Olympia '72: Die Chronik des Versagens

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Tatort Fliegerhorst: das von Trümmern übersäte Vorfeld des Towers in Fürstenfeldbruck, wo es zum tödlichen Gefecht kam.

München - Das Drama von München beginnt um 4 Uhr früh: Am 5. September 1972 dringen palästinensische Terroristen morgens ins Olympische Dorf ein.

Olympia-Attentat '72: Bilder des Schrecken

Keine 24 Stunden später sind elf israelische Sportler, ein deutscher Polizist und fünf der acht Geiselnehmer tot. Was ist damals schiefgelaufen?

Der Krisenstab tagt hektisch – und ständig gehen diese nervigen Anrufe ein. Ein Ritterkreuzträger aus Bremen bietet an, „die Geiseln handstreichartig zu befreien“. Ein anderer schlägt vor, die Geiselnehmer „mit 100 000 Demonstranten“ zu „erdrücken“. Ein dritter will das Olympische Dorf mit dem Appartement Connollystraße 31 „zum israelischen Territorium erklären“ – so dass dann der israelische Verteidigungsminister Moshe Dayan selbst das Heft in die Hand nehmen könnte.

Gesammelt hat man diese „Vorschläge der Bevölkerung zur Lösung der Konfliktsituation im Olympischen Dorf“ in einer Akte. Sie liegen unserer Zeitung exklusiv vor. Auch der IOC-Präsident persönlich schaltete sich ein: Avery Brundage, 84, Bau-Mogul aus Chicago, aber sicher kein Experte für Sicherheitsfragen, schlug den Einsatz von Betäubungsgas vor. Das klang schon dilettantisch – doch die Leute im Krisenstab wussten auch keinen Rat. Ihre Stimmung am Nachmittag des 5. September 1972, wenige Stunden nach dem Beginn der Geiselnahme im Olympischen Dorf von München, schwankte zwischen Fassungs- und Hilflosigkeit.

Man hätte gewarnt sein können. Seit 1970 schwappte der israelisch-palästinensische Konflikt auch nach Europa. Am 10. Februar 1970 hatte es auf dem Flughafen München-Riem eine versuchte Geiselnahme mit einem israelischen Toten gegeben. Am 6. September 1970 entführten Terroristen der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ mehrere Flugzeuge mit insgesamt mehr als 750 Passagieren. Drei Maschinen wurden auf dem jordanischen Wüsten-Flugfeld „Dawson’s Field“ in die Luft gesprengt, die Geiseln indes freigelassen. Im Februar 1972 erschossen Palästinenser in Brühl bei Heidelberg fünf jordanische Arbeiter, die sie für Mitarbeiter des israelischen Geheimdienstes hielten.

Die unsichere Lage veranlasst das Bayerische Landeskriminalamt schon im Frühjahr 1972 zur Einschätzung, „terroristische Aktionen“ während der Olympischen Spiele seien „zu befürchten“. Warnungen kamen auch, wie der „Spiegel“ nach Auswertung von Archivunterlagen schreibt, aus der deutschen Botschaft Beirut und anderen staatlichen Stellen.

Das ist also einerseits eine erschreckende Laxheit. Andererseits erscheint es kaum vorstellbar, dass die als heiter und unbeschwert konzipierten Spiele wirklich kurzfristig zu einem Fest im Hochsicherheitstrakt hätte umfunktioniert werden können. Doch schwere Sicherheitspannen hätten sich vermeiden lassen. Warum zum Beispiel wurde das eingezäunte Olympische Dorf nicht stärker bewacht? „Es war für Fremde kein Problem, ins Dorf zu kommen“, sagte der israelische Leichtathlet Shaul Paul Ladany später. „Es reichte aus, einen Trainingsanzug zu tragen.“

Am Morgen des 5. September gegen 4 Uhr übersteigen acht Palästinenser der Terrorgruppe „Schwarzer September“ den Sicherheitszaun des Olympischen Dorfes und dringen in das Quartier der israelischen Sportler in der Connollystraße ein. Connolly – das war der erste Olympiasieger der Neuzeit. Doch jetzt passiert in der nach ihm benannten Straße das erste Olympia-Attentat der Geschichte. Gegen 5 Uhr sind Schüsse zu hören. Der Trainer der Gewichtheber, Mosche Weinberger, der sich den Geiselnehmern entgegenstellt, stirbt. Der Gewichtheber Josef Romano wird angeschossen – er verblutet.

Die restlichen neun Sportler werden zu Geiseln, das Drama nimmt seinen Lauf.

Schon gegen 5.08 Uhr treffen die ersten Polizisten ein. Ihnen flattert aus dem ersten Stock ein zweiseitiges Ultimatum entgegen. Bis 9 Uhr sollen 234 in Israel einsitzende Häftlinge sowie einige Gesinnungsgenossen wie die RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof frei sein. Gegen 6 Uhr übernimmt der Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber die Leitung des Polizeieinsatzes. Schreiber, der bayerische Innenminister Bruno Merk und Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher sind die Haupt-Ansprechpartner für den Deutsch redenden Anführer der Terroristen, einen Mann mit weißem Hut und dem Decknamen „Issa“, der seinen Auftrag vom militärischen Arm der PLO bekommen hat. An der Entschlossenheit von „Issa“ besteht kein Zweifel: „Ich bin ein Soldat“, sagt er Genscher. Und: „Wir sind im Krieg.“

Mehrere Ultimaten verstreichen – Stunden, in denen den Sicherheitskräften dämmert, dass sie es mit einem hartgesottenen Terrorkommando zu tun haben. So misslingt der Plan, wonach als Servicekräfte verkleidete Polizisten bei der Essensanlieferung das Quartier von innen auskundschaften sollen: Die Palästinenser lassen sich die Essenskisten einfach vor die Tür stellen und holen sie selbst herein. Gegen 13 Uhr bieten sich Genscher und später andere wie Merk und Schreiber als Austauschgeiseln an; auch das wird abgelehnt. Auf dem Dach des Olympiadorfes postierte Polizisten in Trainingsanzügen, die sich heranschleichen, werden von Fernsehteams gefilmt, was am TV-Gerät auch die Geiselnehmer live verfolgen; damit ist auch ein Überraschungsangriff aussichtslos. Kurz: Fehlschlag reiht sich an Fehlschlag.

Die Sondereinheit GSG 9 gibt es damals nicht – sie wird erst als Lehre aus dem Attentat gegründet. Jüngst von einer ZDF-Dokumentation genährte Gerüchte über eine geheime BND-Einsatztruppe („Stay behind“), die aber vom Krisenstab nicht angefordert worden sei, hat der GSG 9-Gründer Ulrich Wegener unlängst bei einem Vortrag in Fürstenfeldbruck kurz, aber eindeutig zurückgewiesen: „Nicht zutreffend.“ Wegener ist ein knorriger Typ. Er steht vergangene Woche im Lehrsaal der Fürstenfeldbrucker Offiziersschule am Rednerpult, trotz seiner 83 Jahre um Haltung bemüht. 1972 war Wegener Sicherheitsreferent von Genscher und in den entscheidenden Stunden in der Nacht auf den 6. September im Tower des Fliegerhorstes Fürstenfeldbruck, wo es zur finalen Katastrophe kam. Als die Schüsse fielen, sank Wegener in die Knie. „Unter dem Schreibtisch des Kommandeurs“ habe er sich mit Genscher verkrochen, sagt er leise. Er, der mit seiner GSG 9 1977 die Lufthansa-Maschine „Landshut“ stürmen und alle Geiseln befreien wird. Der spätere Held von Mogadischu – unter einem Tisch. Kein Wunder, dass Wegener eine bittere Bilanz zieht: Der Staat hat versagt.

An jenem 5. September spitzt sich die Lage gegen 18.30 Uhr erneut zu. Ein Zugriff von Polizisten im Tiefgaragen-Geschoss der Connollystraße zerschlägt sich. Unerwünschter Nebeneffekt: Die Terroristen sehen nun, dass der Krisenstab ernsthaft mit einer gewaltsamen Beendigung der Geiselnahme kalkuliert. Eine letztmalige Fristverlängerung bis 21 Uhr – bis zu diesem Zeitpunkt wollen die Terroristen mit ihren Geiseln nach Riem oder Fürstenfeldbruck ausgeflogen werden, um dann das Land in einer Lufthansa-Maschine Richtung Ägypten zu verlassen – hätte zu konsequenten Vorbereitungen genutzt werden können. Das unterbleibt. Die Katastrophe von München – sie ist eigentlich das Fiasko von Fürstenfeldbruck.

Gegen 22.35 Uhr landen die Terroristen mit ihren Geiseln in zwei BGS-Hubschraubern auf dem Fliegerhorst. Die Motoren ersterben. Es ist stockdunkle Nacht, aber das Flugfeld vor dem Tower ist hell erleuchtet. Warum die Helikopter mit der Schnauze in Richtung Tower landen und nicht längs, so dass man die Insassen hätte sehen können, weiß heute niemand. Ein kleiner Fehler, wieder einmal.

Kürzlich freigegebene Akten des israelischen Staatsarchivs enthalten einen englischsprachigen Bericht von Zvi Zamir, damals Chef des israelischen Geheimdiensts Mossad. Zamir erlebte die kritischen Stunden im Fürstenfeldbrucker Tower an der Seite von Franz Josef Strauß mit, den er nach einem Israel-Besuch des CSU-Chefs kannte. Der Mossad-Agent listete in einem Bericht schon zwei Tage nach der Katastrophe die Fehler deutscher Behörden auf. So war die exakte Zahl der Terroristen bis zuletzt unklar; gepanzerte Fahrzeuge, in denen sich Polizisten den Hubschraubern hätten nähern können, trafen erst kurz vor Mitternacht ein; die Ausrüstung der fünf – und damit zu wenigen – Scharfschützen war unzureichend, sie hatten nicht einmal Nachtsichtgeräte. Auch mobile Scheinwerfer fehlten.

Schon kurz nach dem Eintreffen der Hubschrauber eskaliert die Lage erstmals. Fünf, vielleicht sechs Terroristen steigen aus. Zwei davon, „Issa“ und sein Vertrauter „Tony“, gehen zur 150 bis 200 Meter entfernten Boeing 727, die für den Weiterflug bereitsteht. Die Maschine ist leer. Notdürftig als Stewards verkleidete Polizisten, gewöhnliche Revierbeamte, die die Geiselnehmer in der Maschine hätten überwältigen sollen und damit sicher überfordert gewesen wären, haben Angst bekommen und sind geflüchtet. Damit ist der zentrale Plan zur Befreiung gescheitert. Was bleibt, sind die Scharfschützen.

Was dann geschehen ist, ist unklar. Fest steht: Die Scharfschützen der Polizei – ihre Namen werden bis heute geheim gehalten – eröffnen das Feuer und erschießen zwei Attentäter. Ein weiterer wird verletzt. Den Polizisten Anton Fliegerbauer trifft eine Kugel tödlich. Wie viele Terroristen sind noch am Leben? Was ist mit den Geiseln? Der Münchner Staatsanwalt, der 1973 die Ermittlungen gegen alle Beteiligten einstellte, geht davon aus, alle Geiseln seien schon bei den ersten Schusswechseln getötet worden. Doch das scheint keineswegs klar.

Jetzt, mitten in der Nacht, erweist es sich als fatal, dass die genaue Zahl der Geiselnehmer nicht übermittelt worden ist. Auch die Ausleuchtung ist schlecht – die Terroristen haben die Scheinwerfer beschossen. Mindestens ein Attentäter kann im Schatten eines der Helikopter Schutz suchen.

30, vielleicht 40 Minuten, so schätzte der Mossad-Chef Zamir, herrschte danach bis auf vereinzelte Schüsse Stille auf dem Fliegerhorst. Unheimliche Stille.

Etwa um Mitternacht überschlagen sich die Ereignisse. Gepanzerte Fahrzeuge, die sich durch die mit Schaulustigen verstopften Zufahrtsstraßen einen Weg bahnen müssen, sind endlich eingetroffen. Sie fahren jetzt aufs Vorfeld. Ein Panzerwagen steuert auf einen der Hubschrauber zu. Da springt ein Attentäter heraus und wirft eine Handgranate in den Helikopter, der in Flammen aufgeht – eine der Geiseln, David Berger, stirbt an einer Rauchvergiftung. Aus dem anderen Hubschrauber sind Schüsse zu hören.

Gegen 0.30 Uhr, vielleicht auch erst gegen ein Uhr sind alle neun Geiseln tot.

Dirk Walter/Münchener Merkur

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser