Vogtareuth: Kleinwuchs - eine Sache der Sichtweise

Kleinwuchs: eine Sache der Sichtweise

028.07.1028.07.10|Lk Rosenheim|
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Vogtareuth - Für den heute 25-jährigen Tobias Hausmann waren Treppen das größte Hindernis seiner Kindheit: Schier unüberwindlich erschienen jegliche Stufen in der Schulzeit.

© Duczek

Sitzen in einer neuen Betrachtungsweise: Kabarettist Michael Altinger kann in einem Riesenstuhl nachempfinden, was Kleinwüchsige wie Tobias Hausmann im Alltag für Hindernisse überwinden müssen.

Trotz seiner 1,85 Meter muss Kabarettist Michael Altinger einen Schemel zu Hilfe nehmen, um den Riesenstuhl zu erklimmen. So ergeht es tagtäglich Tobias Hausmann, 1,42 Meter groß, dem nach langem Sitzen auf einem normalen Stuhl stets die Beine einschlafen, weil sie keinen Halt auf dem Boden finden. Eine Ausstellung in der Schön Klinik Vogtareuth sensibilisiert für diese und viele weitere Alltagsprobleme kleinwüchsiger Menschen.

Treppensteigen: Für den heute 25-jährigen Tobias Hausmann das größte Hindernis seiner Kindheit: Schier unüberwindlich erschienen jegliche Stufen in der Schulzeit. Als einziger besaß Hausmann zwei Sätze seiner Schulbücher - einen für daheim, einen, der fest in der Schule verstaut war, damit er die schwere Last nicht tragen musste. Im Elternhaus, wo er mit einer Schwester und einem ebenfalls normal gewachsenen Bruder aufwuchs, bestimmten Hocker als Aufsteighilfen jeden Raum.

Trotzdem ist Hausmann der Beweis dafür, dass auch ein Kleinwüchsiger ein ganz normales Leben führen kann: Der stellvertretende Landesvorsitzende des Bundesverbandes kleinwüchsiger Menschen und ihrer Familien studiert in München Elektrotechnik, bewohnt ein eigenes Appartement, geht gerne aus mit Freunden, macht demnächst seinen Höhenschein im Gleitschirmfliegen. "Ich führe ein selbstbestimmtes Leben. Niemand muss mich bemitleiden", findet er.

Auch Eva Trautwein-Weinold, Vorsitzende des Landesverbandes Bayern, der im Foyer der Schön Klinik Vogtareuth die erste Ausstellung über Kleinwüchsigkeit im Freistaat eröffnet hat, wünscht für ihre 14-jährige Tochter kein Mitleid, sondern Akzeptanz durch ihre Umwelt. "Mein Kind ist anders, das ist alles", sagt sie. Der Alltag des jungen Mädchens ist beschwerlicher, doch keineswegs unerfüllter, betont die Mutter. "Im Gegenteil: Meine Tochter ist mit einem Sonnenschein-Gen auf die Welt gekommen."

"Menschliche Größe hat nichts mit der Anzahl der erreichten Zentimeter zu tun", brachte es auch der Schirmherr der Ausstellung, Kabarettist Altinger, auf den Punkt. Dies sei auch Ziel der Informationen rund um den Alltag der rund 100 000 kleinwüchsigen Menschen in Deutschland, sagte Altinger bei der Eröffnung im Beisein von Vogtareuths Zweitem Bürgermeister Johann Bauer und dem kaufmännischen Leiter der Schön Klinik, Dr. Alexander Schmid. Altinger machte allen "Normalos" Mut, das Gespräch zu suchen, wenn ihnen ein kleinwüchsiger Mensch begegnet. "Verschämtes Wegschauen kränkt" - eine Überzeugung, welche die Mitglieder des Landesverbandes bestätigten. Sie gehen deshalb in die Offensive, setzen auf Information und Aufklärung.

Die Ausstellung in der Schön Klinik vermittelt das notwendige Wissen rund um die Problematik der Kleinwüchsigkeit - unter anderem über die Tatsache, dass es über 450 Ausprägungen der Wachstumsstörungen gibt, aber auch darüber, dass die Betroffenen selbst sich nicht als behindert fühlen, sondern im Alltag behindert werden - durch zu hohe Türgriffe, Lichtschalter, Fußgängerampeln, zu steile Treppen oder Einstiege in Bus und Bahn, unerreichbare Regale im Supermarkt.

Erschwert wird der Alltag außerdem durch gesundheitliche Probleme aufgrund von Fehlstellungen am Körper. Die therapeutischen und operativen Möglichkeiten, Folgeschäden der Kleinwüchsigkeit abzumildern, sind heute bei früher Anwendung groß, berichtet Dr. Sean Nader, Chefarzt der Klinik für Kinderorthopädie in Vogtareuth. Hier ist eines der wenigen deutschen Zentren integriert, in dem Menschen mit Wachstumsstörungen fachübergreifend medizinische Hilfe erhalten.

Die Ausstellung "Betrachtungsweisen" über Kleinwuchs in Gesellschaft und Wissenschaft ist im Foyer der Schön Klinik bis zum 26. August zu sehen.

duc/Oberbayerisches Volksblatt

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