Lange Haftstrafe für Millionärs-Verlobte Melanie M.

Wiesn-Prozess: „Kein Sonderrecht für Prominente“

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Sandra N. (r.) muss viereinhalb Jahre ins Gefängnis. Links im Bild: ihre Anwältin Annette Voges.

München - Ein Ex-Fußballstar, rassistische Parolen, ein Klappmesser, ein gekaufter Zeuge: In München ist der spektakuläre Prozess gegen eine Millionärsverlobte zu Ende gegangen. Im Anschluss knöpft sich der wütende Richter ihre Anwälte vor.

Als der Richter den Urteilsspruch verkündet, hat die 34-Jährige die Augen geschlossen. Es sieht so aus, als würde sie noch schnell ein Stoßgebet gen Himmel schicken. Doch wenige Sekunden später werden ihre Hoffnungen zerstört: Viereinhalb Jahre soll die Verlobte eines Hamburger Multimillionärs und Mutter von drei kleinen Kindern ins Gefängnis - wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung auf dem Münchner Oktoberfest. Einige Minuten blickt sie starr und regungslos zu Boden, den Kopf geneigt, eine Hand geschockt vor dem Mund. Dann bricht sie in Tränen aus und schluchzt verzweifelt. Aus mehreren Gründen hatte dieser Prozess, der am Mittwoch vor dem Landgericht München I endete, Aufsehen erregt - und wird wohl noch ein Nachspiel haben.

Die Frau hat vor Gericht kaum mehr etwas gemeinsam mit der top-gestylten Blondine, die auf älteren Fotos an der Seite ihres Lebensgefährten - auf roten Teppichen stehend - in die Kameras strahlt. Ihr Luxusleben in Hamburg muss sie nun wohl erstmal gegen eine bayerische Gefängniszelle tauschen. 

Das Gericht glaubt: Ohne ärztliche Hilfe wäre das Opfer gestorben

Grund dafür ist ein verhängnisvoller Abend auf dem Münchner Oktoberfest 2015: Die Beschuldigte kommt mit ihrem Partner und einigen Bekannten aus dem „Käfer“-Zelt, der nobelsten Adresse auf der Wiesn. Unter den Bekannten ist auch der Ex-Fußballnationalspieler Patrick Owomoyela. Und der wird zur Zielscheibe übelster rassistischer Entgleisungen. Ein Wiesn-Gast beschimpft ihn als „Bimbo“ und „Neger“ und beleidigt auch die heute 34-Jährige aufs Schlimmste.

Kurze Zeit später hat der Mann, ein Lastwagenfahrer, ein Messer mit einer acht Zentimeter langen Klinge in der Seite, verliert viel Blut und später seine Milz. Ohne ärztliche Hilfe, davon ist das Gericht überzeugt, wäre er gestorben. „Es stand wirklich auf des Messers Schneide, ob das Opfer überlebt oder nicht“, sagt Gerichtssprecherin Andrea Titz. Die Angeklagte hat den Messerstich gestanden, beruft sich aber von Anfang an auf Notwehr. Sie sei in Panik gewesen, habe Angst um ihr Leben gehabt. 

Anwalt Strate: "Das Urteil muss aufgehoben werden"

Dass sie das Messer wegwirft und unmittelbar nach der Tat äußerlich ungerührt in ein Taxi steigt und in der Promi-Disco P1 weiterfeiert, ist ein Grund, warum der Vorsitzende Richter Norbert Riedmann, ihr nicht glaubt. „Sie bringt die Tasche auf, sie bringt das Messer raus, sie macht es auf, sie sticht zu“, sagt er in seiner Urteilsbegründung und ist überzeugt: „Die Angeklagte handelte mit Tötungsvorsatz.“

Ihre Verteidiger hatten stets von Notwehr gesprochen und auf Freispruch plädiert. Sie kündigen nun auch an, das Urteil „sehr wahrscheinlich“ anzufechten und zum Bundesgerichtshof in Karlsruhe zu ziehen. „Das Urteil muss aufgehoben werden“, fordert Rechtsanwalt Gerhard Strate.

Doch nicht nur aus diesem Grund wird der spektakuläre Prozess voraussichtlich ein juristisches Nachspiel haben. Schlagzeilen gab es auch, weil der Verlobte der Angeklagten nach Auffassung des Gerichtes mehrfach versuchte, Zeugen zu kaufen. Ein Mann, der die Angeklagte mit einer Falschaussage entlasten und dafür 200 000 Euro bekommen sollte, packte vor Gericht aus. Auch der Verletzte soll Geld geboten bekommen haben, wenn er vor Gericht angebe, auf die Angeklagte losgegangen zu sein. Er weigerte sich aber, das zu tun und schlug eine zusätzliche Zahlung von 45 000 Euro (beinahe sein Brutto-Jahresgehalt) aus. Gegen den Hamburger Millionär läuft ein Ermittlungsverfahren. Er wurde sogar vorübergehend festgenommen. 

Richter wird sichtlich wütend

Im Anschluss an seine Urteilsbegründung findet der sichtlich wütende Richter Riedmann deutliche Worte für die Verteidiger der Angeklagten. „Ich habe es in 27 Jahren noch nicht erlebt, dass Verteidiger jegliche professionelle Distanz zu ihrer Mandantin derart verloren haben“, sagt er. Es sei ausschließlich darum gegangen, „die arme“ Frau mit allen Mitteln aus dem Gefängnis zu holen, weil sie dort nicht hingehöre. „Kein Sonderrecht für Prominente“ sagt er noch.

Ob Anwälte in die Verwicklungen um den gekauften Zeugen einbezogen waren, müsse geprüft werden, sagt Riedmann. In diesem Zusammenhang sei auch ein „lancierter“ Artikel in einem Hamburger Medium zu beachten. „Die Umstände verlangen nach Aufklärung.“ Es gebe hinreichende Anhaltspunkte für den Anfangsverdacht einer Straftat, sagt der Richter und kündigt außerdem an, die Anwaltskammer über das Verhalten der Anwälte im Verfahren zu unterrichten.

Rechtsanwalt Strate weist die Vorwürfe entschieden zurück und vermutet nicht mehr und nicht weniger als schlichten Lokalpatriotismus hinter der nicht-alltäglichen und sehr deutlichen Rüge. Strate spricht von „Verteidiger-Bashing“. Er glaube, „dass Verteidiger, die aus Hamburg kommen, hier nicht willkommen sind in München“. Er sagt auch: „Die Wiesn ist schon ein Rechtsgut für sich.“

München sei zwar eine schöne Stadt, aber „die Strafjustiz in Bayern ist nicht so, dass man sich darüber freut“. Richter Riedmann dagegen betont in seiner Urteilsbegründung: „Die Kammer entscheidet nicht nach einem Sonderrecht für Prominente und auch nicht nach einem Sonderrecht für die Wiesn.“

dpa

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