Der Leiter des Kriseninterventionsteams Altötting erzählt

"Verarbeiten, ja - Vergessen, nein"

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Seit 12 Jahren arbeitet Gerhard Tanfeld beim KIT Altötting - der Unfall, bei dem vier junge Menschen auf der A94 ihr Leben verloren, beschäftigt ihn auch heute noch.

Landkreis - Sie leisten Schwerstarbeit bei tödlichen Unfällen, Katastrophen und Großschäden: Die Mitarbeiter des KIT. Der Leiter des Kreisverbandes Altötting sprach mit uns über seine schlimmsten Erlebnisse - und ihre Aufarbeitung.

Es rückt immer dann an, wenn psychologische Unterstützung benötigt wird: das Kriseninterventionsteam. Angeschlossen an das Rote Kreuz besitzt jeder Kreisverband eines. Ob plötzlicher Kindstod, massive und sexuelle Gewalterfahrung, Geiselnahme, schwerer Unfall oder Suizid: Die Helfer des KIT sind vor Ort, überbringen gemeinsam mit der Polizei Todesnachrichten und betreuen im Anschluss die Opfer und Angehörigen.

12 Dienstjahre hat Gerhard Tanfeld, der Leiter des Altöttinger KITs nun schon "auf dem Buckel", vollgepackt mit Einsätzen, die man so schnell nicht aus dem Gedächtnis löschen kann. Auf die Frage, welcher denn in all den Jahren sein schlimmster Einsatz war, kommt der 56-Jährige ins Grübeln - zu viele prägende Dinge hat er bereits gesehen, festlegen kann er sich nicht wirklich. Dennoch nennt er zwei tragische Unglücke, die zu Verarbeiten wohl am schwersten waren.

Disconacht mit tödlichen Folgen

Eines davon ist ein tragischer Unfall auf der A94 bei Töging gewesen: Ein Geisterfahrer aus Waldkraiburg riss vier junge Menschen in den Tod. Auch er selbst verlor in dieser Nacht sein Leben. Rund zwei Kilometer fuhr Thomas M. in die falsche Richtung, dann kollidierte sein BMW mit einem anderen Fahrzeug. In diesem saßen vier junge Menschen, die nach einer Party-Nacht aus München heimfuhren. Nur einer von ihnen überlebte den entsetzlichen Unfall schwerverletzt - er war es auch, der per Handy Hilfe rief. Für Thomas M. (28), seinen Beifahrer (23) und drei Menschen aus dem gerammten Fahrzeug (ein 21-jähriger Altöttinger, eine 21-jährige Tittmoningerin und eine 18-jährige Altöttingerin) kam diese jedoch zu spät.

Kind stranguliert sich auf Rutsche

Das zweite tragische Unglück, das sich in Tanfelds Kopf eingebrannt hat, geschah in einem Burghauser Kindergarten. Dort strangulierte sich ein Kind beim Spielen. Vermutlich mit einer Art Schnur, das das Mädchen auf einer Rutsche dabei hatte. Mehrere Reanimationsversuche verliefen erfolglos.

Kollegen haben ein offenes Ohr

Todesfälle mit Kindern und Jugendlichen gehen dem KIT-Leiter, der hauptberuflich bei der Wacker Werksfeuerwehr arbeitet, besonders nahe: "Man kann diese Erlebnisse verarbeiten, vergessen kann man sie jedoch nicht". Und auch sollte man versuchen, diese nicht zu nah an die eigene Familie heranzulassen, damit diese nicht zusätzlich belastet wird. Besteht Gesprächsbedarf, um die prägenden Ereignisse zu verarbeiten, so sind die eigenen Kollegen die erste Wahl. Auch der Kontakt zu Ärzten ist wichtig, betont der 56-Jährige - um die medizinischen Vorfälle besser verstehen zu können. Rund 30 - 35 Beratungen von Kollegen übernimmt Tanfeld im Jahr. Hierbei steht er Kollegen aus anderen Kreisverbänden mit Rat und Tat zur Seite.

Helfen als oberstes Gebot -  auch ohne Gegenleistung

Insgesamt zählt Tanfeld unzählige Einsätze - und alle davon sind ehrenamtlicher Natur. Das KIT finanziert sich nur aus Spenden, nicht mal eine Aufwandsentschädigung bekommen die Mitarbeiter. Das hält Neuanwärter aus den unterschiedlichsten Berufen jedoch nicht davon ab, eine Ausbildung zum Kriseninterventionsberater zu machen.

Hierzu wird eine solide Sanitätsausbildung in Kombination mit speziellen Schulungen kombiniert. Am Ende der Ausbildung steht die Hospitanz, in der die Anwärter bereits eigenständig erste Einsätze fahren.

Grund zur Freude

Wie wichtig die Arbeit des KITs geworden ist, zeigt die lange Dauer seines Bestehens: 2015 können die ehrenamtlichen Helfer in Altötting ihr 15-jähriges Jubiläum feiern.

Neben all der Schwerstarbeit, inmitten von menschlichen Tragödien, tödlichen Unfällen und zahlreichen Schäden haben sie sich diese Feier auch mehr als verdient!

bp

Quelle: innsalzach24.de

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