Notfallseelsorger im Interview

Sechs Monate nach Simbach-Flut: „Nur wenige sind weggezogen“

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Bei der Flutkatastrophe in Simbach sind sieben Menschen ums Leben gekommen.

Simbach am Inn - Die Bilder von kaputten Häusern durch Hochwasserkatastrophen verblassen mit der Zeit. Doch wenn das Wasser Nachbarn getötet hat, bleiben Fragen nach der Qual der Opfer oft sehr lange hängen.

Reiner Fleischmann kommt meist mit den ersten Einsatzkräften in Katastrophengebiete. Die eigentliche Arbeit des Notfallseelsorgers beginnt aber oft erst, wenn die sichtbaren Schäden verschwunden sind. Nach dem Motto: Erst wird repariert, dann ist Zeit für die Psyche. So auch bei den verheerenden Hochwasserkatastrophen in Bayern, 2013 im Deggendorfer Stadtteil Fischerdorf und 2016 im niederbayerischen Simbach am Inn, wie Fleischmann im Interview der Deutschen Presse-Agentur erzählt.

Was war der größte Unterschied zwischen Fischerdorf und Simbach?

Reiner Fleischmann: In Simbach und im Landkreis kamen sieben Menschen ums Leben. Das katapultiert so eine Katastrophe auf eine ganz andere Ebene. Das schafft Bilder bei den Betroffenen: Wie es denen wohl ergangen ist, was die durchleiden mussten. Es gibt sehr enge soziale Bezüge in einer kleinen Stadt wie Simbach. Da bekommt man es mit, wenn der Nachbar verstirbt und man vielleicht ein paar Stunden vorher noch beisammen war.

Welche Altersgruppen sind von psychischen Problemen besonders gefährdet?

Fleischmann: Sehr belastet sind die Älteren, weil sie keine Perspektive auf Zukunft haben. Die Banken geben ihnen keine Kredite. Aber auch im Familienverband kann es zu Konflikten kommen. Der eine Partner ist mit der Verarbeitung manchmal weiter als der andere. Das birgt Potenzial für Konflikte. Und auch Kinder sind gefährdet. Viele werden ganz still. Mir haben Kinder gesagt: Ich will zur Oma nach Oberbayern. Dort regnet es nicht. Aber auch: Ich will nicht mehr zu Hause bleiben, Mama und Papa schreien sich nur noch an.

Bilder: Ein Monat nach der Flut - Simbach wirkt wie eine Geisterstadt

Warum ziehen die Menschen nach einem verheerenden Hochwasser nicht aus dem Gebiet weg?

Fleischmann: Weil das ihre Heimat ist. Das hat mit Verwurzeltsein zu tun. Viele sind seit zwei, drei Generationen dort. In Fischerdorf gibt es einen hohen Anteil älterer Menschen. Die haben vieles mit eigenen Händen aufgebaut. Sie sagen: Wenn es uns wieder erwischt, dann erwischt es uns halt wieder. Also räumen sie den Müll weg, bauen ihre Häuser neu auf, ziehen ein und schlafen im ersten Stock, weil es so Vorschrift ist. Und dann kommt ein heftiges Unwetter. Sie wachen auf, teilweise schweißgebadet, teilweise mit Schüttelfrost und laufen nach unten und schauen, ob Wasser da ist. Die Bilder, die Jahre zurückliegen, sind weiter in ihnen. Es ist eine ständige, über Monate und Jahre andauernde Grundbelastung. Nur ganz wenige Betroffene, die erst vor einigen Jahren nach Fischerdorf gekommen waren, sind nach der Katastrophe weggezogen.

Wie sieht es mit der stationären Betreuung aus?

Fleischmann: Generell gibt es zu wenige stationäre Plätze. Wir haben im ostbayerischen Raum Wartezeiten zwischen vier Monaten und zwei Jahren. In dieser Zeit passiert so viel, die Belastung manifestiert sich. Der Großteil der Menschen sind sogenannte Selbstheiler: Sie schaffen es aufgrund ihrer körperlichen und psychischen Struktur und ihres sozialen Umfeldes, alles auf die Reihe zu bekommen. Aber in Fischerdorf ist das soziale Netzwerk genauso betroffen. Und wenn einer zum zehnten Mal kommt: Ich muss dir das wieder erzählen. Dann platzt schon mal der Kragen: Ich kann es nicht mehr hören, du regst mich auf. Dann zieht sich der Betroffene zurück.

Welche Tipps können Sie den Menschen in Simbach am Inn geben?

Fleischmann: Auch immer wieder für sich selbst sorgen. Wir Menschen sind von Ritualen geprägt. Sei es der Kaffee am Morgen, das gemeinsame Essen, das gibt Halt, das gibt Struktur. Ich vergleiche es gerne mit einem Boot mit zwei Rudern. Wenn ich immer nur in die eine Richtung rudere, immer nur baue, dann fängt das Boot an, sich zu drehen. Wenn ich aber zugleich rudere, also auch mal für Entspannung sorge, dann komme ich weiter.

Zur Person: Reiner Fleischmann (52) ist Diözesanreferent für psychologische Notfallversorgung im Bistum Regensburg. Er hatte bereits Menschen nach dem Amoklauf in Erfurt, dem Transrapid-Unglück im Emsland, dem Seilbahn-Unglück im österreichischen Kaprun sowie nach der Loveparade in Duisburg betreut. Seit dreieinhalb Jahren betreut er für den Malteser Hilfsdienst die Hochwasseropfer nach der Flut 2013 im Raum Deggendorf.

dpa

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