Fünfter Prozesstag zur Horrornacht von Schneizlreuth

Im Video: So viel wusste die Gemeinde vor dem Brand

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Schneizlreuth/Traunstein - Der wohl spannendste Verhandlungstag vor dem Traunsteiner Landgericht im Prozess um die Brandnacht von Schneizlreuth: Jetzt sagen die Gemeinde-Chefs aus.

Die Verteidiger Harald Baumgärtl und Frank Starke fassen den fünften Prozesstag zusammen:

Die wichtigsten Infos im Überblick: 

- Alt-Bürgermeister Klaus Bauregger machte bei seinen Aussagen keine gute Figur.

- Bauregger wurde sogar von einem Richter ermahnt, nicht zu lügen.

- Bei weiteren Befragungen, u.a. von Bürgermeister Wolfgang Simon, kam heraus, wie viel die Gemeinde tatsächlich von den Übernachtungen ohne Baugenehmigung wusste.

- Aus "Arbeitsüberlastung" habe man keine Feuerbeschau im Pfarrerbauernhof durchgeführt, so der Gemeinde-Geschäftsleiter.

- Ein Brandgutachter schloss einen technischen Defekt als Ursache aus.

- Er hält es für wahrscheinlich, dass eine letzte Zigarette in der Nacht das Feuer am Decken-Schrank auslöste.

- Auch eine vorsätzliche Brandstiftung könne er ebenfalls nicht ausschließen.

UPDATE, 17.00 Uhr:

Für die Nutzung als Herberge lagen keine Genehmigungen vor. Zwei Rettungswege hätte jedes Stockwerk des Gebäudes nach der Beherbergungsstättenverordnung gebraucht, so der Gutachter. Im Pfarrerbauernhof war das nicht der Fall.

"Theoretisch hätte man auch das Dachgeschoss so umbauen können, dass der Brandschutz gewährleistet gewesen wäre", so der Gutachter auf Nachfrage der Staatsanwältin. Alle Mängel bei Rettungswegen und Brandschutz wären bei einer Feuerbeschau wohl aufgefallen - "die Zuständigkeit dafür liegt klar bei den Gemeinden". Trotzdem wäre es im Ermessen der Gemeinde gelegen, diese auch durchzuführen - dazu verpflichtet ist sie nur, wenn beim Gebäude die Gefahr für Leib und Leben ersichtlich ist.

Der Gutachter spricht aus Erfahrung: "Wenn bei einer Feuerbeschau große, kostspielige Mängel auffallen, versuchen die Eigentümer normalerweise mit den Behörden zu reden, was man machen kann." Seine Schätzung: 150.000 bis 200.000 Euro hätte es wohl gekostet, den Pfarrerbauernhof brandschutztechnisch auf Vordermann zu bringen.

Was wäre passiert, wenn eine Feuerbeschau durchgeführt worden wäre? Der Gutachter schätzt, dass das Landratsamt ihm verboten hätte, das Dachgeschoss zu Übernachtungen zu nutzen.

Am kommenden Dienstag um 9 Uhr wird der Prozess fortgeführt. Dann werden die Plädoyers von Staatsanwaltschaft, Nebenklägern und der Verteidigung gehalten, wir berichten wie immer aktuell aus dem Gerichtssaal.

UPDATE, 15.20 Uhr: Kein technischer Defekt als Brandursache

Das Wissen der Gemeinde über die nicht-genehmigten Unterbringungen in Schneizlreuth ließ sich wohl auch der Angeklagte über die Mittagspause ein weiteres Mal durch den Kopf gehen. Er betont noch einmal gegenüber dem Gericht: "Die Art der Unterbringung war mit der Gemeinde abgesprochen."

Der nächste Zeuge: Ein Brandgutachter. Seine Aufgabe war es, die Brandursache zu klären. Fest steht, dass es im Stromverteilerkasten im Pfarrerbauerhof einen Kurzschluss gab - aber: "Die Brandursache kann nicht im Verteilerkasten gelegen sein." Der Kurzschluss im Verteilerkasten habe sich erst durch den Brand selbst ergeben. "Auf eine technische Ursache des Brandes gibt es keinen Hinweis." Das Feuer ging von einem Schrank aus, der ganz in der Nähe des Verteilerkastens stand.

Einzige Ursache für das Feuer, die in Frage kommen könnte: Brandstiftung. Brandbeschleuniger wie Benzin oder Spiritus kann der Gutachter ausschließen: "Von einer vorsätzlichen Brandstiftung gehe ich daher nicht aus. Aber bei so einem großen Brand ist die Unterscheidung zwischen vorsätzlicher oder fahrlässiger Brandstiftung kaum möglich." Und in Hinblick auf vorsätzliche Brandstiftung fügt der Gutachter an: "Die G'scheiten und die G'schickten finden man halt nicht."

Am ehesten kann sich der Gutachter vorstellen, dass sich eine Person vor dem ins-Bett-gehen beispielsweise noch eine Decke aus dem Schrank genommen hat und dabei "Rauchzeug", wie er es nennt, in der Hand hatte: Eine brennende Zigarette komme genauso in Frage wie etwa glühende Kohle einer Shisha-Pfeife. So muss das Feuer ausgebrochen sein, "aber das ist nicht zu beweisen. Die konkrete Brandursache konnten wir also nicht genau finden".

Damit rücken wieder die Lindner-Mitarbeiter in den Mittelpunkt, die vergangenen Woche ausgesagt haben und als letzte zu Bett gingen. Der nächste Gutachter musste beurteilen, ob der Pfarrerbauernhof überhaupt genehmigungsfähig gewesen wäre.

UPDATE, 12.42 Uhr: Verwaltungsmitarbeiterin belastet Alt-Bürgermeister Bauregger

Wann müssen Gemeinden Feuerbeschauen dürchführen? Der Kreisbrandrat klärt das Gericht auf. Und er weiß: "Es gab 2008 einen Lehrgang über Feuerbeschauen, da war auch der Geschäftsleiter der Gemeinde Schneizlreuth dabei." Immer wieder geht es um einen Aktenvermerk aus dem Schneizlreuther Rathaus von 2007: Dort wird angeregt zu überlegen, wie man mit den Meldezetteln für Übernachtungen bei der Event-Agentur umgehen soll, obwohl dort wegen fehlender Baugenehmigungen eigentlich niemand übernachten dürfte. 

"Bürgermeister Bauregger musste wegen diesem Aktenvermerk also wissen, dass dort ohne Baugenehmigung übernachtet wird?", fragt das Gericht eine weitere Zeugin: "Ja", sagt die Mitarbeiterin der Schneizlreuther Verwaltung.

Nach der Mittagspause wird die Verhandlung fortgesetzt: Dann werden Brandgutachter vom Gericht zur Horror-Nacht in Schneizlreuth befragt.

UPDATE, 12.30 Uhr: Übernachtungen waren der Gemeinde bekannt

Nun kommt der aktuelle Schneizlreuther Bürgermeister Simon in den Gerichtssaal. Auch er bestätigt, dass es keine Amtsübergabe gegeben hat als er das Amt übernahm, über die drängendsten Probleme in der Gemeinde.

"Wussten Sie, dass in größerem Umfang da Übernachtungen stattfanden?", fragt Richter Fuchs. "Ja", sagt Simon - aber er habe sich keine Gedanken über Genehmigungen für die Event-Agentur gemacht, da der Betrieb ja schon viele Jahre lief.

Wo genau die Gäste der Event-Agentur im Pfarrerbauernhof aber übernachteten, habe er nicht gewusst - dass auch Gäste im Dachgeschoss schliefen, war ihm nicht bekannt. Dass die Gemeinde Feurbeschauen durchführen hätte müssen, sei dem Bürgermeister auch vom Landratsamt nicht mitgeteilt worden.

Der nächste Zeuge: Ein Mitarbeiter der Gemeinde, zuständig für die Bauleitplanung. Im Amt ist er aber erst seit etwa einem Jahr: "Nach dem Großbrand waren die Feuerbeschauen dann mein Thema." Die Initiative ging dabei von Bürgermeister Wolfgang Simon aus. In seiner kurzen Zeit in der Gemeindeverwaltung habe er mit der Event-Agentur kaum zu tun gehabt. Ein weiterer Mitarbeiter der Gemeinde, zuständig für die Übernachtungen, und ein Brandgutachter werden anschließend aussagen.

Nun tritt ein weiterer Zeuge vor Gericht, der bis 2013 für die Übernachtungen in der Gemeinde Schneizlreuth zuständig war und unter anderem die Meldebescheinigungen für Übernachtungen auswertete. Ähnlich wie Altbürgermeister Bauregger bestätigt auch er, dass die Gemeinde nur für die Gewerbeanmeldung zuständig war, nicht aber für Brandschutzauflagen. "Dass vor der Event-Agentur viele Autos standen und Leute übernachteten, das ist jedem aufgefallen", bestätigt er dem Gericht.

Als nächster Zeuge tritt der Kreisbrandrat in den Zeugenstand.

UPDATE, 11.45 Uhr: Aus "Arbeitsüberlastung" keine Feuerbeschau

Seit Anfang 2011 ist der nächste Zeuge Geschäftsleiter in der Schneizlreuther Verwaltung. Sein Aufgabengebiet: "Mädchen für alles", wie er sagt - aber vor allem die Finanzen, die seiner Meinung nach lange Zeit das größte Problem der Gemeinde waren. 2013 hat er sich die Gesamtübernachtungszahlen der Event-Agentur erstmals genauer angesehen.

"Es war normal, dass da Leute übernachtet haben, da haben wir uns keine Gedanken drüber gemacht", so der Geschäftsleiter vor Gericht: Auch der Brandschutz sei nie Thema gewesen. Aus "Arbeitsüberlastung" habe man keine Feuerbeschau im Pfarrerbauernhof durchgeführt - die Verordnung über die Feurbeschau sei ihm durchaus bekannt gewesen, aber es gab für ihn keinen Anfangsverdacht um tätig zu werden.

Wie viele Übernachtungen es genau gab und wo im Pfarrerbauernhof übernachtet wurde habe er nicht exakt kontrollieren können, so der Schneizlreuther Geschäftsleiter: "Ich habe natürlich gesehen, dass da ganze Gruppen zum Raften gingen, aber ich wusste nicht, dass die da auch übernachten."

Hätte der aktuelle Bürgermeister Simon die Katastrophe noch verhindern können? Seit 2014 ist er im Amt - nun wird er in den Zeugenstand gerufen.

UPDATE, 10.40 Uhr: Die Aussage von Alt-Bürgermeister Bauregger

Es waren Bürgermeister Simon und vor allem sein Amtsvorgänger Bauregger, die der angeklagte Event-Manager in seiner Aussage belastete: Sie hätten von den Übernachtungen im Pfarrerbauernhof gewusst - heute müssen beide aussagen. Auch zwei Verwaltungsmitarbeiter werden heute geladen: Zuständig für Rechtsangelegenheiten bzw. die Bauleitplanung in der Gemeinde.

Als erster muss Altbürgermeister Klaus Bauregger aussagen. Von 1996 bis 2014 war er Rathauschef. 1994 und 1995 war er für elektronische Arbeiten selbst im Pfarrerbauernhof: "Für mich war dabei nicht klar, dass im Dachgeschoss übernachtet werden soll" - es soll damals noch leer gewesen sein. Dass er damals den Stromverteilerkasten installiert hat, von dem das verheerende Feuer wohl ausgebrochen ist, kann er nicht ausschließen. In den darauf folgenden Jahren waren es Kollegen von Baureggers Elektronikbetrieb, die die weiteren Arbeiten erledigt haben.

"Nur für die Genehmigung für das Gewerbe des Event-Managers zuständig"

"Soweit ich noch weiß, waren wir nur für die Genehmigung für das Gewerbe des Event-Managers zuständig", so Bauregger zum vorsitzenden Richter Fuchs. Die Geschäftsleiter seien in der Gemeinde für die Verwaltungsangelegenheiten verantwortlich gewesen.

Später ließ der angeklagte Event-Manager den Pfarrerbauernhof weiter umbauen, um mehr Gäste übernachten lassen zu können - bekam deshalb wegen fehlendem Brandschutz 2008 aber keine Genehmigung. Wusste Bauregger als Bürgermeister davon? "Nach dem Umbau habe ich vorausgesetzt, dass die Baugenehmigung dafür da ist", so Bauregger: Die Angehörigen der Brandopfer im Gerichtssaal schütteln mit dem Kopf.

Dachgeschoss als Unterkunft "ausgeschlossen"

Eines aber weiß der frühere Bürgermeister: "Dass Personen übernachtet haben, war uns bekannt." Doch im Dachgeschoss, dort wo die sechs Lindner-Mitarbeiter erstickt und verbrannt sind, will er nie gewesen sein. "Ausgeschlossen" sei es für ihn gewesen, dass im Dachgeschoss Gäste übernachten.

Auch das Schreiben vom Event-Manager an das Landratsamt, in dem er wegen der fehlenden Genehmigung verspricht, keine Gäste mehr übernachten zu lassen, hat die Gemeindeverwaltung und Bürgermeister Bauregger gesehen: Das sei "Tagesgeschäft", daher will sich der frühere Rathauschef nicht mehr an das Schreiben erinnern können. Konsequenzen hatte es darüber hinaus auch keine. Bauregger will auch niemanden persönlich gekannt haben, der je im Pfarrerbauernhof übernachtet hat.

"Sie dürfen nicht lügen!"

Bauregger ging davon aus, dass im Pfarrerbauernhof acht genehmigte Betten gestanden seien - dass vor der Event-Agentur oft viel mehr Autos geparkt haben, auch das hat Bauregger nicht verwundert: "Da parken auch andere, Wanderer zum Beispiel." Obwohl das Rathaus nur rund 150 Meter Luftlinie vom Pfarrerbauernhof entfernt ist, sei Bauregger auch nichts über übernachtende Schulklassen aufgefallen. Der beisitzende Richter wird lauter: "Sie können doch die Aussage verweigern, Herr Bauregger. Sie dürfen verweigern, aber Sie dürfen nicht lügen!"

Spätestens 2014, gibt Bauregger zu, hat er sich die Übernachtungszahlen der Event-Agentur des Vorjahres angesehen - ohne zu reagieren: "Wenn Sie da etwas unternommen hätten, würden wir heute hier nicht sitzen", so Verteidiger Baumgärtl. Die Staatsanwältin vermutet, dass man wegen finanzieller Probleme in der Gemeinde den Event-Manager gewähren ließ.

"Das Unglück tut mir unendlich leid"

Je länger die Aussage von Klaus Bauregger dauert, um so schlechter wird die Figur, die er abgibt. "Als Wolfgang Simon neuer Bürgermeister wurde, haben Sie da mit ihm über bestehende Probleme in der Gemeinde geredet?", will die Staatsanwältin wissen. Bauregges Antwort: "Nein. Wir haben nicht mal eine Amtsübergabe gemacht." Richter Fuchs entlässt ihn nach einer Stunde aus dem Zeugenstand: "Das Unglück tut mir unendlich Leid", so Baureggers letzte Worte vor Gericht.

Der nächste Zeuge: Schneizlreuths Geschäftsführer.

Vorbericht:

Seit vier Verhandlungstagen läuft der Prozess gegen den 48-jährigen Eventmanager, der 2015 für den Tod von insgesamt sechs Übernachtungsgästen im "Pfarrerbauernhof" in Schneizlreuth verantwortlich sein soll, bereits. Schon am ersten Tag am Landgericht in Traunstein äußerte sich der Angeklagte zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen. Den Großteil der Verantwortung übernahm er dabei, lenkte den Blick aber gleichzeitig auf die Gemeinde Schneizlreuth.

Was wissen die Gemeinde-Chefs?

Sowohl Altbürgermeister Klaus Bauregger, der neben seiner Tätigkeit als Gemeindeoberhaupt auch die elektrischen Anlagen im Gebäude installiert haben soll, als auch der amtierende Bürgermeister der Gemeinde, Wolfgang Simon, sollen, laut Angaben des Angeklagte, von der Beherbergung von Übernachtungsgästen im denkmalgeschützten Hof gewusst haben. So will der Eventmanager sogar die Übernachtungszahlen samt Kurtaxe weitergeleitet und Flugblätter an den Informationsständen im Landratsamt und der Gemeinde selbst platziert haben. Ein Sachbearbeiter des zuständigen Landratsamts hatte bereits am zweiten Verhandlungstag dazu Stellung bezogen.

Am fünften Verhandlungstag soll eben dieser Frage verstärkt nachgegangen werden. Aufschluss zum Sachverhalt erhofft sich das Gericht unter dem Vorsitz von Richter Erich Fuchs neben den beiden Bürgermeistern auch von einem Mitarbeiter der Gemeinde Schneizlreuth, nachdem der Gemeinderat in der vergangenen Woche sowohl Wolfgang Simon als auch Klaus Bauregger von deren Schweigepflicht entbunden hatte.

Brandursache weiter im Dunkeln

Weder die Augenzeugenberichte am dritten Prozesstag, noch die Angaben der Beteiligten am vierten Verhandlungstag konnten bisher die Ursache des Brandes im Pfarrerbauernhof an Pfingsten 2015 näher beleuchten. Jetzt soll dazu auch ein Brandgutachten vor Gericht erörtert werden.  

+++ Der fünfte Prozesstag beginnt am Dienstag wieder ab 9 Uhr. Wir sind vor Ort im Gerichtssaal und berichten aktuell von den Zeugenvernehmungen. +++

Bilder und Videos aus dem Archiv

Großfeuer in Schneizlreuth

Großbrand in Schneizlreuth

Flammen-Inferno: Das ganze Ausmaß am Tag

Feuer-Drama in Schneizlreuth: Der Tag danach 

Schneizlreuth: Vier Tage nach dem tödlichen Großbrand

Trauergottesdienst für die Brandopfer von Schneizlreuth

Bilder: Trauerfeier für die Schneizlreuth-Opfer

Quelle: chiemgau24.de

Rubriklistenbild: © xe

Zurück zur Übersicht: Bayern

Xaver Eichstädter

Xaver Eichstädter

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser