Ein Strömungsretter schildert die Hochwasser-Katastrophe

"Das Wasser bis zur Brust und überall weitere Gefahren!"

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Über zehn Stunden waren die DLRG-Helfer im Einsatz und retteten insgesamt 82 Menschen.

Simbach - "Wasser, Wasser, Wasser" - Das ging den Strömungshelfern der Deutschen-Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) durch den Kopf, als sie am Tag des Unglücks in Simbach ankamen. Ein Helfer schildert die dramatischen Szenen aus seiner Sicht:

Noch immer sind Einsatzkräfte nach dem verheerenden Hochwasser im Landkreis Rottal/Inn vor Ort. Die Aufräumarbeiten und der Wiederaufbau werden noch eine ganze Weile andauern. Zahlreiche Rettungskräfte unterschiedlichster Institutionen und Vereine leisteten Hilfe, sogar die Bergener Flüchtlinge packen seit Freitag kräftig mit an.

Über Fernsehbilder oder Internetvideos lässt sich das Ausmaß des Chaos und der Zerstörung nur erahnen. Ein Strömungsretter der Deutschen-Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) schildert nun seine Eindrücke vor Ort und lässt die Leser das Drama hautnah miterleben:

Gedanken eines Strömungsretters

Gemeinsam mit elf weiteren Einsatzkräften rückt der Strömungsretter am Mittwoch aus. Die Truppe ist unsicher und ungewiss, was sie erwarten wird. Vor Ort angekommen ist dem Helfer sofort klar: "Die tausenden Übungsstunden hin oder her, auf ein derartiges reales Ausmaß kann man einfach doch nicht vorbereitet sein."

Das Wasser geht  ihnen bis zum Bauch, sie stehen bis zu den Knien im Schlamm und überall lauern weitere Gefahren: ständig wechselnde Strömungen und Wasserstände, herumtreibende Gegenstände.

Ständig neue Gefahren

Bereits der erste Einsatz erweist sich als äußerst schwierig: der reißende Simbach wütet dort, wo zuvor eigentlich eine Bundesstraße gewesen ist. In den zu evakuierenden Wohngebieten herrscht ebenfalls absolutes Chaos: Bäume und Bretter, mehrere Meter hoch gestapelt wie bei einem Mikado-Spiel und überall sind hilfsbedürftige Menschen. Per Zuruf wird geklärt, wer sich unmittelbar in Gefahr befindet und sofortige Hilfe benötigt.

Oberste Priorität haben ältere Menschen, Säuglinge und Kinder. Doch jede Rettung bringt wieder weitere Schwierigkeiten mit sich. Blockierte Türen, im Wasser herumtreibende Baumstämme und Chemikalien - krampfhaft versuchen die Retter die Umgebung ständig im Überblick zu behalten, um potenzielle Gefahren sofort zu erkennen.

Bilder: Einsatz des DRLG-Kreisverbandes Mühldorf am Inn

Rettungskräfte im Dauereinsatz

Den Strömungsrettern bleibt kaum eine Verschnaufpause. Unterstützt werden sie auch aus der Luft von einem Hubschrauber, der Personen von den Dächern rettet. Ständig kommen Meldungen, dass Familienangehörige oder Nachbarn noch in den Häuser eingesperrt sind. Über zehn Stunden tun sie ihr Möglichstes, um den Menschen Hilfe zu leisten. In diesem Zeitraum retten sie neben 82 Personen, darunter zwei Säuglinge und 17 Kinder, zwei Hunde und fünf Katzen.

Bilanz nach einem anstrengenden Tag

Völlig erschöpft und ausgelaugt kehren die Helfer zur Einsatzzentrale zurück. Erst dann fällt ihnen auf, dass ihre Körper und ihre Schutzanzüge mit allerlei Chemikalien und Heizöl überzogen sind. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass diese für zukünftige Einsätze unbrauchbar sind und ersetzt werden müssen.

Nach einem langen Tag, an dem die Helfer unmenschliches vollbracht haben, fallen sie mit der Gewissheit, dass das Hochwasser noch Monate oder sogar Jahre für die Betroffenen Folgen haben wird, völlig ausgelaugt ins Bett.

Martin Wiegand

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