Vierter Prozesstag zur "Schneizlreuther Horrornacht"

Gerichtsmediziner: Die letzten Sekunden im Leben der Brandopfer

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Am vierten von insgesamt sieben angesetzten Verhandlungstagen stehen die Aussagen weiterer Augenzeugen der Brandnacht an.

Traunstein/Schneizlreuth - Auch der vierte Prozesstag im Fall Schneizlreuth stand wieder im Zeichen der Augenzeugen der Brandnacht. Auch ein Gerichtsmediziner sagte aus. 

Die wichtigsten Infos im Überblick: 

- Am vierten Prozesstag sagten weitere Überlebende der Brandnacht aus.

- In teilweise dramatischen Schilderungen wurde erzählt, wie Menschenleben in der allgemeinen Panik noch gerettet werden konnten. 

- Auch ging das Gericht der Frage nach, ob Zigaretten das Feuer ausgelöst haben könnten. 

- Ein Zeuge, der zu den Letzten gehörte, der in der Nacht ins Bett ging, verneinte, dass noch geraucht wurde. 

- Zuletzt schilderte ein Gerichtsmediziner, dass viele binnen Sekunden im Schlaf in Bewusstlosigkeit fielen. 

- Der Prozess wird am Dienstag mit der Befragung des früheren und aktuellen Bürgermeisters fortgesetzt. 

UPDATE 13.30 Uhr: Gerichtsmediziner schildert, wie es zum Tod der Opfer kam

Nun sagt der Rechtsmediziner aus. Gleich am Morgen nach der Brandnacht war er am Pfarrerbauernhof in Schneizlreuth. Von der Feuerwehr erfuhr er, dass das Feuer rund 800 Grad heiß war: "Das geht an Krematoriums-Temperaturen heran. Die Leichen waren total verkohlt." Wie schnell der Tod durch die Kohlenmonoxid-Vergiftungen bei den Opfern eintrat ließe sich schwer sagen: "Es muss sich aber um Sekunden gehandelt haben, dass die Bewusstlosigkeit eintrat."

Die Identifizierung der Leichen konnte nur noch über die DNA erfolgen. Durch die Hitze lässt sich nach Aussagen des Mediziners auch schwer Auskunft darüber geben, wie stark die Opfer alkoholisiert waren: Blut und Urin seien teils einfach verdampft.

Die Kohlenmonoxid-Vergiftungen traten bei manchen Opfern gar so schnell ein, dass sie in "schlaftypischer Position", wie es der Rechtsmediziner nennt, in ihren Betten verbrannten. Der Gutachter schätzt, dass die Opfer bei einem derartigen Vollbrand kaum oder keine Schmerzen spürten und vor der Bewusstlosigkeit wohl nur Schwindel oder Kopfweh empfunden haben dürften. Auch Erstickungsgefühle dürften die Opfer nicht gehabt haben: "Man gleitet aus dem Schlaf oder aus dem Wachsein in die Bewusstlosigkeit."

Richter Fuchs beendet für heute die Beweisaufnahme:Die Verhandlung wird am kommenden Dienstag um 9 Uhr fortgesetzt. 

Dann werden neben einem Brandgutachter auch Schneizlreuther Gemeindevertreter gehört, so zum Beispiel der frühere Bürgermeister und der aktuelle Rathauschef Simon. Wie viel wussten sie davon, dass der Event-Manager ohne Genehmigung Gäste im Pfarrerbauernhof übernachten ließ?

UPDATE, 12.45 Uhr: Zeugen haben keine Raucher bemerkt

Was wissen die Zeugen, die als letzte zu Bett gingen? Nur wenige Minuten bevor das Feuer ausbrach, gingen sie auf ihr Zimmer im Mittelgeschoß. Aber: Auch diesem Zeugen fiel nichts Besonderes auf. Er und seine Kollegen lagen noch wach im Bett und unterhielten sich, als das Feuer ausbrach: "Wir sind im Bett gelegen und haben draußen im Gang ein Knistern gehört." Dann hätten schon die ersten Kollegen "Feuer!" gerufen. Die beisitzenden Richter fragen genau nach: "Hat da jemand von ihnen noch im Haus geraucht?" Der Zeuge verneint.

Mehrere Zeugen können sich noch erinnern, dass sie vor der Übernachtung durchaus auf das Rauchverbot im Pfarrerbauernhof hingewiesen wurden - anders, was die Rettungswege betrifft: "Nein, da hat uns niemand etwas gesagt."

Als nächstes tritt ein Rechtsmediziner in den Zeugenstand und berichtet dem vorsitzenden Richter Fuchs von seinem Gutachten.

UPDATE, 11.10 Uhr: So retteten sich Kollegen das Leben

"Wir haben noch ausgemacht, dass wir sowas in nächster Zeit öfters machen wollen", sagt der nächste Zeuge und berichtet von dem tollen Tag, den die Belegschaft in Schneizlreuth vor der Horror-Nacht hatte: "Alle waren superglücklich!" Der Event-Manager sitzt derweil ruhig und gefasst auf der Anklagebank, macht sich Notizen.

"Als ich geschlafen habe, hat jemand ganz extrem an meiner Schulter gerüttelt, ich hab ein Piepsen gehört, jemand hat 'Feuer, Feuer' geschrien", schildert der Zeuge - im ersten Moment dachte er noch an einen Scherz. Nachdem er aus dem Zimmer flüchtete und merkte, dass er barfuß war, rannte er noch zurück um Schuhe zu holen - damit rettete er womöglich einem Kollegen das Leben: "Einer lag noch da und hat tief und fest geschlafen. Ich hab ihn dann vom Bett herausgezogen."

Als der Zeuge das Freie erreichte, wurde es erst recht dramatisch - von draußen sah er einen Kollegen noch im Pfarrerbauernhof liegen: "Der ist so halb verdreht am Boden gelegen, der Boden war glühend heiß. Er lag inmitten von kleinen, brennenden Bruchstücken, von der Decke hat was Brennendes auf ihn heruntergetropft", so der Zeuge. Das Fatale: Der Fuß seines Kollegen hat sich in einem Kabel verfangen. Sofort lief der Zeuge wieder hinein, befreite seinen Kollegen.

Außerdem berichtet er von dem Kollegen, der noch im Bauernhof gefangen war und mit dem Gesicht direkt an den Gitterstäben hing: "Immer wieder hat er nach Luft geschnappt." Dann versuchte der Zeuge, mit einem Feuerlöscher das Gitter einzuschlagen - ohne Chance. Erst der kräftige Koch der Event-Agentur schaffte es nach mehreren Anläufen und man holte den Mitarbeiter aus dem Flammen-Inferno. Als dann die Feuerwehr anrückte, hatten die grausigen Eindrücke für den Zeugen ein Ende, Rettungssanitäter kümmerten sich um ihn.

Bildlich und aufgewühlt berichtet der Zeuge von den Ereignissen in Schneizlreuth - als er auf seine bleibenden, psychischen Schäden einerseits und auf den heutigen Zusammenhalt in der Firma Lindner andererseits zu sprechen kommt wird er still und nachdenklich: "Irgendwie hat uns das zusammengeschweißt." Angehörige der Opfer sitzen im Gerichtssaal, es fließen Tränen.

Noch immer warten acht weitere Zeugen vor dem Gerichtssaal, um ihren Teil zur Wahrheitsfindung beizutragen - auch die Lindner-Mitarbeiter, die als letztes in der Horror-Nacht ins Bett gingen, werden gleich befragt.

UPDATE, 9.45 Uhr: Wer war als letzter wach?

Ein weiterer Prozesstag an dem wieder Augenzeugen und Opfer, Mitarbeiter der Firma Lindner, ihre furchtbaren Erinnerungen dem Gericht schildern müssen. "Wo genau haben Sie übernachtet?", lautet die erste Frage vom vorsitzenden Richter Fuchs. Die Frage ist entscheidend, um herauszufinden, wie das Feuer ausbrach - außerdem eine Frage, die in der Nacht an Pfingsten 2015 über Leben und Tod entscheiden konnte. Der erste, heute geladene Zeuge, ging knapp eine Stunde vor dem Ausbruch des Feuers ins Bett. Im Keller habe man noch mit fünf, sechs Kollegen beisammen gesessen. Aufgefallen ist ihm beim Weg nach oben nichts: Keine Raucher im Haus, auch keine Auffälligkeiten im Gang oder beim Schrank, wo das Feuer ausbrach.

"Dann hab' ich auf einmal Getrampel gehört. Als ich aus dem Zimmer hinaus bin, hat es schon lichterloh gebrannt", so der Lindner-Mitarbeiter: "Was genau da gebrannt hat weiß ich nicht. Es war einfach eine Feuerwand." Vom oberen Stock sah er noch Kollegen die brennende Treppe herunterlaufen. Sein Handy hatte er zufällig in der Hand, wollte einen Notruf absetzen: "Aber in der ganzen Panik hab' ich das nicht mehr geschafft." Er berichtet als er von draußen einen Kollegen durch das vergitterte Fenster an den Händen und am Kopf hielt: "Es war dramatisch!" Das Gericht ist noch immer auf der Suche nach dem Lindner-Mitarbeiter, der als letztes ins Bett ging. Er kann vermutlich die besten Hinweise geben, wie, wann und wo genau das verheerende Feuer ausbrach.

Vorbericht:

Bereits seit drei Tagen wird gegen den 48-jährigen Traunsteiner Eventmanagers wegen fahrlässiger Tötung in sechs Fällen vor dem Landgericht prozessiert. Jetzt, am Freitag ab 9 Uhr, sollen weitere Augenzeugen - rund 50 Gäste hatten in der Brandnacht auf dem Hof in Schneizlreuth übernachtet - gehört werden. Die wohl spannendste Frage: Wie brach das Feuer in dem rund 800 Jahre alten Gebäude überhaupt aus? Bisher konnten die geladenen Zeugen dazu noch keinerlei Angaben machen.

Zahlreiche Aussagen an den vergangenen Prozesstagen; teilweise unterschiedliche Angaben

Bereits am ersten Verhandlungstag räumte der Angeklagte, der über Jahre hinweg Gäste im gepachteten, sogenannten "Pfarrerbauernhof" ohne Genehmigung übernachten ließ, seine Schuld am Vorfall im Jahr 2015 in weiten Teilen ein. Er gab jedoch an, immer in Rücksprache mit der Gemeinde Schneizlreuth gehandelt zu haben. Über einen Brief des Landratsamts und eine damit verbundene Nutzungs-Untersagung hatte er sich jedoch hinweg gesetzt. Eine Nachkotrolle seitens der Behörde fand dann aber nie statt.

Inwieweit auch die Gemeinde Schneizlreuth, in Persona das amtierende Oberhaupt und der Altbürgermeister, aber auch mehrere Verwaltungsangestellte von den Vorgängen im denkmalgeschützten Hof wussten, zeigt sich vermutlich erst am 26. Januar. Dann sollen die Männer vor Gericht vernommen werden. Erst kürzlich sind die Offiziellen vom Gemeinderat in Schneizlreuth von ihrer Schweigepflicht entbunden worden.

Am dritten von insgesamt sieben angesetzten Verhandlungstagen schilderten zahlreiche Augenzeugen ihre teils beklemmenden Erlebnisse in der Brandnacht. Rund 50 Mitarbeiter einer Firma aus der Region hatten am Tag und am Abend vor dem verheerenden Feuer ein Jubiläum im Pfarrerbauernhof gefeiert. Bei der Katastrophe in Schneizlreuth starben sechs Personen in den Flammen, zahlreiche weitere Personen erlitten teilweise schwere bis schwerste Verbrennungen.

+++ Der vierte Prozesstag beginnt am Freitag wieder ab 9 Uhr. Wir sind vor Ort im Gerichtssaal und berichten aktuell von den Zeugenvernehmungen. +++

Bilder und Videos aus dem Archiv

Großfeuer in Schneizlreuth

Großbrand in Schneizlreuth

Flammen-Inferno: Das ganze Ausmaß am Tag

Feuer-Drama in Schneizlreuth: Der Tag danach 

Schneizlreuth: Vier Tage nach dem tödlichen Großbrand

Trauergottesdienst für die Brandopfer von Schneizlreuth

Bilder: Trauerfeier für die Schneizlreuth-Opfer

Quelle: chiemgau24.de

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