Psychotherapie via Internet wird beliebter, viele Psychologen sind skeptisch

Psychotherapie via Internet: Erste-Hilfe für die Seele

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Wenn der Computer zu Therapeut wird.

Viele Dinge lassen sich mithilfe des Internets einfacher organisieren. Und auch in Lebenskrisen, bei psychischen Problemen, nutzen immer mehr Menschen diese Art der Kommunikation.

Sicherheit und Alternativen

Sicherheit und Diskretion bei der Telefonseelsorge: Die Ratsuchenden müssen sich zunächst auf einem Server einloggen. Eine sichere Verbindung ist laut Seelsorge so garantiert. Anbieter:

Die Angst kommt meistens nachts. Dann, wenn alle anderen schlafen, und das gewaltige Gefühl, vollkommen allein zu sein, alles überschwemmt. Die Luft zum Atmen nimmt. Lange Zeit war dann der Griff zum Hörer für viele Menschen der einzige Rettungsanker – ein Anruf bei der Telefonseelsorge. Seit einigen Jahren gibt es noch eine andere Möglichkeit, sich in Lebenskrisen schnell professionelle Hilfe zu holen: im Internet.

Pionier auf diesem Gebiet ist die Telefonseelsorge. Vertreter der Evangelischen und Katholischen Kirche entwickelten ein Internetportal, das mittlerweile zum größten Online-Berater in Deutschland geworden ist: Im Jahr 2008 zählte die so genannte Telefonseelsorge im Netz 4031 erste Hilferufe per Mail (inklusive Folgemails sogar 17 075). 73 Prozent der Hilfesuchenden waren weiblich, 40 Prozent zwischen 20 und 29 Jahre alt. Kontakt meistens nachts Grund für die erste Kontaktaufnahme, die meist nachts stattfindet, sind hauptsächlich Beziehungsprobleme.

Mehr Menschen erreichen

Wieviele Menschen sich insgesamt in Deutschland Hilfe im Netz suchen, ist laut Bundestherapeutenkammer bislang aber noch nicht erfasst worden. Die Onlineberatung für die Telefonseelsorge entwickelte der Psychologe Dr. Frank van Well, um noch mehr Menschen zu erreichen: „Per Mail spielt ja nicht mal die Stimme eine Rolle. Weinen und Luft holen ist möglich, ohne dass jemand etwas mitbekommt.“ Vor allem als Erstberatung sei diese Form sinnvoll. „Alternative Wege suchen, eine geeignete Therapieform, oder die richtigen Therapeuten finden – das sind die Stärken dieser Beratungsform.“ Eine langfristige Therapie via Internet, ohne persönlichen Kontakt, hält van Well jedoch für bedenklich: „Das Bild, das man sich per Mail von einer Person macht, entspricht im seltensten Fall der Realität.“ Eine Betreuung per Mail halte er dennoch in Ausnahmefällen für vertretbar. „Wenn einer meiner Patienten ins Ausland geht, betreue ich ihn, zeitlich begrenzt, per Mail weiter. Das ist aber eine Notlösung .“

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Die Telefonseelsorge im Netz garantiert eine Antwort-Mail spätestens 72 Stunden nach der ersten Kontaktaufnahme. „Zusätzlich besteht auch die Möglichkeit, im Live-Chat in Kontakt zu den Mitarbeitern zu treten“, erklärt Dr. Roland Gayer von der Online-Beratung der Telefonseelsorge Nordhessen. Beide Angebote sind kostenlos und bis auf die Email-Adresse des Nutzers anonym. Gayer, der wie die meisten Berater ehrenamtlich tätig ist, betreut im Schnitt pro Woche drei bis vier Personen mit jeweils einer Mail, manche von ihnen begleitet er bis zu einem Jahr. In den ersten Mails gehe es vor allem darum, das Vertrauen der Person zu gewinnen, zu zeigen, dass man sie ernst nimmt.

Griff zum Hörer ist leichter

Nach wie vor nehmen mit 643.444 Erstanrufern in Deutschland aber wesentlich mehr Personen per Telefon Kontakt mit der Seelsorge auf. Laut Gayer unter anderem deshalb, weil der Griff zum Hörer oft leichter falle: Muss man sich erst zum Schreiben an den PC setzen, habe man schon Ordnung in die Gedanken gebracht, und die Mail werde dann gar nicht mehr abgeschickt. Allerdings entstehen mittlerweile auch Konzepte, die als längerfristige Online-Therapie angelegt sind: Die Uniklinik Münster beispielsweise bietet Eltern, die ein Kind verloren haben, seit Anfang 2008 eine Internettherapie an. Laut Ärzte-Zeitung liegen wissenschaftliche Ergebnisse vor, die eine Wirksamkeit der Therapie belegen.

Von Belinda Helm

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