Streit um "Negerlein" und "wichsen"

Politiker: Kinderbuch-Klassiker nicht umschreiben

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Klaus Willberg, Geschäftsführer der Thienemann Verlag GmbH, zeigt während eines Fototermins auf eine Passage des Kinderbuchs "Die kleine Hexe" von Otfried Preußler. Der Begriff "Negerlein" soll in einer überarbeiteten neuen Version des Kinderbuchs ersetzt werden.  

Saarbrücken - Kulturpolitiker des Bundestages wenden sich gegen Bestrebungen einiger Verlage, in Märchen und klassischer Jugendliteratur nicht mehr zeitgemäße Wörter auszuwechseln.

Deutschland streitet über politisch korrekte Sprache in Kinderbüchern. Kürzlich hatte der Thienemann Verlag erklärt, Begriffe im den Kinderbuchklassiker "Die kleine Hexe" zu ändern. Unter anderem soll das Wort "wichsen" verschwinden. Grund laut Verlag: "Kinder kennen das Wort 'wichsen' nicht mehr im Sinn von 'putzen' oder 'polieren'." Auch der Begriff "Negerlein" soll in einer überarbeiteten neuen Version des Kinderbuchs ersetzt werden.

Als die Änderung angekündigt wurde, brach ein Sturm der Entrüstung über den Verlag herein. In rund 200 E-Mails seien sie zum Teil wüst beschimpft worden, berichtete Verleger Klaus Willberg. Unter anderem wurde ihnen Zensur vorgeworfen. Zustimmungen habe es nur zwei gegeben. „Wir stehen aber dazu“, betonte er und erklärte: "Uns geht es nicht um Political Correctness. Es geht darum, Begriffe auszutauschen, die Kinder heute nicht mehr verstehen.“

Die größten Shitstorms

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Nun beteiligen sich auch Kulturpolitiker an der Diskussion über politisch korrekte Sprache in Kinderbüchern. Der kulturpolitische Sprecher der Union, Wolfgang Börnsen (CDU), sagte der "Saarbrücker Zeitung" (Freitagausgabe), auch wenn in einigen klassischen Geschichten und Märchen Gewalt verherrlicht, Minderheiten diskriminiert und Vorurteile aufgebaut würden, "ist es trotzdem nicht angebracht, Nachbesserungen vorzunehmen, damit sie unserem Zeitgeist entsprechen".

Gewalt verherrlichende Filme seien viel schädlicher. Es gebe Erhebungen, wonach Kinder am Tag 60 Morde im Fernsehen sehen könnten, so Börnsen. FDP-Experte Burkhardt Müller-Sönksen forderte eine Debatte im zuständigen Kulturausschuss des Bundestages. Eltern sollten mit ihren Kindern "pädagogisch motivierte Gespräche" führen, "anstatt politisch korrekte und historisch zensierte Kinderbücher auszuwählen". Die ehemalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD), die jetzt Mitglied des Kulturausschusses ist, betonte gegenüber der "Saarbrücker Zeitung": "Wir fangen ja auch nicht an, Goethe oder Schiller umzuschreiben."

Auch die Kulturexpertin der Linken, Luc Jochimsen, forderte die Befassung des Kulturausschusses mit dem Thema. Die Sprache von Autoren zu verändern, die nicht mehr lebten, "halte ich für falsch", sagte Jochimsen der Zeitung.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) hingegen will beim Vorlesen für ihre anderthalb Jahre alte Tochter diskriminierende Begriffe sofort entschärfen. Wenn etwa Pippi Langstrumpfs Vater als "Negerkönig" bezeichnet werde, dann werde sie dies bei ihrer Tochter "synchron übersetzen, um mein Kind davor zu bewahren, solche Ausdrücke zu übernehmen“, sagte Schröder im Dezember der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Auch ohne böse Absicht könnten Worte Schaden anrichten. „Wenn ein Kind älter ist, würde ich dann erklären, was das Wort Neger für eine Geschichte hat und dass es verletzend ist, das Wort zu verwenden.“

Die Ministerin betonte, Grimms Märchen etwa seien „oft sexistisch“. „Da gibt es selten eine positive Frauenfigur.“ Sie wolle deshalb auch auf andere Geschichten mit anderen Rollenbildern setzen.

fro/dapd

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