Der weißen Gefahr auf der Spur

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Helmut Rieser ist seit 15 Jahren Lawinenbeobachter für die Lawinenwarnzentrale Bayern.

Bischofswiesen - Auf seinen Skitouren für die Lawinenwarnzentrale Bayern beobachtet Helmut Rieser Schneeverhältnisse und Lawinenwahrscheinlichkeit - ehrenamtlich.

Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: Auf 90 Skitouren im Jahr kommt Helmut Rieser etwa. Der 76-Jährige ist seit 15 Jahren Nachmittagsbeobachter für die Lawinenwarnzentrale Bayern und derzeit fast jeden Tag draußen unterwegs. Er ist Schneemessfeldbetreuer auf dem Toten Mann, erstellt Schneedeckenberichte und gibt seine Beobachtungen jeden Nachmittag telefonisch an die Lawinenwarnzentrale weiter. Trotz aller Vorsicht war Rieser selbst schon häufiger in Gefahr.

„Auf dem Toten Mann liegt sehr viel Schnee“, erzählt Helmut Rieser. 2,55 Meter hat er heuer gemessen. Er muss es wissen. Immerhin betreut er dort oben ein Schneemessfeld. Das ist ein abgesteckter Bereich, der regelmäßig unter Beobachtung steht. Zwei Mal im Monat muss Rieser dort graben, bis auf den Boden. Um über die Schneebeschaffenheit Bescheid zu wissen. Sein Wissen wiederum teilt er dann mit den Experten der Lawinenwarnzentrale, die in München sitzen und jeden Tag auf den Erfahrungsbericht des Bischofswiesers warten. Zwar finden sich in den Berchtesgadener Bergen diverse Feststationen, die Informationen sammeln und lediglich ausgewertet werden müssen. Am Jenner steht eine, auch auf Kühroint oder der Reiteralm. Nicht zu unterschätzen ist die Arbeit der Beobachter, die Tag für Tag raus gehen, „ich habe da freie Wahl“, sagt Rieser, der erst kürzlich im Watzmannkar war. „Ich schaue, ob sich Schnee gelöst hat, ob irgendwo Lawinen abgegangenen sind und mache ein Profil“, sagt der fitte Pensionär, der sein Leben lang in den Bergen zugebracht hat. Seine Leidenschaft für die Berge teilt Rieser seit seiner Jugend. Deshalb ist die Arbeit für ihn auch keine Arbeit im klassischen Sinne: „Ich beobachte, mache mir Notizen, hin und wieder einen kleinen Blocktest“, sagt er. Dann legt er einen 40 auf 40 Zentimeter großen Schneeblock frei und beginnt zu klopfen. „Wenn sich der Block bereits beim Ausgraben löst“, sagt Rieser, „dann liegt eine deutliche Schwachstelle vor.“ Vorsicht sei dann geboten. Seine Ergebnisse notiert er, eine Wertung gibt er nicht ab. Das überlässt er den Lawinenwarndienst-Experten, die ihn pünktlich um 16 Uhr anrufen. Er gibt dann, wie jeden Nachmittag, seine gesammelten Informationen weiter. Nachmittagsbeobachter gibt es nicht viele, sagt Rieser, der seine Aufgabe noch so lange machen möchte, wie es ihm möglich ist. Ob er Angst kenne? „Nein“, aber natürlich gebe es Situationen, die ihm in seiner langen Berg-Laufbahn einen Schrecken versetzt haben. Vier Mal ist er schon von einer Lawine erfasst worden, einmal davon während einer Beobachter-Mission. „Ich war Gott sei Dank nie endverschüttet“, sagt er. „Der Adrenalinstoß ist enorm, alles läuft wie in Zeitlupe ab.“ Immer konnte er sich aus eigener Kraft aus den Schneemassen befreien, einmal hatte er sich das Steißbein gebrochen. „Wichtig ist, dass man Ski und Stöcke verliert, wenn man in eine Lawine gerät.“ Schon lange fahre er nicht mehr mit Fangriemen, sondern nur mit sogenannten Stoppern. Ski und Stöcke am Körper würden wie ein Anker wirken. „Wenn man immer mit dem Auto unterwegs ist, kracht es auch irgendwann“, so der Vergleich des Beobachters, der häufig mit Bekannten in den Bergen ist, oft aber auch allein. Mit Handy, versteht sich. Aber nur dann, wenn es das Wetter zulässt. Denn auch als erfahrener Bergkenner, weiß Rieser, dass man gegen die Naturgewalten kaum eine Chance hat, wenn die äußeren Umstände widrig sind. Vier Mal hatte er nun schon Glück. Ob das Glück ihm auch ein fünftes Mal zur Seite steht? Fraglich. Viele Kameraden habe er in der Vergangenheit am Berg verloren – diese Erfahrungen machen nachdenklich. Und trotzdem: Solange es geht, solange die Gelenke noch mitspielen, möchte Helmut Rieser raus, hoch auf den Berg, „immer wieder ein einmaliges Erlebnis“, sagt er. Sein nächstes Ziel? „Vermutlich der Fagstein.“

kp

Quelle: BGland24.de

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