Gefährliche neue Videoplattform

YouNow: Wo sich Teenies über Spanner freuen

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Nackte Haut bringt mehr Zuschauer: Diese einfache Logik hat V. kapiert. Wir haben ihren Live-Stream einige Minuten verfolgt.

In Deutschland gibt es einen neuen Internettrend: Das Portal YouNow! Es dürfte ein Traum für perverse Spanner sein. Unsere Redaktion hat sich selbst ein Bild davon gemacht.

younow.com heißt die Seite, die mehr und mehr deutsche Jugendliche anlockt - aber wohl auch verstärkt Erwachsene mit pädophilen Neigungen!

YouNow ist eine Videoplattform, auf der man sich in Echtzeit dem ganzen Netz präsentiert, oft ohne Wissen der Eltern. Sie bekommen nicht mit, was sich in dem Zimmer ihres Kindes abspielt oder sind außer Haus. Man braucht nur die YouNow-App auf das eigene Smartphone zu installieren oder die Computer-Webcam einzuschalten.

Die Nutzerzahl sprang in hierzulande seit Ende 2014 um 250 Prozent an. Es sind vor allem Teenies. Im Januar liefen 16 Millionen Live-Streams aus Deutschland! Zuschauen kann jeder, auch nicht-registrierte Internetnutzer. Wenn man mitchatten möchte, oder einen eigenen Stream starten will, meldet man sich über Facebook, Twitter oder Google+ an.

Die Jugendlichen befriedigen in dem neuen Sozialen Netzwerk ihr Bedürfnis nach Anerkennung und Aufmerksamkeit. Ist man interessant, witzig oder zeigt sich sexy, schalten mehr Zuschauer zu, vergeben Likes oder werden zu Fans. So können die Jugendlichen zu den "Trending People" aufsteigen, also den beliebtesten Live-Kanälen.

V. präsentiert ihren nackten Bauch und hat plötzlich über 1200 Zuschauer

Wir schauen uns das an. Es ist Freitagabend, 23.32 Uhr.

Das Mädchen V. aus Norddeutschland (Username und Ort veröffentlichen wir hier nicht), präsentiert sich. Sie wird im Chat gefragt, wie alt sie sei. "15", antwortet sie und filmt sich mit ihrer Smartphone-Kamera vor dem Ganzkörperspiegel ihres Kleiderschranks.

Sie ist eine attraktive Jugendliche und sie weiß, dass nun mehr zuschalten und dranbleiben. Immer wieder checkt sie die aktuelle Zuschauerquote: "Über 800 Leute, aber nur drei Typen schreiben hier! Schreibt mir einen Kommentar! Schreibt mir, was ich machen soll!"

Einige schlagen vor, dass sie einen Spagat machen soll, anderen fordern sie auf, in ihrem Zimmer zu tanzen. Stattdessen hält sie die Kamera auf ihren schlanken, entblößten Bauch: "Wenn jetzt noch jemand behauptet, mein Profilbild ist gefaked, den blocke ich! Ich sehe wirklich so aus!" Die Einschaltquote liegt mittlerweile bei über 1200, was sicherlich an ihrem bauchfreien Oberteil und der kurzen Shorts liegt, die sie trägt.

Jemand fragt sie, ob sie berühmt sei. Sie antwortet: "Nein, ich bin einfach nur ein Mädchen, dass sich hier zeigt und ihr wollt das sehen. Es ist eigentlich unvorstellbar, dass sich das so viele anschauen und ihr alle mein scheiß Gelaber hört."

Als sie sich auf das Bett setzt und man nun im neuen Bildausschnitt kaum mehr nackte Haut sieht, schalten die Leute weg. Innerhalb von drei Minuten sind es nur noch 589 Zuschauer. V. weiß, was ihre Zuschauer sehen wollen: "Kaum zeige ich meinen Körper nicht mehr, schalten so viele ab!" Es geht also natürlich nicht um ihr "scheiß Gelaber".

Für V. ist das ein Experiment der Selbsterfahrung: "Ich denke, dass ich vielleicht zum letzten Mal hier streame. Das hält mich vom wirklichen Leben ab." Dann aber nennt sie im selben Atemzug ihre anderen Accounts in den Sozialen Netzwerke, nennt ihren Snapchat- und Instagram-Namen, wo man ihr auch private Nachrichten schreiben kann. Der Kontakt zu ihr muss also nicht abbrechen...

Es ist erschreckend, wie viel sie wildfremden Menschen verrät und welchen Einblick sie Unbekannten in ihr Privatleben gibt. Sie filmt ihren schlafenden Hund, man sieht ihr Jugendzimmer, sie verrät etwas über ihre Planung fürs Wochenende. Und das, obwohl sie offenbar darüber reflektiert, was sie macht.

Blick ins Privatleben in Echtzeit

Für pädophile Spanner ist diese neue Plattform ein Paradies! Big Brother schaut ins Kinder- und Jugendzimmer - wird dabei sogar noch von den möglichen Opfern herzlich begrüßt.

Über den öffentlichen Chat kann man Fragen stellen. Die Teenies verraten viel zu viel, leichtsinnige Jugendliche gar ihren echten Namen, ihren Wohnort, ihre Hobbies und weitere persönliche Details. Sie lesen die Fragen im Chatfenster und antworten darauf direkt in die Kamera.

Um beliebter zu werden und im Wettkampf um Anerkennung gegen die anderen Kanäle zu bestehen, müssen die Darsteller den Zuschauern schon etwas bieten. So werden die Jugendlichen zu Aktionen angestachelt oder fragen auch offensiv, was sie tun können, bitten um Vorschläge.

"Gebt euch einen Kuss"

Auch die Jungs streamen. In einem Kanal sind zwei pubertierende Jugendliche zu sehen. Sie sitzen nebeneinander auf dem Teppich. Im Chat werden sie dazu aufgefordert, sich zu küssen. Die beiden Jungs wirken verlegen, einer errötet leicht. Sie machen es nicht und versuchen ihre Verunsicherung mit Scherzen zu überspielen.

Fabian_B. hält einen Monolog um Mitternacht. YouNow als Zeitvertreib, weil Schlafen noch langweiliger wäre?

Fabian_B. (auch dieser Benutzername ist von uns gekürzt) ist um 0:09 Uhr online. Der Jugendliche wirkt gelangweilt, vier Menschen schauen zu, was er so treibt. Er versucht sein Publikum damit zu unterhalten, dass er aus einer Jugendzeitschrift vorliest, vermutlich die BRAVO, und die Artikel ironisch kommentiert - was nicht wirklich gelingt.

Zwischendurch überprüft er immer wieder seinen Platz auf der #deutsch-Boy-Rangliste: "Oh, ich bin Platz 19, ich bin abgestiegen. Schlecht, schlecht, schlecht... Aber was mache ich auch schon Großes?" Er legt die Zeitschrift weg schaltet Musik an: "Damit das Ganze wieder etwas spannender wird", erklärt er.  

Warum präsentiert er sich hier? Er scheint es selber nicht zu wissen: "Jetzt streame ich schon wieder über eine halbe Stunde. Gestern habe ich zwei Stunden gestreamt, dann hatte ich keine Lust mehr. Fünf Minuten später dachte ich so: Doch, lass mal weiter machen."

Wenige Minuten danach versucht er sich von seinem leblosen Live-Stream zu lösen und von seinen wenigen Zuschauern zu verabschieden. Es ist ein Ringen mit sich selbst: "Ich will noch nicht gehen... YouNow ist so entspannend. Was mache ich jetzt?" Er zählt zum finalen Countdown von 10 herunter, doch auch lange nach der Null bleibt sein Monolog weiter "auf Sendung".

Experten warnen vor den Gefahren

Offiziell darf man sich erst ab 13 Jahren anmelden, Nacktheit oder der Konsum von Drogen vor der Kamera sind verboten. Ebenso die Preisgabe von persönlichen Informationen. Die Kontrollen aber sind löchrig. Was einmal On Air war, lässt sich nicht mehr rückgängig machen oder korrigieren, alles geht hier in Echtzeit vonstatten. Immerhin: Es ist möglich Nutzer zu melden und zu blockieren, die Hassbotschaften im Chat verschicken, die mobben oder unangenehm auffallen.

Experten wie der Kölner Medienanwalt Christian Solmecke warnen dennoch vor den Gefahren auf YouNow, nicht nur hinsichtlich des Jugendschutzes. Auch die Persönlichkeitsrechte von Dritten können verletzt werden, wenn etwa aus einem Klassenzimmer heraus ein Livestream gestartet wird und Mitschüler oder der Lehrer unwissentlich gefilmt werden. Rechtlich heikel sind auch die GEMA-Rechte, denn so gut wie in jedem Live-Kanal wird Musik aus den Charts abgespielt. Sie läuft im Hintergrund oder die Jugendlichen singen mit, präsentierten Choreografien zu den Songs.

Spannend wird sein, wie der Hype um YouNow weitergeht. Ebbt dieser Trend schon bald von alleine wieder ab, weil Langeweile vorherrscht in den Kanälen - oder ist der Reiz des Voyeurismus und das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit noch lange eine Antriebskraft für dieses Portal? Für die meisten "Darsteller" scheint es derzeit zunächst ein Experiment zu sein, mit dem man noch nicht recht was anzufangen weiß. Es ist aber ein Zeitvertreib, der süchtig machen und gefährlich werden kann.

Eltern finden bei NetKids (kindersindtabu.de) Beratung, Hilfe und Informationen zur Prävention, insbesondere was das Thema Chatten angeht.

mg/ro24

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