33-Jähriger aus Burghausen erschossen:

Todesschüsse: Schwere Vorwürfe gegen Polizei

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Andre B. mit seiner Freundin

Burghausen - Drei Tage sind nach der tödlichen Verhaftung von Andre B. (33) vergangen. Jetzt erhält der Polizei-Einsatz neue Brisanz: Augenzeugen erheben schwere Vorwürfe.

Am Freitag, 25. Juli, missglückte die Festnahme eines gesuchten Drogendealers durch zwei Zivilbeamte. Drei Tage nach der fehlgeschlagenen Polizei-Aktion trifft man immer noch fassungslose Bewohner des Wohnblocks, vor dem sich die tödlichen Schüsse ereignet haben. An der Stelle, an der Andre B. ums Leben gekommen ist, wurden Blumen und Kerzen zu seinem Gedenken aufgestellt. Vier Anwohner sitzen in unmittelbarer Nähe auf Stühlen und machen ihrem Ärger über die Polizei-Aktion lautstark Luft. In ihren Augen stimmen die Aussagen der Polizei nicht mit den wahren Ereignissen überein. Zu vieles werde verschwiegen, was aber von Augenzeugen gesehen wurde.

Ein guter Bekannter des Toten ist vorbeigekommen, er will für den 33-Jährigen eine Kerze anzünden. Auch er zweifelt stark an den Schilderungen der Polizei. „Den Andre hab ich vor zwei Wochen am Freitag im Kinocafé sitzen sehen, eine Woche zuvor habe ich ihn im Fitness-Studio getroffen. Soviel zum Thema „Verstecken vor Fahndung“… Meiner Meinung nach ist das ein seltsames Verhalten, wenn jemand angeblich gesucht wird“, untermauert er seine Bedenken. Der Bekannte, der im selben Fitnessstudio wie der Getötete trainiert, berichtet von seiner Freundschaft mit Andre, die irgendwann abbrach: Als Andre, der wegen Dealens mit Drogen vorbestraft ist, in seinen Augen einen falschen Umgang pflegte und letztlich ins Gefängnis wanderte. Der Burghauser beschreibt Andre B. als netten Kerl, der nie jemandem etwas Böses getan habe und nie durch Aggressivität aufgefallen sei. Er berichtet, dass der 33-Jährige vor einem Jahr aus dem Gefängnis entlassen worden ist und in der Haft eine Ausbildung zum Techniker gemacht habe.

Andre B. selbst hat nicht in der Wohnanlage gewohnt, in der er den Tod fand, er sei jedoch Dauergast in der dortigen Wohnung seiner Freundin gewesen. Diese war, wie innsalzach24.de erfuhr,eine der Ersten an der Unglücksstelle. Ein Augenzeuge berichtet, dass sie den etwa Mitte 20-jährigen Polizisten gefragt habe, wieso er ihren Freund erschossen habe. „Ich wollte das nicht“, sei dessen Antwort gewesen. Einer der Anwohner, der Freitagabend anwesend war, erzählt, dass nicht nur die Freundin dem Polizisten schwerste Vorwürfe gemacht habe. Andres Mutter, die am Tatabend am Einsatzort eintraf, schrie dem Zivilbeamten die Worte "Du hast mein Kind umgebracht" entgegen. „Das ist noch nicht erwiesen. Immerhin sind wir hier in Bayern und nicht in Russland", habe der Zivilfahnder gekontert.

Eine Nachbarin erzählt dann, wie es den Anwohnern jetzt geht: „Die Kinder trauen sich nicht mehr aus den Wohnungen, ein Junge hat psychologische Unterstützung benötigt.“ Immerhin ist der Ort der missglückten Verhaftung auch der Spielplatz der Kinder, die in dem Wohnblock leben. Dass nicht mal alle Spuren, die Hinweis auf die Polizei-Aktion geben, von den Beamten ordentlich entfernt wurden, macht viele Bewohner wütend. So kann jeder die benutzten Latex-Handschuhe der Spurensicherung sehen, die einfach in einen Mülleimer geworfen wurden.

Nicht nur über die Vorgehensweise der Polizei, auch über die Berichterstattung sind die vier Zeugen empört. Niemand der Anwesenden habe zum Beispiel gesehen, dass Andre B., wie vielfach behauptet, eine Eisenstange bei sich geführt habe. (Anmerkung der Redaktion: Dieses Gerücht hatte am Freitagabend schnell in Burghausen, im Internet und in den Medien die Runde gemacht. Von offizieller Stelle, etwa von Seiten der Polizei, war dies tatsächlich aber nie behauptet worden.)

Auch sei ständig die Rede davon, dass die Zivilpolizei Andre B. zufällig hier gesehen habe. Dabei hat eine ältere Dame aus der Anlage das schwarze Auto der Zivilfahnder mit Mühldorfer Kennzeichen bereits um 16 Uhr vor Ort gesehen. Die Polizisten hätten sich die Lage in aller Ruhe angesehen. Und sie hätten mitbekommen, dass Kinder auf dem Rasen spielten. Die tödlichen Schüsse wurden dann um kurz vor 18 Uhr abgefeuert.

Viele Fragen tun sich für die Bewohner des Wohnblocks auf, vor dem Andre B. ums Leben gekommen ist. Die eine, die wichtige Frage nach dem „Warum“ lässt keinen los. „Wieso haben die Polizisten zugelassen, dass dem Getroffenen eine Decke über den Kopf gelegt wird, bevor einer überhaupt den Versuch gestartet hat, ihn noch zu retten?" Teilnahmslos hätten die Polizisten dagestanden: "Keiner hat etwas unternommen. Wenn ich sehe, dass jemand schon abgedeckt ist, dann gehe ich doch automatisch davon aus, dass er tot ist. Wieso wurden keine Wiederbelebungsversuche unternommen? Und wieso hat der Notarzt rund 45 Minuten zum Einsatzort gebraucht?“ , fragen sie. 30 Einsatzkräfte sind ihrer Einschätzung nach schon vor Ort gewesen, dann erst traf der Notarzt ein.

Erschütternde Aussagen, die den Einsatz am Freitag ganz anders darstellen, als es die Polizei bislang getan hat. Die Anwohner wünschen sich Aufklärung und eine Stellungnahme der Polizei zu den schweren Anschuldigungen.

Schon am Samstag hatten Angehörige, Freunde und Sympathisanten gegen den Einsatz protestiert. In einem nicht angemeldeten Demozug marschierten rund 50 Menschen vor der Polizeistation in Burghausen auf und dann durch die Innenstadt und skandierten: "Polizei - Mörder!"

Aus unserem Archiv:

Demonstration gegen Polizeigewalt:

Nach Schießerei: Protest gegen Polizei

Trauerbekundung für André B.:

Trauerbekundung für 33-Jährigen

Bilder vom Tatort:

Festnahme missglückt: Mann erschossen!

Schießerei in Burghausen

Schießerei in Herderstraße

Quelle: innsalzach24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser