Situation so mitnimmt, dass sie nicht aussagen kann. Am vierten Verhandlungstag erscheint sie dann aber doch im Zeugenstand. "Ich fühle mich überhaupt nirgends mehr wohl, Herr Richter", klagt die Seniorin. So leide sie unter Schlafstörungen und Appetitlosigkeit, habe zwölf Kilo verloren. Außerdem ist die alte Dame schwerhörig, im Zuge der letzten Gerichtsverhandlung 2012 hat sie einen Hörsturz erlitten.

Mehrfach wird deutlich, wie sehr die Situation für alle Beteiligten eine Belastung ist. Am zweiten Verhandlungstag gibt die Frau des Angeklagten ihrem Ehemann ein Alibi. Auch auf mehrfaches Nachfragen des Richters bleibt die Zeugin bei ihrer Aussage, dass ihr Mann abends nicht weggehe. Nebenklagevertreter Klaus Salzberger hakt entschieden nach, schreit die Zeugin, die ihrerseits lauter und lauter spricht, fast an. Kurz springt gar der Angeklagte auf, schreit den Rechtsanwalt an.

Zuhörer redet bei Plädoyer dazwischen

Auch auf dem Zuschauerplätzen sind die Gemüter erhitzt. Ein Zuhörer stößt gar kleinere Beleidigungen in Richtung der Ehefrau des Angeklagten aus, als die gerade ihre Aussage macht - allerdings so leise, dass ihn der Richter nicht hört, oder wenigstens noch überhören kann. Als die Verhandlung schließlich bis zum nächsten Zeugen unterbrochen wird, sucht der Zuhörer gar das (lautstarke) Zwiegespräch mit dem Angeklagten, was aber schnell unterbunden wird. Am vierten Verhandlungstag redet ein Zuhörer beim Plädoyer des Verteidigers, Rechtsanwalt Manfred Kösterke, dazwischen – besinnt sich aber schnell eines besseren und verlässt den Gerichtssaal.

Alte Dame traut sich nicht mehr nach draußen

Juristisch ist die Verhandlung durchaus knifflig. Gleich am ersten Verhandlungstag erklärt Richter Greifenstein, Nachstellung sei ein "umstrittener Straftatbestand". Nachstellung liegt laut Gesetz (unter anderem) vor, wenn ein Mensch beharrlich die räumliche Nähe eines anderen sucht und dadurch dessen Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt. Doch was ist "beharrlich"? Wann liegt eine "räumliche Nähe" vor?

Die alte Dame traut sich – außer tagsüber zum Spazierengehen – kaum noch nach draußen, meidet den Wochenmarkt, weil sie Angst hat, dort dem Angeklagten zu begegnen, und hat sich eine Geheimnummer zugelegt. Für die Staatsanwaltschaft ist die Seniorin damit in ihrer Lebensführung eingeschränkt.

"Für diese Frau gibt es nichts Furchtbareres"

Uneinigkeit herrschte vor allem, inwieweit die in der Anklage angeführten Vorfällen tatsächlich den Angeklagten zur Last gelegt werden können. Einmal, als die alte Dame sein Fahrzeug auf dem Parkplatz vor ihrem Haus gesehen haben will, war er nachweislich verreist. Auch in zwei anderen Situationen hatte das Opfer nur ein Gefühl, dass der Angeklagte auf dem Parkplatz parkt. "Ob er das aber tatsächlich ist, das ist eine andere Frage", sagt Verteidiger Kösterke in seinem Plädoyer.

Unbestritten ist, dass der Angeklagte mit seinem Auto mehrfach in einer anderen Straße gestanden hat. Mehrere Zeugen haben ihn dort in seinem Auto gesehen. Allerdings hat die alte Dame erst im Nachhinein davon erfahren. Kann sie also von einer mutmaßlichen Nachstellung beeinträchtigt werden, wenn sie zum Zeitpunkt der Nachstellung gar nichts davon weiß?

Sein Verteidiger fordert einen Freispruch für den Rentner. Sowohl die Staatsanwältin als auch Nebenklagevertreter Salzeder sehen hingegen Nachstellung als erwiesen an – auch, weil das mutmaßliche Opfer nach ihrer Einschätzung glaubwürdig sei. "Für diese Frau gibt es nichts Furchtbareres, als das hier aushalten zu müssen. (..) Man sieht, dass sie ein Nervenbündel ist", so Salzeder.

Hat die Ehefrau eine Falschaussage gemacht?

Das Gericht folgt letztlich der Einschätzung von Staatsanwaltschaft und Nebenklage und verurteilt den Angeklagten zu einer Haftstrafe von sechs Monaten, ausgesetzt zur Bewährung. Dem Rentner kommt dabei zugute, dass es seit einiger Zeit offenbar keine Vorfälle mehr gegeben hat. Vielleicht wird bald ein Schlussstrich gezogen, am ersten Verhandlungstag kündigt Verteidiger Manfred Kösterke an, dass die Eheleute wegziehen würden. Für die Frau des Angeklagten, die ausgesagt hat, dass ihr Mann abends nie weggehe, könnte der Fall allerdings noch ein Nachspiel haben. Die Staatsanwältin kündigt in ihrem Plädoyer an, dass sie sich vorbehalten werde, eine Falschaussage zu prüfen.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Nach der Verhandlung erklärt der Angeklagte auf Nachfrage von innsalzach24.de, dass er in Berufung gehen wolle.

Quelle: innsalzach24.de

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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