Brannenburg - Großaufmarsch der lokalen Politprominenz: Am Freitag fand das lange angekündigte Informationstreffen in die Brannenburger Wendelsteinhalle statt.

Blick in einen Tunnel der Unterinntalbahn. Im Dezember 2012 wird dieses Projekt, das nach modernsten Gesichtspunkten gebaut und mit neuester Signaltechnik ausgestattet wurde, dem Verkehr übergeben.
Über 120 Inntalbürgermeister mit ihren Gemeinderäten, Rosenheims Bürgermeister Anton Heindl, die Abgeordneten Annemarie Biechl und Maria Noichl sowie etliche Vertreter aus Tirol sind am Freitag zum lange angekündigten Informationstreffen in die Brannenburger Wendelsteinhalle gekommen.
Sie wollten sich aus erster Hand darüber informieren, wie weit die Arbeiten am Brennerbasistunnel in Österreich gediehen sind und vor allem, wie die Nachbarn aus Tirol ihre Zulaufstrecke - die Unterinntalbahn - so schnell, so geräuschlos und so effizient gebaut haben. Und da wurden dann die Gesichter der Bayern immer länger.
Eine gute Nachricht hatte allerdings Landrat Josef Neiderhell im Gepäck: "Ich habe aktuell eine Mail aus dem Bundesverkehrsministerium bekommen: Am 13. Januar 2012 wird mit der Unterschrift des deutschen Bundesverkehrsministers und seiner österreichischen Kollegin der Startschuss für die Planungen der deutschen Zulaufstrecke und des Anschlusses an die österreichische Spur gegeben."
Er freue sich sehr darüber, schließlich befasse sich seit 1989 eine Arbeitsgemeinschaft im Rosenheimer Landratsamt mit diesem Thema. Bereits sein Vorgänger Dr. Max Gimple habe die Bedeutung dieser Trasse erkannt. Und süffisant fügte Neiderhell an: "Kaum reden wir 22 Jahre darüber, schon treten wir in das Planungsstadium ein!" Er bedauere, dass auf deutscher Seite so lange gezögert wurde, während die Österreicher das Heft in die Hand genommen hätten. "Wenn alles nach Plan läuft, wird im nächsten Jahr die tiroler Unterinntalbahn dem Verkehr übergeben", so Neiderhell vor den hellhörigen Ratsvertretern.
Denn viele verunsicherte Bürger meldeten sich fast täglich in den Rathäusern entlang der Strecke von Kiefersfelden bis Großkarolinenfeld. "Dann muss ja mein Haus weg", fürchte so mancher. "Diese berechtigten Sorgen müssen wir aufnehmen. Es darf bei uns kein ,bayerisches Stuttgart 21 geben", rief er den Ratsleuten zu. Es müsse eine Achse und einen ungehemmten Informationsfluss zwischen den gewählten Volksvertretern geben, über alle Parteigrenzen hinweg. "Wir wollen gemeinsam für ein lebenswertes Inntal kämpfen!"
Wie gut der Prozess von der Planung bis zur Durchführung verlaufen kann, zeigte der Österreicher Johann Herdina, Geschäftsführer der Brenner-Eisenbahn-Gesellschaft und seit 2003 Verantwortlicher für die Unterinntalbahn. Drei Dinge brauche es, um erfolgreich die Trasse zu bauen: ehrliche Diskussion mit der Bevölkerung und enge Verzahnung mit den Bürgermeistern sowie persönliche Kontinuität. "Erst wenn du wie ein Wanderprediger zu den Leuten gehst, ihnen zuhörst, die Sachlage erklärst und du rund um die Uhr ihr Ansprechpartner wirst, dann fassen sie Vertrauen und dann klappt die Sache", erklärte er den staunenden Gemeinderäten.
Es sei ein mühseliges Geschäft und nicht immer ein Wunschkonzert. Es müssen geologische Strukturen ebenso beachtet werden wie die finanzielle Verhältnismäßigkeit. "Aber wenn die Menschen sehen, dass man um eine echte Lösung bemüht ist, sind sie auch für Kompromisse offen."
Jetzt sei es allerdings auch für die Deutschen höchste Zeit, dass zumindest mit den Planungen begonnen werde, die erfahrungsgemäß rund zehn Jahre benötigen. "Selbst die Italiener sind im Zeitplan", fügte er leicht frotzelnd an.
Bestätigt wurden seine Darlegungen von vier Tiroler Bürgermeistern, die die den Prozess bereits gut hinter sich gebracht haben, die allerdings auch kritisch anmerkten: "Wir haben manchmal um unsere Wiederwahl gefürchtet, weil etliche Bürgerinitiativen gegen die Pläne der ÖBB waren. Wenn deine Gemeinde keine Untertunnelung bekommt, wird der Kompromiss halt mühsam."
In die gleiche kritische Kerbe schlug auch Rohrdorfs Bürgermeister Christian Praxl. Seine Erfahrungen zum Dialog von Bürgern und Bürgermeistern mit planenden Institutionen beim Ausbau der A8 seien nicht immer die besten gewesen: "Wenn du zwar alle Wünsche aufzählen darfst, aber hinterher ist dafür kein Geld da, ist das für mich kein geglückter Dialog. Das ist Bauen nach Kassenlage."
Für Kopfschütteln sorgte bei vielen der Auftritt von Josef Reisinger, Gemeinderat aus Nußdorf. Er erklärte, dass das vielzitierte dritte und vierte Gleis durch das Inntal gar nicht nötig sei, denn die prognostizierten Warenströme und Züge werde es gar nicht geben. Auch in einigen Wortmeldungen kam dies zum Ausdruck.
Dem widersprachen vehement Josef Herdina und Karl Fischer vom Logistik Kompetenzzentrum in Prien. "In den vergangenen 20 Jahren hat sich das Verkehrsaufkommen um 70 Prozent gesteigert. Die Schiene wird vor allem aus ökologischen Gründen eine immer größere Rolle spielen." Nicht zuletzt wegen der sektoralen Fahrverbote in Österreich (Verbot, bestimmte Waren auf der Straße zu transportieren) und der Alpentransitbörse (Instrument zur Begrenzung des alpenquerenden Straßengüterverkehrs durch die Versteigerung und den Handel von Durchfahrtsrechten) sage er der Schiene eine wachsende Bedeutung vorher. "Darauf müssen wir uns einstellen und endlich reagieren", so Fischer.
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