Medizin-Mythen

Das sind die zehn unnötigsten Behandlungen

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Sind Antibiotika bei Schnupfen wirklich nötig?

Viele Behandlungen sind nutzlos – andere schaden sogar. Das sagen Ärzte in der Schweiz. Und haben eine „Hitliste“ der zehn unnötigsten Therapien erstellt.s

Lesen Sie hier, was unsere Experten dazu sagen. Und auf welche Behandlungen Sie verzichten können.

Wer zum Arzt geht, will vor allem eines – eine Behandlung, die ihn schnell gesund macht. Aber: Immer noch werden Therapien durchgeführt, die Experten als wirkungslos entlarvt haben – oder: die sogar gefährlich sind. „Wissenschaftliche Ergebnisse der hausärztlichen Versorgungsforschung setzen sich leider nicht schnell genug durch“, sagt auch Prof. Jörg Schelling, kommissarischer Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ärzte der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin wollen das nicht länger hinnehmen – und haben eine Liste mit den zehn unnötigsten Behandlungen erstellt:

1. Antibiotika bei Schnupfen 

Antibiotika wirken stark und schnell. Das wissen viele Patienten – und fragen den Arzt daher sofort nach einem Antibiotikum, wenn sie mit Husten, Schnupfen und Halsschmerzen in die Praxis kommen. „Es ist oft schwierig, sie zu überzeugen, dass dies unnötig, sinnlos und teilweise mit gravierenden Nebenwirkungen behaftet ist“, sagt Dr. Sebastian Brechenmacher, Internist und Allgemeinmediziner mit Praxis in Krailling. Denn: Antibiotika wirken nur gegen Bakterien – nicht aber gegen Viren, die häufigsten Verursacher von Erkältungen.

2. Kontrolle ohne Anlass 

Jörg Schelling, kommissarischer Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Ludwig-Maximilians- Universität München.

Regelmäßig zum Blutabnehmen oder gar zum Röntgen: Bei vielen Krankheiten sind solche Kontrollen üblich, selbst wenn der Patient keine Beschwerden hat. Das sei oft unnötig, so die Schweizer Ärzte. „Das stimmt“, bestätigt Prof. Schelling. Jede Kontrolluntersuchung müsse kritisch hinterfragt werden. Auch Brechenmacher ist der Meinung, dass häufig diagnostische Maßnahmen ohne medizinischen Anlass durchgeführt würden – „oft aus Angst, etwas zu übersehen“. Schelling warnt jedoch davor „an der falschen Stelle“ zu sparen – „etwa in der Nachsorge von Tumorerkrankungen oder bei anderen wichtigen Kontrollen“. Sein Tipp: „Fragen Sie, warum kontrolliert werden soll – und was sich dadurch an Therapie und Diagnose ändern kann!“

3. Zu lange Bettruhe 

In der Klinik müssten ältere Menschen oft zu lang im Bett liegen bleiben, kritisieren die Schweizer Ärzte. „Ein wichtiger Punkt“, sagt auch Brechenmacher: „Gerade im Alter geht zu langes Liegen mit zahlreichen Komplikationen einher.“ So steigt etwa das Risiko für eine Lungenentzündung, Muskeln werden schwächer. Positiv: „Die sogenannte Frühmobilisation hat sich zunehmend durchgesetzt“, sagt Schelling – und die sei für Patienten jeden Alters wichtig. Aber: Es gebe auch Fälle, in denen der Patient mehr Zeit braucht.

4. Zu viele Schlafmittel 

Beruhigungs- und Schlafmittel werden oft unnötigerweise verschrieben, heißt es. Dabei hätten Studien gezeigt, dass dadurch das Risiko für Verkehrsunfälle und Stürze steigt. „Das ist richtig“, sagt Prof. Schelling. Oft würden Patienten mit solchen Arzneien aus dem Krankenhaus entlassen, oder Pflegeheime forderten diese an. Hausärzte müssten klare Grenzen setzen – um das Selbstbestimmungsrecht des Patienten zu erhalten und Sturzrisiken zu reduzieren.

5. Unnötige Dauerkatheter

Patienten mit Blasenschwäche werde in Pflegeeinrichtungen oft ein Dauerkatheter gelegt, erklären die Schweizer Ärzte – und das dient oft nur dazu, dem Personal die Arbeit zu erleichtern. Doch der Katheter erhöht das Risiko für Infektionen. Das sehen auch unsere Experten so: „Der Mangel an Pflegekräften spielt hier sicherlich eine Rolle“, sagt Brechenmacher. Unter solchen Umständen sei es aber manchmal schwer, echte Alternativen aufzuzeigen, ergänzt Schelling.

6. Zu viele Bluttransfusionen 

 Im Notfall kann eine Bluttransfusion Leben retten. Der Patient sollte aber nicht mehr fremdes Blut bekommen als nötig, so die Schweizer. Die Praxis sieht aber offenbar anders aus. Das wiederum führt zu unnötigen Kosten und sei auch ein Risiko für die Gesundheit. Diese Sicht entspreche in weiten Teilen den deutschen Leitlinien, sagt Brechenmacher. Aber: In manchen Kliniken würde man Patienten mit Blutarmut fast schon automatisch gleich zwei Blutbeutel anhängen. Dabei sollte eine Transfusion nur „relevanten Notfallsituationen“ vorbehalten bleiben, rät Schelling.

7. Röntgen bei Kreuzweh 

Dr. Sebastian Brechenmacher, Internist und Allgemeinmediziner in eigener Praxis in Krailling.

Wer beim Arzt über Rückenschmerzen klagt, wird oft sofort geröntgt – auch wenn die Beschwerden erst weniger als sechs Wochen bestehen. Die Diagnose verbessere sich dadurch nicht, so die Schweizer. „Stimmt“, sagt auch Brechenmacher. Eine Studie habe ergeben, dass bei unspezifischen Rückenschmerzen „in jedem dritten Fall“ zu früh geröntgt werde. Dabei ist die Strahlung auch eine Gefahr für die Gesundheit. „Eine gute Anamnese und körperliche Untersuchung beim Hausarzt kann fast alle Röntgenbilder in den ersten Wochen ersetzen“, sagt auch Schelling.

8. Röntgen vor der OP 

Steht eine Operation an, wird zuvor manchmal die Lunge geröntgt. Meist nutzlos und eine unnötige Strahlenbelastung – so die Schweizer. „Vor dem 60. Geburtstag sollte nur in Ausnahmefällen und bei relevanten Krankheiten geröntgt werden“, sagt Prof. Schelling. Auch bei älteren Patienten, die „lungengesund“ sind, könne man meist darauf verzichten. Ab einem bestimmten Alter werde die Lunge aber oft routinemäßig geröntgt, kritisiert Brechenmacher.

9. PSA-Test zur Vorsorge 

Diese Blutuntersuchung ist auch in Deutschland beliebt: der PSA-Test. Dabei wird die Konzentration des „prostataspezifischen Antigens“ bestimmt. Der Test wird unter anderem eingesetzt, um Prostatakrebs früher zu erkennen. Der Nutzen sei unklar, es drohe eine Überdiagnostik, sagen die Schweizer. „Der PSA-Wert ist umstritten“, bestätigt auch Schelling. „Er führt teils zu falsch-positiven Befunden und sinnlosen Biopsien.“ Das heißt: Es werden unnötigerweise Gewebeproben entnommen, um den Krebsverdacht zu prüfen. Im Einzelfall könne der Test aber sinnvoll sein, erklärt Schelling. Das sollte man mit dem Hausarzt besprechen und sich aufklären lassen.

10. Behandlung mit „PPIs“ 

PPI – das steht für „Protonenpumpen-Inhibitoren“. Diese Arzneien werden etwa bei Sodbrennen eingesetzt, aber auch als „Magenschutz“, wenn Patienten andere Pillen schlucken müssen, die „auf den Magen gehen“, wie es oft heißt. PPIs seien aber nicht selten unnötig, sagen die Schweizer. Die Nebenwirkungen würden den Nutzen in vielen Fällen überwiegen. Sind diese Arzneien nur als Magenschutz gedacht, sieht Schelling das auch so. Aber: „Es gibt klare Indikationen und Notwendigkeiten. Einen PPI abzusetzen, wenn die Speiseröhre oder der Magen chronisch entzündet und verändert sind, kann schwere Folgen haben.“ Brechenmacher sagt: In den meisten Fällen seien PPIs gut verträglich. Es gilt aber: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich.“

Andrea Eppner

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