Angeklagter beteuert Unschuld

Fast fünf Jahre Haft für Tankstellen-Überfall

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Im Herbst 2014 ist in Neumarkt-St. Veit eine Tankstelle überfallen worden. Nun ist der mutmaßliche Täter zu fast fünf Jahren Haft verurteilt worden

Neumarkt-St. Veit/Mühldorf - So harte Urteile werden an Amtsgerichten nur sehr selten gesprochen. Dabei beteuert der Tankstellen-Räuber weiter seine Unschuld.

Solche Urteile sind selten am Amtsgericht Mühldorf: Für vier Jahre und zehn Monate muss der 21-Jährige aus dem nördlichen Landkreis, der sich für den Raubüberfall auf eine Tankstelle in Neumarkt-St. Veit zu verantworten hatte, hinter Gittern. "Es gibt keine vernünftigen Zweifel", kommentierte Richter Dr. Gregor Stallinger sein Urteil. Die Verteidigung jedoch bezweifelte die Schuld des 21-Jährigen.

Mutter nennt Angeklagten "Hosenscheißer"

Wann querte Axel F. (Name von der Redaktion geändert) welche Funkzelle? Wann fand ein Datentransfer statt? Ein Gutachten lag dem Gericht vor, in welchem nachgewiesen wurde, dass sich der Angeklagte mit seinem Smartphone zur Tatzeit in der Nähe der Tankstelle befunden habe. Die Auswertung ergab auch, dass Axel F. unmittelbar vor der Tat am 26. September 2014 mit seiner Mutter telefoniert hatte. Dies bestätigte diese auch im Zeugenstand. "Er wollte mir einen schönen Urlaub wünschen." Dabei habe er so geredet wie immer. Und nicht wie jemand, der im Begriff war eine Tankstelle zu überfallen, wollte die Mutter glauben machen. Einen Überfall würde sie ihm ohnehin nie zutrauen, "weil er der größte Hosenscheißer ist". Auf der anderen Seite sagte sie aus, dass er bei Postings im Internet und über WhatsApp stets "maßlos übertrieben" habe. "Er hat immer so einen Scheiß geschrieben", versuchte sie einen Erklärungsversuch dafür, dass ihr Sohn bereits kurz nach der Tat bei der Ex-Freundin damit geprahlt habe, er habe die Tankstelle überfallen.

"Absolutes Täterwissen!"

Für die Staatsanwaltschaft war dennoch die Beweislage drückend, sie blieb beim Vorwurf der schweren räuberischen Erpressung und forderte in Tateinheit mit den beiden Hütteneinbrüchen (die bereits eine Woche zuvor verhandelt worden waren) eine Haftstrafe von vier Jahren und zehn Monaten. Die Nachricht über den Überfall, die Axel F. via WhatsApp an seine Ex-Freundin geschickt hatte, wertete der Staatsanwalt sogar als Geständnis von Axel F. Unterfüttert sei dies laut Staatsanwalt durch die Angabe der genauen Beutehöhe worden: "Absolutes Täterwissen!"

Über den Überfall habe der 21-Jährige neben seiner Ex-Freundin, deren Aufmerksamkeit er wohl wecken wollte, schließlich auch den Personenkreis in Kenntnis gesetzt, mit dem er bereits kriminelle Taten verübt habe, "zu ihnen hatte er Vertrauen". Mühsame Befragungen dieser "Freunde" hätten schließlich ergeben, dass es ein konspiratives Treffen nach dem Überfall gegeben habe, bereits kurz nach der Tat habe der Angeklagte via Kurznachricht am Smartphone um Hilfe und Stillschweigen gebeten.

Der Staatsanwalt lastete dem 21-Jährigen dessen Aussageverhalten an. Denn zunächst habe Axel F. alle Vorwürfe abgestritten, letzten Endes aber die Vorwürfe doch "zugegeben, als es keinen Ausweg mehr gab". Die Feststellung, dass man ihm die Tat nicht zutraute, wollte der Staatsanwalt nicht gelten lassen. Falsche Kennzeichen am Auto, eine Drogenvergangenheit, Alkohol am Steuer, Gewaltanwendung gegenüber seiner Ex-Freundin, Einbrüche. "Auch das würde man ihm nicht zutrauen."

Angeklagter bricht in Tränen aus

Rechtsanwalt Martin Lämmlein jedoch hatte bei dem Vorwurf der räuberischen Erpressung seine Zweifel. "Sind Sie persönlich davon überzeugt, dass er es war. Reichen die Indizien, um ihn zu verurteilen?" , fragte Lämmlein den Richter. Er bezog sich auf Zeugenaussagen, die den Angeklagten als ängstlich beschrieben und ihm diese Tat nie zutrauen würden. Die Kurznachrichten als Beweis stellte er in Frage, zumal der Angeklagte laut Zeugenaussagen dafür bekannt war, Unwahrheiten in die Welt zu setzen. Nicht alles habe gestimmt, was er zum Unfall geschrieben habe, wollte Lämmlein den Vorwurf des Täterwissens entkräften. Die Kleidung, die er beim Überfall getragen haben soll, sei bei Axel F. nicht gefunden worden. Ebenso fehlt von der Tatwaffe jede Spur. Schließlich verwies Lämmlein auch auf das Telefonat, dass der Angeklagte mit dessen Mutter geführt habe. Sie habe ihn ebenso als unauffällig beschrieben wie später auch die Großmutter von Axel F, bei der er zur Tatzeit wohnte. Der Angeklagte beteuerte am Ende unter Tränen: "Die Einbrüche tun mir leid, aber das mit der Tankstelle war ich nicht!"

Stallinger kritisiert "Gestopsel" des Angeklagten

Richter Dr. Gregor Stallinger hatte dennoch "keine vernünftigen Zweifel an der Tat". Mit seinem Urteil entsprach er genau der Forderung der Staatsanwaltschaft nach vier Jahren und zehn Monaten Haft. Er folgte der Argumentation der Staatsanwaltschaft, warf dabei Axel F. vor, bei den Vernehmungen den Polizeibeamten "ins Gesicht gelogen zu haben". Was Tatzeit und Tatort betrifft, seien die Aussagen des Angeklagten von Anfang an ein "Gestopsel" gewesen. Zeugen seien mit Erinnerungslücken aufgefallen, am Ende habe sogar das Alibi über den Aufenthaltsort zur Tatzeit nicht mehr dem Druck vor Gericht standgehalten. Der Richter berief sich auch auf die Aussage der Mutter, die ihm weder Raubüberfall noch Einbruch zugetraut hätte – Letzteres habe Axel F. dann sogar gestanden. Verräterisch sei darüber hinaus die Angabe der exakten Beutehöhe aus der Tankstelle.

Verteidigung will in Berufung gehen

Bis zuletzt habe Axel F. Angst gehabt, eingesperrt zu werden. Deswegen war der Richter davon überzeugt, dass es auch das in der Sitzung zuvor angesprochene konspirative Treffen mit seinem Freundeskreis gegeben habe, bei dem Stillschweigemodus vereinbart worden sei. Als schwerwiegend bezeichnete der Richter die Tatsache, dass der 21-Jährige mit dem Überfall die Angestellte der Tankstelle traumatisiert habe. "Die Reife fehlt, es gibt massive Erziehungsdefizite", sagte der Richter zur Anwendung des Jugendstrafrechts.

Die Verteidigung hat bereits angekündigt, in Berufung zu gehen.

je

Archiv: Fotos vom Tatort nach dem Überfall:

Raubüberfall auf Tankstelle in Neumarkt-St. Veit

Quelle: innsalzach24.de

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