Gedenken an Ersten Weltkrieg soll gewahrt werden

JHG-Schüler restaurieren Schützengräben in Frankreich

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Chef Philippe Dourtes von der ALHIMIC erklärt den Jugendlichen, was zu tun ist.

Traunreut - Es gibt nur wenige Projekte dieser Art: Schüler aus Traunreut restaurieren seit Jahren zusammen mit französischen Jugendlichen Schützengräben, um diese als Denkmal zu erhalten. Ein spannendes Projekt, das jetzt im JHG vorgestellt wurde.

Seit 2012 besteht der Schüleraustausch zwischen dem Johannes Heidenhain Gymnasium (JHG) in Traunreut im Landkreis Traunstein und dem Collège Ferdinand Buisson in Thiaucourt-Regniéville in Lothringen. Eine Veranstaltung am Rande des Austauschs wurde dazu genutzt, um Interesse für ein seit 2004 bestehendes Projekt zu wecken und Kontakte zu knüpfen. Besagtes Projekt war die Rekonstruktion einer Schützengrabenlinie bei Saint-Baussant, einer Nachbargemeinde von Thiaucourt, um diese als Denkmal an den Ersten Weltkrieg zu erhalten. 

Dies führte dazu, dass durch eine gute Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten, dem MJC Thiaucourt und deren deutschem Pendant, dem Jugendzentrum Traunreut, Entscheidungsträgern der Gemeinde Saint-Baussant und der Stadt Traunreut, sowie den jeweiligen Schulleitern, die Erweiterung des Projekts ermöglicht wurde. 

Im Juli 2013 konnte die erste Gruppe von JHG-Schülern der zehnten Klasse mitarbeiten. Seitdem wurde das Projekt jedes Jahr zur gleichen Zeit für eine Woche fortgeführt.

Vorträge auf Deutsch und Französisch über die Schützengräben

Zu diesem geschichtsträchtigen Thema gab es vor einem Monat äußerst interessante Vorträge und eine Ausstellung in der nahezu vollbesetzten Aula des Johannes Heidenhain Gymnasiums in Traunreut. Verschiedene Vertreter aus Deutschland und Frankreich informierten die Besucher über deren Arbeit und die der Jugendlichen. Besonders war, dass der Vortrag auf Deutsch und Französisch gehalten wurde.

Den Anfang machte der Traunreuter Schulleiter Mathias Schmid. Er begann seine Rede damit, dass "Deutschland und Frankreich in vielen Organisationen, wie der EU, der NATO, oder der UN vereint" sind. Darauf ging er auf das Projekt, das sein Vorgänger, Dr. Robert Anzeneder bewilligt hat, ein. Schmid stellte die Frage, warum eine Restauration von Schützengräben wichtiger sei, als ein bloßes Konservieren der Geschichte.

Er beantwortete die Frage damit, dass ein "gemeinsames Gedenken wichtig für ein friedliches Zusammenleben" ist. Einerseits kläre dies die Völker auf, andererseits verhindere dies kriegerische Auseinandersetzungen, die auch heute viele Todesopfer fordern, wie zum Beispiel in Syrien. Abschließend hob der Schulleiter das Engagement vieler Personen hervor, die das Projekt ermöglicht haben. Besonders hob er das Engagement von zwei Lehrerinnen des JHG, Susanne Hollmann und Christina Falter, sowie des damaligen JUZ-Chefs (mittlerweile Mitarbeiter im Traunreuter Stadtarchiv) Valentin Haase hervor. Deren Engagement ginge "über den Aufgabenbereich hinaus."

"Jugend forscht"-Preisträger drehte Film

Nach seiner Rede wurde ein Film, welcher übrigens von Tassilo Schwarz, der erst letztens die Bundeskanzlerin begeisterte, über die Arbeit der Jugendlichen in den Schützengräben gezeigt, allerdings in einer von einem Mitschüler gekürzten und synchronisierten Fassung.

Die unsynchronisierte, originale Langfassung kann man auf Vimeo sehen.

Wie es damals und heute in Frankreich aussieht

Im Anschluss daran informierte Marc Rolin, Vorsitzender der Militärhistorischen Gesellschaft von Lothringen (ALHIMIC), über den Ersten Weltkrieg (Anm. d. Red.: in Frankreich "der Große Krieg" genannt), die Arbeit seiner Organisation und die Zustände in der Region heute. Das Gebiet, in dem das Projekt stattfindet, wurde von September 1914 bis Juli 1915 von erbitterten Kämpfen zwischen deutschen und französischen Truppen geprägt. Im Kampf um hunderte Meter Land fielen auch hier tausende Soldaten. 

Nachdem es nach Ende der Kampfhandlungen lange Zeit ruhig war, begann ab 1918 die Befreiung durch überwiegend französische und amerikanische Truppen. Die Spuren der Kämpfe in der Region seien auch heute noch zu sehen, zum Beispiel auf Luft- und Satellitenbildern. Im Wald wurden Denkmäler und Friedhöfe von der Natur wieder zurückerobert, ebenso Stacheldrahtverhaue, Telefonleitungen und Kampfstellungen.

Was mit den Schützengräben passieren soll

Um dieser Entwicklung gegenzusteuern, das heißt Schützengräben und ähnliche Monumente nicht der Natur zu überlassen und wieder in Gedenkstätten umzuwandeln, wurde 1994 die ALHIMIC gegründet. Diese kümmert sich um die Recherche zur Geschichte des Ersten Weltkriegs, betreut und beliefert zugleich die Jugendbaustelle mit Materialien und veranstaltet regelmäßig Ausstellungen zum Thema Erster Weltkrieg in ihrer Heimat.

Die Arbeit in den Schützengräben selbst,welche nach Originalfotos von damals möglichst genau wieder rekonstruiert werden sollen, sieht wie folgt aus: Der Aufgabenbereich der Jugendlichen liegt dabei im Saubermachen und Ausgraben der Schützengräben, im Wieder-Aufmauern der bröckelnden Stellungen und, im Falle einer stärkeren Befestigung aus Beton, dem Auspumpen von stehendem Wasser. 

Der Lohn für beschwerliche und gefährliche Arbeit

Da das Gebiet ohnehin sumpfig ist und in französischen Sommern das Thermometer regelmäßig über 40 Grad anzeigt, kann die Arbeit wegen der Hitze und der optimalen Brutbedingungen für Mückensehr beschwerlich werden. Ein gefährlicher Nebeneffekt der Arbeit ist auch das Zutagefördern von nicht nur Stacheldraht, Granatsplittern und Trinkgläsern, sondern ab und an auch das von noch scharfen Patronenhülsen. Diese werden dann vor Ort und Stelle von sachverständigen Mitgliedern der ALHIMIC unschädlich gemacht.

Traunreuter Schüler restaurieren Schützengräben

Doch der harten Arbeit Lohn sei laut Rolin eine durch und durch positive Resonanz von nicht nur französischen, sondern auch ausländischen Besuchern. Und das gebe einen Antrieb, das Projekt bis zum Ende weiterzuführen. Das finale Ziel sei, dass die Gedenkstätte, die bereits seit 1990 besteht und momentan den Status einer Sonderzone besitzt, in ein historisches Monument umgewandelt wird. Damit würde es auf einer gleichen Stufe wie der Eiffelturm in Paris, der Cité Radieuse in Marseille, oder dem Pont du Gard in der Nähe von Nîmes stehen.

Geht es weiter?

Christian Cratz, Chef des Jugendzentrums MJC Thiaucourt, berichtete im Anschluss über seine Arbeit, Programme für Kinder und Jugendliche aufzustellen. Cratz präferiere jedoch stets eine "Arbeit, die Sinn macht". Er schloss sich seinen Vorrednern an und meinte auch, dass ein friedliches Europa weiter bestehen soll. Er merkte an, dass es besonders zwischen Frankreich und Deutschland wichtig sei, dass diese an diesem Europa arbeiten. Denn vor 100 Jahren standen sich noch Franzosen und Deutsche gegenüber und bekämpften sich. Ebenso erwähnte Cratz, dass man in den Schützengräben nicht nur schufte, sondern auch gegenseitig "die verschiedenen Kulturen, egal ob auf der Baustelle, in den Gastfamilien, oder auf gemeinsamen Ausflügen", erlebe. 

Auch gab es bislang jedes Jahr ein Nebenprojekt, an welchem alle Jugendlichen beteiligt waren. 2013 wurde täglich eine gemeinsame Radiosendung aufgenommen, im Jahr darauf ein Kunstwerk hergestellt und im vergangenen Jahr der Film von Tassilo Schwarz gedreht. Für die Zukunft sei zudem die Veröffentlichung eines Comics geplant.

Cratz beendete seinen Vortrag mit folgendem Zitat: "Wir müssen an dem Frieden für ganz Europa arbeiten und bauen." Dadurch, dass der Chef des MJC Thiaucourt seinen Posten zum Jahreswechsel abgibt, bleibt es offen, ob dessen Nachfolger weiterhin an der guten Zusammenarbeit interessiert ist, sodass das Projekt weitergeführt werden kann.

Fesselnde Berichte runden den Abend ab

Abschließend lasen die diesjährig beteiligten Schüler aus Deutschland noch fesselnde Feldpostbriefe der Soldaten und eigene Tagebucheinträge von ihren Eindrücken den Besuchern vor. Nach den Vorträgen bat sich noch die Möglichkeit, die Ausstellung näher zu betrachten und mit den beteiligten Personen zu diskutieren.

Fundstücke aus den Schützengräben in Frankreich

srs

Quelle: chiemgau24.de

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