"Nach intensiven Ermittlungen" in Burghausen

Todesschüsse: So hat sich die Staatsanwaltschaft entschieden

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Die Staatsanwaltschaft Traunstein hat eine Entscheidung getroffen.

Burghausen - Am 25. Juli 2014 verlor André B. sein Leben - die Kugel aus der Waffe eines Zivilfahnders traf ihn tödlich in den Hinterkopf. Nach rund 19 Monaten hat die Staatsanwaltschaft über eine Anklage-Erhebung entschieden!

Am Abend des 25. Juli 2014 wollten der Zivilfahnder Michael K. und sein Kollege einen Haftbefehl gegen André B. vollstrecken - er stand unter Verdacht, mit Marihuana in nicht geringen Mengen gehandelt zu haben. Die beiden Männer warteten bereits seit dem Nachmittag auf den 33-jährigen Deutsch-Russen. Kurz vor 18 Uhr trafen sie ihn in der Burghauser Herderstraße, vor der Wohnung seiner Freundin Karo S., an.  

Im August 2014 versicherte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann, dass er sich für eine Aufklärung der Todesumstände von André B. einsetzen wird.

Die Festnahme missglückte, André B. bekam eine Kugel in den Hinterkopf und verstarb noch vor Ort. Lange Zeit war nicht klar, ob die Staatsanwaltschaft Traunstein Anklage gegen den Schützen erheben wird. Ein neues Gutachten sorgte für Kopfschütteln, auch eine erneute Absperrung des Tatorts und die wiederholte Vernehmung von Zeugen zogen sich in die Länge. In Augen des Nebenklage-Anwalts Steffen Ufer, ein renommierter Münchner Strafverteidiger, diente das Ermittlungsverfahren lediglich der Rechtfertigung der Polizeiaktion und nicht der Aufklärung.

Nun traf der leitende Oberstaatsanwalt, Wolfgang Giese, eine Entscheidung. Diese wurde uns als Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft übersandt:

Die Staatsanwaltschaft Traunstein hat das Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit dem tödlichen Schusswaffengebrauch eines Polizeibeamten am 25. Juli 2014 in Burghausen nach intensiven Ermittlungen mit dem Bayerischen Landeskriminalamt eingestellt.

Es ergab sich, dass der Beamte weder vorsätzlich noch fahrlässig den Tod des Mannes verursacht hat, der sich der Festnahme entziehen wollte.

Der Zivilfahnder der Zivilen Einsatzgruppe der Polizei hatte den dienstlichen Auftrag, gemeinsam mit einem Streifenkollegen einen mit richterlichem Haftbefehl gesuchten Mann festzunehmen, der im dringenden Verdacht stand, mit Rauschgift in nicht geringen Mengen Handel getrieben zu haben, einem Verbrechen nach dem Betäubungsmittelgesetz.

Am Nachmittag des 25.Juli 2014 fahndeten die Beamten nach diesem Mann und stellten ihn im Hinterhof des Anwesens Herderstraße 2-6 in Burghausen. Sie gaben sich ihm als Polizeibeamte zu erkennen und forderten ihn auf, stehenzubleiben. Der Mann wollte sich der Festnahme durch Flucht entziehen und rannte davon. Die Polizeibeamten verfolgten ihn. Einer der Beamten gab einen Warnschuss ab, auf den der Flüchtende aber nicht reagierte. Um ihn an der weiteren Flucht zu hindern und weil er den vor ihm weglaufenden Mann nicht erreichen konnte, gab der Beamte einen gezielten Schuss auf dessen Beine ab. Unglücklicherweise wurde der Mann durch den Schuss im Genick getroffen und hierdurch tödlich verletzt.

Zur Aufklärung des Sachverhalts hat die Staatsanwaltschaft Traunstein eine umfangreiche Untersuchung des Tatgeschehens durchgeführt. Es wurden Sachverständigengutachten zur Schusswaffe, zur Schussentfernung, zur Situation bei der Schussabgabe, zur Winkelabweichung bei der Schussabgabe und zur Treffsicherheit bzw. dem Trefferbild erholt. Weiter wurden Zeugen - Kinder und Jugendliche –, die das Geschehen im Hinterhof der Herderstraße in Burghausen unmittelbar miterlebt haben, einvernommen. Um Widersprüche aufzuklären, mussten sie mehrfach zu ihren Beobachtungen vernommen werden. Ihre Aussagen wurden so genau wie möglich ausgewertet, um die jeweiligen Standorte und Erkenntnismöglichkeiten gegeneinander abzuwägen. Nicht zuletzt diese Ermittlungsarbeit, deren Dokumentation und die Erholung und Auswertung der Sachverständigengutachten haben dazu geführt, dass das Ermittlungsverfahren erst jetzt abgeschlossen werden konnte.

Nach dem Ergebnis der Ermittlungen ist dem Beamten weder ein vorsätzliches Tötungsdelikt noch ein Vergehen der fahrlässigen Tötung nachzuweisen.

Mit dem Schuss sollte die weitere Flucht des Mannes verhindert werden. Dieser von vornherein mit dem Risiko einer schwerwiegenden Körperverletzung verbundene Einsatz der Schusswaffe war in diesem Ausnahmefall durch die Vorschriften des Polizeiaufgabengesetzes gedeckt, auch wenn der Beamte nicht selbst angegriffen wurde. Eine Sorgfaltspflichtverletzung des Beamten bei Abgabe des tödlichen Fehlschuss ist nicht nachweisbar. Durch Warnschuss und gezielten Schuss wurde keine dritte Person geschädigt. Ebensowenig trat nach den Erkenntnismöglichkeiten des Beamten eine Gefährdung anderer Personen – insbesondere der Kinder in unmittelbarer Nähe des Geschehens - ein.

Im Ermittlungsverfahren waren neben allen tatsächlichen Umständen der Schussabgabe Rechtsfragen zu den Voraussetzungen des polizeilichen Schusswaffengebrauchs außerhalb von Notwehr und Verteidigung zu klären, denn selbstverständlich steht jede Anwendung staatlicher Gewalt unter dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit und unterliegt zahlreichen weiteren Einschränkungen.

Der Einsatz der Schusswaffe durch einen Polizeibeamten ist im Polizeiaufgabengesetz geregelt. Danach darf von der Schusswaffe Gebrauch gemacht werden als letztes Mittel zur Vereitelung der Flucht oder zur Ergreifung einer Person, die auf Grund eines Haftbefehls wegen eines Verbrechens festzunehmen ist. Das sind Straftaten, die mit Mindeststrafe von einem Jahr Freiheitstrafe bedroht sind. Die Frage, ob der nach dem Haftbefehl gegebene dringende Tatverdacht des Verbrechens nach dem Betäubungsmittelgesetz oder anderen Tatbeständen tatsächlich zutrifft, ist Gegenstand der vorherigen richterlichen Prüfung. Sie hat der Beamte, der den Haftbefehl zu vollziehen hat, nicht noch einmal zu bewerten.

Die Schussabgabe muss wie jede andere polizeiliche Gewalt angedroht werden. Der gesetzlichen Verpflichtung zur Androhung eines gezielten Schusses ist der Beamte durch einen Warnschuss nachgekommen.

Nach dem Ergebnis der Ermittlungen hat der Flüchtende diese Warnung auch verstanden und ist dennoch fast 20 Meter weitergelaufen, bis ihn der Schuss aus einer Entfernung von 6,5 bis 10,2 Metern traf.

Das Fehlgehen eines Schusses ist jedenfalls dann nicht strafbar, wenn es sich im Risikobereich des erlaubten Schusses auf einen Menschen hält.

Die Treffsicherheit bei einem gezielten Schuss im Einsatz entspricht allerdings nicht dem Trainingsschuss am Schießstand. Es wird vom Polizeibeamten vielmehr verlangt, dass er zunächst versuchen muss, den Flüchtenden mit vollem körperlichem Einsatz zu erreichen, bis er erkennt, dass er ihn nicht mehr erreichen kann. Er muss dann stehen bleiben und eine hinreichend sichere Schusshaltung einnehmen, ohne die Entfernung zu groß werden zu lassen.

Es ist nicht zu widerlegen, dass der Beamte im Stehen auf die Beine des Fliehenden gezielt und geschossen hat, um ihn an der weiteren Flucht zu hindern. Die festgestellte Schussabweichung beträgt zwischen 4,5 und 7,1 Grad und stellt daher keine Pflichtverletzung dar. Der aufgrund einer Zeugenaussage entstandene Verdacht, der Beamte habe aus dem Laufen heraus einen mehr oder weniger ungezielten Schuss abgegeben, hat sich nicht bestätigt.

Mit Rücksicht auf die von dem tragischen Unglücksfall betroffenen Personen, insbesondere der Angehörigen des Getöteten, der Tatzeugen aber auch des beschuldigten Polizeibeamten, sieht die Staatsanwaltschaft davon ab, weitere Einzelheiten der Ermittlungsergebnisse bekannt zu geben oder zu kommentieren.

Bettina Pohl/Pressemitteilung Staatsanwaltschaft Traunstein

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Quelle: innsalzach24.de

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Bettina Pohl

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