Wandern im Südwesten der Insel

Irland, wie’s die Iren lieben

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Green Peace: Rast mit Aussicht an der Küste bei Baltimore.

Ich verliebe mich bei meinem ersten Besuch spontan in diese Insel. Das Grün ist in Irland grüner. Die Landschaft ist gegensätzlich und in weiten Teilen unberührt.

Beim Wandern ist man stundenlang mutterseelenallein unterwegs. Erst abends im Pub präsentiert sich Irland gesellig. Bei Fish & Chips, Musik und Bier lernt man haufenweise nette, unkomplizierte Menschen jeden Alters kennen. Den saloppen Spruch „It could be worse“ nehme ich mit nach Hause. Die Insel ist eine Wohltat. In jeder Hinsicht. Trotz oder gerade wegen der kleinen Schwächen.

„Germans are so precise!“, sagt Hoteldirektor Arthur Little, mit dem wir zur Wanderung verabredet sind, und lacht. Wir warteten schon zehn Minuten auf ihn am vereinbarten Treffpunkt vor dem Liss Ard Hotel in Skibbereen, unserem charmanten Domizil. Langsam fragten wir uns, ob wir vielleicht eine falsche Uhrzeit im Kopf haben. Haben wir natürlich nicht, wir überpräzisen Deutschen. Aber Irland ist anders. Ein paar Minuten Verspätung sind kein Problem, sondern ein Ausdruck irischer Gelassenheit. Und dass Arthur auch gleich Ehefrau Lydia und seinen Sohnemann zum Wandern mitbringt und uns vorher noch schnell bei sich zu Hause zu Kaffee und Kuchen einlädt, entspricht der typisch irischen Gastfreundschaft.

„It could be worse“

Während unseres vierstündigen Walks am Three Castle Head zum Dun Lougha Castle treffen wir keine Menschenseele. Ein magischer, ein verwunschener Ort! Zauberhaft die Heidelandschaft. Der Atlantik rauscht. Und Arthurs Sohn Jackson, der wohl coolste Bub der ganzen Insel, ist einfach zum Verlieben. In Gummistiefeln läuft er oben ohne durch die schöne Landschaft und nimmt im Morast und Sumpf Dutzende von Mückenstichen in Kauf, weil ihm zu warm für ein T-Shirt ist. Irland ist anders. Seine Kinder offensichtlich auch. Als wir den Sonnenuntergang in der Bucht von Ballydehob vor einem Pub genießen, geht Jackson in Unterhose noch schnell zum Schwimmen. Es hat keine 16 Grad Lufttemperatur.

Beim Wandern ist man stundenlang mutterseelenallein unterwegs.

Tags darauf verfahren wir uns tierisch. Diesmal verspäten wir präzisen Deutschen uns um ganze 20 Minuten. Als wir endlich in Drimoleague ankommen, lehnt David Ross, unser Wanderguide, entspannt an einem Verkehrsschild, hält sein Gesicht in die Sonne und stützt sich auf den Wanderstock. Wie ein Hirte sieht er aus. Vor ihm steht ein uralter, kleiner Rucksack. Geduldig milde sagt er: „Ihr müsst euch nicht entschuldigen. Ihr seid ja da und jetzt geht es los.“

Auch David, der Hirte, der hauptberuflich tatsächlich Pastor ist, lädt uns erst einmal zu einem Frühstück in sein Haus ein. Biojoghurt, selbstgemachte Scones, hausgemachte Marmelade und Tee. David engagiert sich für seine Heimat und will helfen, einen sanften Wandertourismus in der stillen Region zu etablieren. Er hat geholfen, einige so genannte Looped Walks, also mehrstündige Rundwege, in West Cork anzulegen. „Ich biete auch mehrtägige Märsche mit Übernachtung an. Man kann bei uns tagelang himmlisch wandern.“

Irland

Womit er Recht hat. Der Tag mit ihm wird wunderschön und still. Wir verbinden gleich mehrere Looped Walks zu einer langen Tagestour. Wir passieren tosende Wasserfälle, die Ruine des Castledonavan, eine Alpaca-Farm, pausieren an der Ruine George the Sky ehe wir 500 Höhenmeter machen, um den höchsten Punkt der Tour, einen See auf einem Bergplateau, den so genannten Lough Agower, zu erreichen. Beim Abstieg erzählt uns David, dass er gemeinsam mit seiner Frau Elizabeth die Website westcorkwalking.com betreibt und gerade ein paar schnuckelige Selbstversorgerhütten baut, um ein kleines Wanderzentrum zu eröffnen.

Es regnet in Strömen als wir uns auf den Weg zu Irlands höchstem Gipfel, dem 1041 Meter hohen Carrantouhill machen. Das County Cork haben wir verlassen und sind in Richtung Kerry gefahren. Mike Callanan, ein gelernter Steinmetz, ist heute unser Begleiter. Er kennt den Carrantouhill wie seine Westentasche. In einem guten Sommer kommt er 40 Mal auf seinen Gipfel. Und findet dort immer noch Neues. „Man muss nur offen sein dafür.“

Der Nebel und die Regenwolken lichten sich heute nur selten. Dafür steigt mit jedem der 1000 Höhenmeter, die wir uns nach oben schrauben, unsere Laune. Mike macht kein Hehl da­raus, schwer verkatert zu sein. Er hat bei diesem wirklich miesen Wetter nicht mit uns gerechnet und daher am Vorabend bis in die Puppen gefeiert. But we are Germans and we are precise – niemals würden wir einen Termin platzen lassen. Außerdem, das haben wir gelernt: It could be worse! Es könnte ja auch schneien oder hageln.

Mike ist ein klassischer Aussteiger. Als die Wirtschaftkrise Irland und damit auch sein Leben erfasste, verkaufte er kurzerhand sein Haus und zog in einen Wohnwagen. Kein Wehklagen, im Gegenteil: Nie zuvor hat er sich so frei gefühlt wie jetzt: „Mein Leben ist gut. Weniger Geld, kein Besitz – das bedeutet Freiheit!“

Ann Collins-MacSeoin arbeitet im Liss Ard Hotel als Reiseführerin und gibt uns viele tolle Tipps. Obwohl wir uns auch in fünf Tagen nicht wirklich an den Linksverkehr gewöhnen, genießen wir unsere Ausflüge mit dem Mietwagen. Von Baltimore aus, einem zauberhaften Hafenstädtchen, schippern wir bei strahlendem Sonnenschein mit dem Boot nach Clear Island. Einmal fahren wir zum Sheeps Head, einer Landzunge, die weit in den Atlantik reicht, um dort zu wandern und fühlen uns wie am Mittelmeer. Der nahe Golfstrom sorgt im Südwesten Irlands das ganze Jahr über für milde Temperaturen. Auf der 15 Hektar großen Garteninsel Garnish Island in der Bucht von Bantry gedeihen sogar subtropische Pflanzen.

Johanna Stöckl

Die Reise-Infos zu Irland

ANREISE nach Cork ab München dreimal pro Woche mit der irischen Fluggesellschaft Aer Lingus. Ab ca. 250 Euro für den Hin- und Rückflug. Online buchbar unter www.aerlingus.com. Telefonischer, deutschsprachiger Buchungsservice Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr unter 018 05/13 32 09.

MIETWAGEN Die Schalter befinden sich am Flughafen Cork in der Ankunftshalle. Bei Auto Europe kann man derzeit einen Wagen ab 68,15 Euro pro Woche mieten. Tipp: Buchen Sie einen Kleinwagen! Die Straßen im Südwesten Irlands sind sehr eng. Außerdem herrscht Linksverkehr.

WOHNTIPP Liss Ard Estate, Castletownsend Road, Skibbereen, County Cork Tel 003 53/28/400 00, im Internet: www.lissardestate.com.

Inmitten eines 80 Hektar großen Gartens liegt das 1850 erbaute und 2010 renovierte viktorianische Herrenhaus von Liss Ard. Direkt vor der Haustür befindet sich der 20 Hektar große See Lough Abisdealy, wo man baden und Kanu fahren kann.

CAMPING Eagle Point Camping, Ballylickely, Bantry, www.camping-ireland.ie, Tel 003 53/27/506 30. Preis pro Zelt-Übernachtung für Wanderer/Fahrradfahrer 12 Euro (pro Person), geöffnet bis 23. September. Zauberhaft direkt am Wasser gelegen und bestens gepflegt – hier macht Camping richtig Spaß. Der Campingplatz wurde mehrfach ausgezeichnet.

TOURGUIDE Auf Tour mit Wanderguide David Ross erhält man auch Einblicke in die Historie der Region. David bietet neben Tagestouren auch eine siebentägige Wanderwoche durch den Südwesten Irlands an. Außerdem vermietet David schnuckelige, kleine Holzhäuschen für Wanderer. Den Wanderführer kann man über seine Homepage www.westcorkwalking.com kontaktieren. Tel. 003 53/28/315 47.

KULINARIK Fish & Chips kann man in Irland an jeder Ecke essen. Im Restaurant O’ Connors in Bantry wird daraus ein Gourmetessen. Zwischen 17.30 und 19 Uhr kann man dort ein Early Bird Dreigang-Menü für 25 Euro bestellen. O‘Connors Seafood Restaurant, Wolfe Tone Square, Tel 003 53/27/556 64.

Ein Pub mit guter Atmosphäre und grandioser Aussicht ist O‘Sullivans Bar in Crookhaven direkt am Hafen. Spezialität: Sandwiches (ab 3,50 Euro) und Seafood. Tel 003 53/28/353 19, im Internet: www.osullivans crookhaven.ie.

WEITERE INFOS Straßen und Wanderkarten sowie weitere Reiseinfos für jede Region können bei Irland Information Tourism Ireland, Gutleutstraße 32, 60329 Frankfurt oder telefonisch unter der Nummer 069/66 80 09 50 angefordert werden. Website von Irland-Tourismus unter www.discoverireland.com/de.

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