Medikamenten-Cocktail

Wenn Pillen zum Problem werden

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Helfer oder Gefahr? Für ältere Menschen können manche Arzneien zum Risiko werden. Andere Medikamente werden durch die Kombination mit anderen Mitteln zum Problem.

Eine Pille soll zu hohen Blutdruck senken, eine zweite den Zuckerspiegel, eine dritte das Cholesterin: Mit den Jahren müssen Patienten oft immer mehr Medikamente schlucken...

...Nicht alle sind für Ältere geeignet. Doch oft dauert es, bis eine Pille als Problem erkannt ist. Wie bei Johanna S. (90).

Als Johanna S. im Heim ein paar Mal stürzte, schoben die Pfleger es zunächst auf das Alter: Die Seniorin war immerhin schon 90 Jahre. Sehen konnte sie auch nicht mehr gut – sie litt an grauem und grünem Star. Doch da waren nicht nur die Stürze, die sich häuften. Johanna S. erschien ihren Kindern auch zunehmend verwirrt. Seit ein paar Wochen aß und trank sie ungewöhnlich wenig und verlor immer mehr den Antrieb.

Warum es mit der Gesundheit der alten Dame so rasant bergab ging, konnte sich zunächst niemand erklären. Bald ging es ihr sogar so schlecht, dass sie ins Klinikum Neuperlach eingewiesen werden musste. „Frau S. war bei ihrer Ankunft so schläfrig, dass sie kaum erweckbar war“, erzählt Prof. Wilfried Wüst. Er ist Chefarzt des Zentrums für Akutgeriatrie und Frührehabilitation am Klinikum. „Sie war auch nicht in der Lage, von der Trage ins Krankenbett zu steigen.“

Als die Ärzte Johanna S. genauer untersuchten, fiel ihnen sofort auf, wie blass und trocken ihre Haut war. Auch ihr Mund und ihre Zunge waren trocken. „Sie konnte ihren Namen und ihr Geburtsdatum nennen“, sagt Wüst. „Sie wusste aber weder, wo sie sich befand, noch warum sie ins Krankenhaus eingewiesen worden war.“ Johanna S. klagte zudem über starke Rückenschmerzen. Auch sei sie seit einiger Zeit ungewöhnlich müde, müsste nur sehr wenig Wasser lassen und hätte dabei Schmerzen.

Eine Packung mit Schmerztabletten war der entscheidende Hinweis für die Mediziner

Wie Detektive suchten die Ärzte nach der Ursache ihrer Beschwerden. Jedes Detail konnte wichtig sein, sie auf die richtige Spur bringen. Von den Kindern der Patientin erfuhren die Mediziner, dass Johanna S. bereits seit längerem unter einer ganzen Reihe gesundheitlicher Probleme litt. Darum lebte sie auch im Heim. So konnte Johanna S. nicht nur schlecht sehen und hatte seit vielen Jahren Bluthochdruck. Vor allem litt sie unter ständigen Schmerzen. „Eine Folge der Osteoporose“, erklärt Wüst. Diese sei bereits vor vielen Jahren festgestellt worden. Durch die Schmerzen wurde für Johanna S. jede Bewegung zur Qual. Auch war sie bereits an der Wirbelsäule operiert worden.

Der Knochenschwund allein konnte die vielen Beschwerden aber nicht erklären. So war den Kindern aufgefallen, dass die Mutter seit einiger Zeit vergesslicher war. Ihre Stimmung sei oft gedrückt, sogar Angstzustände hätte sie. Auch die Blasenschwäche, an der sie schon länger litt, sei in den vergangenen Tagen schlimmer geworden. Gegen die Schmerzen habe sie übrigens Tabletten genommen, in den letzten Wochen mehr als sonst. Eine angebrochene Packung hatten die Kinder mitgebracht – der entscheidende Hinweis für die Mediziner.

Im Alter verändert sich der Körper, damit auch die Wirkung vieler Arzneien

 

Der Wirkstoff in den Tabletten, die Johanna S. geschluckt hatte, gehörte zu einer Gruppe, die ältere Menschen in der Regel nicht einnehmen sollten. „Es handelte sich um Antiphlogistika“, sagte Wüst. Einige Schmerz- und Rheumamitteln gehören dazu. Sie gelten als für Senioren eher ungeeignet. Denn im Alter verändert sich der Körper, damit auch die Wirkung vieler Arzneien. Medikamente, die ein junger Mensch relativ unbesorgt einnehmen kann, werden für Senioren zum Risiko. Solche Mittel hatten vielleicht auch Johanna S. geschadet, vermuteten die Ärzte. Zumal sie die Tabletten in zu hoher Dosierung eingenommen hatte.

Um Johanna S. zu helfen, mussten die Mediziner sie genauer untersuchen. Blut- und Urinproben ergaben Hinweise auf eine Infektion der Harnwege und eine ausgeprägte Blutarmut. Zudem stellte sich heraus, dass die Nieren der alten Dame offenbar nur noch sehr eingeschränkt funktionierten. Der Ursache dafür wollten die Ärzte mit einer Ultraschalluntersuchung auf den Grund gehen. Die zeigte: Schuld waren weder Nierensteine noch eine Entleerungsstörung der Blase. Doch waren beide Nieren verkleinert. Herausfinden wollte man auch, warum Johanna S. so starke Rückenschmerzen hatte. War vielleicht ein neuer Bruch die Ursache? Eine Röntgenaufnahme von Wirbelsäule und Becken konnte das ausschließen.

Johanna S. erholte sich derweil zusehends. Bei ihrer Aufnahme war ihr Körper stark ausgetrocknet. Doch Schwestern und Pfleger achteten auf genug Flüssigkeit und halfen ihr auch beim Trinken. In den ersten Tagen bekam die alte Dame zudem Infusionen mit elektrolythaltiger Flüssigkeit. Dies zeigte bald Erfolg: Johanna S. wurde wacher, war besser orientiert und fing wieder an, selbstständig zu essen und zu trinken. Auch die Nieren, die anfangs fast gar nicht mehr gearbeitet hatten, erholten sich wieder. Johanna S. konnte wieder schmerzlos Wasser lassen, die Laborwerte normalisierten sich.

Der Harnwegsinfekt wurde zudem mit einem Antibiotikum behandelt. Die Ursache der Blutarmut sollte eine Magenspiegelung klären – und tatsächlich entdeckten die Ärzte dabei ein frisches, blutendes Geschwür im Zwölffingerdarm. Sofort versuchten sie die Blutung zu stoppen und das Geschwür zum Abheilen zu bringen. Weil der Blutmangel bereits bedrohlich war, erhielt Johanna S. zudem eine Bluttransfusion.

Danach ging es rasch aufwärts. Johanna S. hatte wieder Appetit, ihr ging es deutlich besser. Auch hatten sich Physiotherapeuten schon früh darum bemüht, ihr wieder auf die Beine zu helfen, erst mit Hilfe eines Unterarmgehwagens, dann mit dem Rollator. Denn längere Bettlägrigkeit ist im Alter besonders problematisch. Zudem ist Bewegung ein bewährtes Mittel gegen Rückenschmerzen. Dagegen sollten auch Wärmepackungen und Massagen helfen.

Ganz ohne Schmerztabletten ging es aber doch nicht. Die Klinikärzte achteten aber genau darauf, Medikamente auszuwählen, die auch für ältere Menschen geeignet sind und keine gefährlichen Nebenwirkungen haben – anders als das Mittel, das Johanna S. ins Krankenhaus gebracht hatte. „Das Schmerzmittel war die Ursache der akuten Nierenschädigung, der Geschwürbildung und damit der Blutung gewesen“, sagt Wüst. „Und das wäre für die alte Dame beinahe lebensbedrohlich geworden.“

Andrea Eppner

Der Experte

Dr. Wilfried Wüst ist Chefarzt des Zentrums für Akutgeriatrie und Frührehabilitation am Klinikum Neuperlach, Städtisches Klinikum München GmbH.

Helfer oder Risiko? Im Alter wirken Arzneimittel oft anders

Immer mehr Menschen erreichen heute ein hohes Alter. Doch nicht alle können ihren Lebensabend bei voller Gesundheit genießen. So haben viele die ein oder andere Erkrankung, andere plagt gar eine Vielzahl von Leiden (Multimorbidität). Hinzu kommen nicht selten chronische Schmerzen und eine eingeschränkte Beweglichkeit. Die vielen Diagnosen führen jedoch oft zur Verordnung ebenso vieler Medikamente. Für ältere Menschen ist das problematisch. So gibt es im Alter bereits bei Gesunden physiologische Veränderungen, die sich auf die Verträglichkeit von Medikamenten auswirken. Dazu gehört eine zunehmende Einschränkung der Nierenfunktion. Die Niere ist aber für die Ausscheidung der meisten Medikamente wichtig. Um eine Überdosierung mit entsprechenden Nebenwirkungen zu verhindern, muss man die Wirkstärke daran anpassen. Auch in der Leber kann es zu einem Engpass kommen, wenn mehrere Wirkstoffe gleichzeitig abgebaut werden müssen. Denn die Zahl der Abbau-Enzyme ist begrenzt.

Beruhigungsmittel wirken bei älteren Patienten oft länger

Nicht jedes Medikament eignet sich auch für Senioren, warnt Dr. Wilfried Wüst, Chefarzt im Klinikum Neuperlach.

Bei wasserlöslichen Medikamenten, wie etwa einigen Schmerzmitteln, ist zu beachten, dass der Wasseranteil im Körper Älterer deutlich reduziert ist. Die gleiche Menge an Wirkstoff entfaltet sich dann in weniger Flüssigkeit. Das kann zu einer Überdosierung führen. Fettlösliche Arzneimittel neigen bei älteren Patienten dazu, sich im Fettgewebe anzuhäufen. Schlafoder Beruhigungsmittel können dadurch deutlich länger wirken. Das kann die Sturzgefahr und das Risiko im Straßenverkehr erhöhen. Überdosierte, falsch ausgewählte oder falsch kombinierte Medikamente können bei älteren Patienten auch einen akuten Zustand der Verwirrtheit (Delir) mit erhöhter Komplikationsrate auslösen. Zwar werden Wirkungen und Nebenwirkungen eines Medikaments aufwendig in Studien untersucht, doch meist nur an jungen Testpersonen. Unverständlicherweise wurden über 60-Jährige meist von den Untersuchungen ausgeschlossen. In weniger als drei Prozent aller Studien hat man die Wirkstoffe auch an Älteren geprüft. Dabei werden heute fast 70 Prozent aller Medikamente bei über 60-Jährigen eingesetzt. Werden mehrere Medikamente gleichzeitig eingenommen, können Wechselwirkungen dazu führen, dass sich die Wirkung der Arzneien vermindert oder verstärkt. Das kann es erschweren, eine passende Dosierung zu finden. Das Risiko für Wechselwirkungen steigt dabei mit der Zahl der Medikamente. Bei zwei oder drei Arzneien lässt sich das oft noch vorhersagen. Bei mehr Medikamenten ist das nicht mehr möglich. Dabei bekommen ältere Patienten nicht selten zehn oder gar mehr Arzneimittel verordnet. Das unberechenbare Risiko eines solchen Medikamenten-Cocktails steigt noch weiter, wenn Patienten Rezepte von verschiedenen Fachärzten erhalten oder selbst noch rezeptfreie Arzneimittel kaufen. Hinzu kommt: Je mehr Medikamente verschrieben werden, desto öfter halten sich Patienten nicht an die Verordnung.

Digitalis-Präparate eignen sich nicht für ältere Herzkranke

Bei zehn oder mehr Arzneien nimmt nicht einmal jeder Zehnte seine Medikamente wie vorgesehen ein. Doch entscheiden sich längst nicht alle bewusst dafür, Arzneien wegzulassen. Viele sehen einfach nicht mehr gut, vergessen die Einnahme, bekommen den kindersicheren Verschluss nicht auf oder zittern zu stark, um die Tropfen zu dosieren. Gibt es dann keine Angehörigen oder Pflegekräfte, die bei der Einnahme assistieren, kann dies ein zusätzliches Risiko sein. Ebenso, wenn Ärzte nicht regelmäßig überprüfen, welche Medikamente wirklich weiterhin nötig sind. Zudem gibt es einzelne Arzneimittel oder Wirkstoffgruppen, die grundsätzlich für Ältere ungeeignet sind. Auf der Basis von Studien und Umfragen unter Experten hat man hierzu Listen mit Arzneimitteln erstellt, die für ältere Patienten nicht oder weniger geeignet sind, darunter etwa die Priscus-Liste. Als für Ältere weniger empfehlenswert wurden insbesondere bestimmte Schmerzmittel eingestuft (Nichtsteroidale Antirheumatika, NSAID), zudem einige Psychopharmaka wie trizyklische Antidepressiva und auch manche Beruhigungsmittel (Benzodiazepine) und Herzmedikamente (Digitalis-Präparate). Hilfreich bei der Wahl des richtigen Medikaments ist auch die FORTA-Klassifikation, die Medikamente entsprechend ihrer Eignung für ältere Patienten in vier Kategorien einteilt. Denn die falsche Auswahl oder Dosierung kann fatale Folgen haben. Es drohen teils schwere Komplikationen, Klinikaufenthalte oder sogar der Tod. Die Behandlung älterer Patienten erfordert daher besondere ärztliche Sorgfalt.

Wilfried Wüst

Zurück zur Übersicht: Gesundheit

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser