Bruder fordert Schmerzensgeld

Ursula Herrmann: Ihr Bruder kämpft noch immer um Gerechtigkeit

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Bruder von Ursula Herrmann klagt auf Schmerzensgeld

Augsburg - Vor 35 Jahren wird Ursula Herrmann entführt. Die Zehnjährige erstickt jämmerlich in einer verbuddelten Kiste im Wald. Jetzt fordert ihr Bruder Schmerzensgeld von dem Täter - obwohl er selbst nicht davon überzeugt ist, dass der richtige hinter Gitter sitzt.

Ursula Herrmann.

Das Lächeln seiner kleinen Schwester, ihr schlimmes Schicksal und die zehrenden Mordprozesse vor Gericht: Bis heute findet Michael Herrmann (52) keine Ruhe, wenn er an seine Schwester Ursula († 10) denkt. Auch 35 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod kann der Musiker nicht loslassen – er will die Wahrheit wissen. Der Schmerz plagt ihn so sehr, dass er sich eingebrannt hat: 9000 Herz wummern täglich in Herrmanns linkem Ohr. „Ich leide an Tinnitus.“ Eine Folge des ewigen Stresses, glaubt er. Und will nun Schmerzensgeld, insgesamt 20 000 Euro. Deshalb klagt Herrmann am Landgericht Augsburg gegen Werner M. (66) – den Mann, der 2010 für den Mord an seiner Schwester lebenslänglich verurteilt wurde.

Der Strafprozess gegen M. habe viel Leid wieder aufgewühlt, was eigentlich schon vergessen war. „In den Achtziger Jahren hatte ich eigentlich schon abgeschlossen“, sagt Herrmann. Er meint­: Den Tod akzeptiert und getrauert. Als er Werner M. aber vor Gericht sah und die Akten studiert hatte: Da kamen die Gefühle wieder hoch – und mit ihnen Zweifel. Etwa, ob der richtige Täter verhaftet worden sei. „Es sprechen bis heute Aspekte dagegen“, sagt Herrmann. „Aber ich respektiere das letzte Urteil.“

Werner M. ist 2010 verurteilt worden.

Gerade deshalb entschied er sich nun für die Klage am Zivilgericht. Denn Werner M. macht er auch für sein eigenes Leid verantwortlich. „Als Musiker und Musik-Lehrer bin ich stark eingeschränkt und musste beruflich kürzer treten.“ Selbst eine Reha habe Herrmann nicht geholfen, ihn plagen auch Schlaf- und Konzentrationsstörungen. „Es gibt einfach zu viele ungelöste Fragen“, sagt er. Und lehnte einen Vergleich ab! Anwalt Joachim Feller: „Wir wollen keine Kompromisse mit dem mutmaßlichen Täter eingehen.“ Werner M. könnte von dem Prozess noch profitieren, denn ein Urteil wird es so bald nicht geben. Eventuell aber eine neue Beweisaufnahme! „Das ist ein Geschenk des Himmels“, sagte Verteidiger Walter Rubach. Denn nach Zivilrecht müsste Herrmann dem Mörder die Tat dann nachweisen, um das Geld zu erhalten. So oder so wird jetzt neue Bewegung in den Fall kommen!

Fall Ursula Herrmann im Überblick

Die wichtigsten Daten des Kriminalfalles:

September 1981: Am 15. September wird Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee auf dem Nachhauseweg entführt und in ein Waldstück zwischen Schondorf und Eching verschleppt. Dort wird sie in einer im Waldboden vergrabenen Holzkiste eingesperrt.

September 1981: Einige Tage nach der Entführung geht bei Ursulas Eltern ein Erpresserbrief ein. Sie werden aufgefordert, ein Lösegeld in Millionenhöhe zu zahlen.

In dieser Holzkiste erstickte das Mädchen.

Oktober 1981: Rund drei Wochen nach der Entführung wird am 4. Oktober die Holzkiste mit der Leiche des Mädchens entdeckt. Nach dem Obduktionsergebnis war die Zehnjährige Stunden nach dem Kidnapping erstickt, da die Luftzufuhr zu der Kiste mit Laub verstopft war. In der Kiste wurden Lebensmittel und Kinderbücher gefunden.

2002: Die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ berichtet erneut über den Fall. Es gehen zahlreiche Hinweise ein, darunter aber keine heiße Spur.

2006: Ein in Taiwan inhaftierter Deutscher wird verdächtigt, Ursulas Mörder zu sein. Die Spur erweist sich als falsch.

2008: In Schleswig-Holstein wird ein 58-Jähriger unter dringendem Tatverdacht verhaftet. Es soll sich um den mutmaßlichen Entführer handeln. Er war schon früher verdächtigt worden, es fehlten aber Beweise.

Februar 2009: Vor dem Landgericht Augsburg beginnt der Indizienprozess gegen den Mann und dessen Ehefrau. Ihm wird erpresserischer Menschenraub mit Todesfolge vorgeworfen, seiner Ehefrau Beihilfe dazu.

März 2010: Der Angeklagte wird zu lebenslanger Haft verurteilt, seine Frau wird aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Ursulas Bruder, Michael Herrmann, äußert Zweifel an dem Urteil: „Es wird Recht gesprochen, aber es geschieht keine Gerechtigkeit.“

Januar 2011: Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe bestätigt das Urteil gegen den inzwischen 60 Jahre alten Angeklagten.

Juni 2016: Michael Herrmann verklagt den Täter auf 20.000 Euro Schmerzensgeld. Herrmann will mit dem Zivilprozess auch die zahlreichen Rätsel des Falls noch einmal aufrollen. Der Bruder geht davon aus, dass es mehrere Mittäter gegeben hat. Auch die Verbindung des Falls Herrmann zu einem späteren Mord in München wurde nie aufgeklärt - an beiden Tatorten wurde die gleiche DNA-Spur sichergestellt.

dpa

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