Die Leute "a bissl packen"

Neuötting: Flüchtling singt für Toleranz

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Der gambische Flüchtling Kevin singt als "Gambian Preacher" für mehr Toleranz

Neuötting - Der Musikpädagoge Markus Straßer macht regelmäßig Musik mit Flüchtlingen. Dabei hat er das Reggae-Talent Kevin aus Gambia entdeckt, den "Gambian Preacher".

Er musste fliehen, weil sein Vater Musik gemacht hatte - jetzt macht Kevin aus Gambia, Künstlername "Gambian Preacher", Musik, weil er fliehen musste. In seinem Lied "Please don't judge me" sendet er eine eindeutige Botschaft an seine Mitmenschen: Bitte verurteilt mich nicht, weil ich ein Flüchtling bin.

Das offizielle Video von "Please don't judge me"

"Die Leute trommeln sich einfach frei"

Begonnen hat die Geschichte von "Please don't judge me" in der Flüchtlingsunterkunft in der Turnhalle in Neuötting. Der Musikpädagoge Markus Straßer, der bereits mit verschiedensten Videoprojekten für Aufsehen gesorgt hat (mal zu lustigen, mal zu ernsten Themen), trifft sich dort regelmäßig mit Flüchtlingen zum gemeinsamen Musizieren. "Meine Idee war: Wie könnte man den Alltag der Flüchtlinge etwas bereichern?", erklärt Straßer.

Als sich der Neuöttinger zum ersten Mal mit seinen Instrumenten in die Turnhalle setzte, gab es gleich Flüchtlinge, die neugierig waren, die schauen wollten, was er da macht. Schnell war das Eis gebrochen und die Flüchtlinge machten gemeinsam mit Straßer Musik. Nichts Spektakuläres freilich - aber darum geht es auch nicht. "Die haben dann ein Funkeln in den Augen, wie man es nur von einem Sechsjährigen kennt, der sein Weihnachtsgeschenk kriegt", erzählt Straßer. "Das ist es auch, was uns wahnsinnig viel Kraft gibt: Wenn man die Leute sieht, wie sie sich einfach wieder freitrommeln."

Kevins Vater musste wegen seiner Musik sterben

Bei den Jam-Sessions in der Unterkunft hat Straßer auch Kevin aus Gambia kennengelernt - und gleich dessen großes musikalisches Talent erkannt. So wirklich entdeckt hat der Neuöttinger den 27-Jährigen aber nicht. Schon in seiner Heimat hatte Kevin, dessen Mutter aus Jamaika stammt, zahlreiche Wettbewerbe gewonnen. Straßer ist also quasi der "Wiederentdecker" des "Gambian Preacher", wie sich Kevin als Sänger nennt. Als er ihn darauf ansprach, mit ihm ein Lied für die Flüchtlinge machen zu wollen, sei Kevin sofort begeistert gewesen, erzählt Straßer. Gemeinsam spielten sie den Reggae "Please don't judge me" ein und produzierten mit einfachen Mitteln ein Musikvideo. Die Aufnahmen von Kevin in dem Video stammen von Straßer, die ausdrucksstarken Bilder von Flüchtlingen hat das Flüchtlingshilfswerk UNHCR zur Verfügung gestellt.

Seine Musik, mit der Kevin jetzt für mehr Toleranz gegenüber Flüchtlingen wirbt, ist seiner Familie in Gambia zum Verhängnis geworden. Regimegegner müssen in Gambia (genauso wie Homosexuelle) um ihre Freiheit und sogar um ihr Leben fürchten. Die Neue Züricher Zeitung etwa nannte das Land in Westafrika eine "Diktatur abseits der Weltöffentlichkeit". Markus Straßer kennt Kevins Geschichte: "Sein Vater war auch Musiker, aber den haben sie ermordet, weil er systemkritische Musik gemacht hat." Das sei auch der Grund gewesen, weshalb Kevin geflohen ist. "Weil er eben Angst gehabt hat, dass er der Nächste ist."

Das Lied soll die Menschen "packen"

Straßer hofft, mit "Please don't judge me" die Menschen "a bissl packen" zu können. Außerdem ist ihm wichtig, dass die Menschen sehen, dass man auf Flüchtlinge stolz sein kann. Auf Facebook haben bereits prominente wie Michael "Bully" Herbig und Hans Söllner das Youtube-Video zu dem Lied geteilt.

https://www.betterplace.org/de/projects/32417-familienzusammenfuhrung-flugtickets-fur-basems-frau-kinder-aus-syrienhttps://www.youtube.com/watch?v=rG2LP0FUqWY

Posted by Hans Söllner on Mittwoch, 12. August 2015

Eine politische Aussage wolle er mit dem Lied allerdings nicht treffen, erklärt Straßer. Eine politische Meinung hat der Neuöttinger aber durchaus. Dass viele Menschen Angst haben, dass es zu viele Flüchtlinge werden, liegt für Straßer an mangelnder Aufklärung seitens der Politik. "Ich glaube, dass die Politiker lange ihre Hausaufgabe nicht gemacht haben." Angesichts der aktuell sehr hitzigen Diskussion sei es an der Zeit, dass sich etwas ändert - auch in den Ländern, aus denen die Menschen fliehen. "Es wäre schön, in einer Welt zu leben, wo man gar nicht mehr fliehen muss."

Mehr als 300.000 Asylsuchende haben die Bundesländer alleine in diesem Jahr registriert. Für viele Flüchtlinge ist mit ihrer Ankunft in Deutschland die Odyssee noch nicht beendet. Auch Kevin musste Neuötting inzwischen wieder verlassen, aktuell lebt er in Baden-Württemberg. Er habe nur dort seinen Asylantrag stellen können, erklärt Straßer. "Es ist echt Wahnsinn, wie diese Flüchtlinge einfach hin- und hergeschoben werden von heute auf morgen. Manche sind schon im 14. Lager untergebracht und werden wieder hin- und hergeschoben." Man versuche aber, Kevin wieder zurückzuholen, auch weil er in Neuötting längst ein gutes Umfeld habe und sogar in einer Band spiele.

"Das ist auch eine Art Prävention"

Straßers Jam-Sessions in der Flüchtlingsunterkunft gehen freilich weiter. Mit talentierten Musikern, aber auch mit Menschen, die sich einfach "freitrommeln" wollen, mit Afrikanern, Syrern, Albanern - Straßer macht Woche für Woche mit den unterschiedlichsten Menschen Musik. Auch was gespielt wird, variiert - je nachdem, aus welcher Kultur die Flüchtlinge kommen. "Es ist lustig und bereichernd, mit denen zu musizieren und zu quatschen", erzählt Straßer, der davon überzeugt ist, dass das gemeinsame Musizieren auch der Gesellschaft hilft. "Das ist ja auch eine Art Prävention. Wenn wir uns diesen Menschen öffnen, dann schaffen wir da ja eine Zuneigung, die wieder zurückkommt", ist Straßer sicher. Auch Kevin hat das gemeinsame Musizieren geholfen. "Er ist jetzt ein ganz anderer Mensch geworden, fühlt sich akzeptiert. Er hat gesagt, er hat es noch nie gehabt, dass sich Leute so um ihn kümmern, selbst in seiner Heimat nicht."

Quelle: innsalzach24.de

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