Lage in Sachen Hochwasser bleibt angespannt

Niederbayern: Beunruhigende Analyse der Simbacher Sturzflut

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Hochwasser in Simbach am Inn.

München - Die Sturzfluten im Landkreis Rottal-Inn am 1. Juni kosteten sieben Menschen das Leben und könnten annähernd eine Milliarde Euro Schaden verursacht haben. Ein Experte sagt nun: Gegen solche Wetterphänomene gebe es keinen wirklichen Schutz.

Zwei Wochen nach der Flutkatastrophe von Niederbayern verheißt die erste vorsichtige wissenschaftliche Bewertung nichts Gutes für die Zukunft: Eine vergleichbare Wetterlage wie Ende Mai und Anfang Juni hat es nach Einschätzung eines Experten noch nie gegeben - und technische Schutzmaßnahmen gegen so genannte tausendjährige Hochwasser gebe es in keinem Staat der Welt. Das sagte Martin Grambow am Donnerstag im Landtag, er ist Leiter der bayerischen Wasserwirtschaft und Professor an der Technischen Universität München.

Tausendjähriges Hochwasser - im Fachjargon als „HQ 1000“ bekannt - bedeutet, dass ein Gewässer auf einen Rekordpegel anschwillt, der im statistischen Schnitt nur alle tausend Jahre einmal erreicht wird. In Simbach am Inn war am ersten Juni der Pegel des gleichnamigen Simbachs innerhalb kurzer Zeit um fünf Meter angestiegen. „Wir gehen davon aus, dass wir es mit einem Phänomen in einer neuen Ausprägung zu tun haben“, sagte Grambow dazu.

Die Unwetter zeichneten sich nach seinen Worten durch zwei Besonderheiten aus: Die Unwetterzellen seien über Stunden „ortsfest“ gewesen und nicht wie ein normales Sommergewitter weitergezogen. Die zweite Besonderheit: die enorme Größe der Unwetterzellen und eine extreme Aufladung mit Feuchtigkeit - „so wie wir es normalerweise nur in Äquatornähe kennen“. Nach historischen Aufzeichnungen könnte es im Jahr 1766 einmal eine ähnliche Wetterlage gegeben haben, doch genau klären lässt das nach Grambows Angaben nicht.

Zuverlässiger Schutz laut Experten gar nicht möglich

Das Beunruhigende aus wissenschaftlicher Sicht: Nur vier Tage vorher gab es in Braunsbach in Baden-Württemberg eine ebenso plötzliche Flut wie in Simbach. Und technische Hochwasserschutzmaßnahmen gegen derartige Katastrophen sind nach Grambows Einschätzung allein aus Kostengründen quasi ausgeschlossen: „Es gibt keinen Staat der Welt, der auch nur annähernd versuchen würde, HQ1000-Ereignisse mit technischen Möglichkeiten zu bewältigen.“ Allein neue Risikokarten für alle 2000 bayerischen Gemeinden würden nach Grambows Angaben zwei Milliarden Euro kosten.

In Simbach waren mehrere Dämme gebrochen - doch das war nach dem Bericht des Wissenschaftlers bei einer Sturzflut dieses Ausmaßes auch unvermeidlich. Die Dämme in Simbach seien für hundertjährige Hochwasser ausgelegt und hätten solchen Belastungen auch schon standgehalten.

Die Flut vom 1. Juni habe die am Ort vorbeiführende Bundesstraße 12 auf 80 Meter Breite mit einem Wasserschwall von drei bis vier Metern Höhe überschwemmt. „Wenn jemand so etwas als Augenzeuge berichtet, würde man ihm das nicht glauben“, sagte der Wissenschaftler. Zuverlässiger Schutz gegen derart unvorhersehbare Unwetter ist aus Grambows Sicht auch nicht möglich: „Dann müssten wir aus Bayern wegziehen.“

Grüne machen Klimawandel für Sturzfluten verantwortlich

Die Wasserbauexperten richten nun besorgte Augen sogar auf jahrhundertealte Dorfweiher und Fischteiche, von denen seit der Aufstauung des jeweiligen Baches im Mittelalter noch nie eine Gefahr ausgegangen ist - und denen deswegen auch der entsprechende technische Schutz fehlt. „Es hat sich seit dem Mittelalter etwas geändert“, sagte Grambow. „Wenn so eine Stauanlage bricht, brauche ich nicht näher auszuführen, was dann passiert.“

Umweltausschuss-Chef Christian Magerl machte den Klimawandel für die Sturzfluten verantwortlich. Es gebe 90 000 Kilometer Bachläufe in Bayern, „aber wir dürfen vor der Aufgabe nicht kapitulieren. Das ist eine Sisyphusaufgabe.“

Grüne und SPD fordern nun mehr Geld und mehr Personal für die Wasserwirtschaftsverwaltung, die in den vergangenen zehn Jahren mit massiven Kürzungen leben musste. Nach Berechnungen der SPD sind fast 1000 Stellen gestrichen worden. Der SPD-Umweltpolitiker Florian von Brunn forderte einen umfassenden Bericht der Staatsregierung. Die Freien Wähler stießen in ein sehr ähnliches Horn: „Wir müssen die Kommunen mehr unterstützen“, sagte ihr Abgeordneter Benno Zierer. „Die Wasserwirtschaftsämter sind immer personalärmer geworden.“

dpa

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