Kurztrip nach Tschechien

Der kleine Urlaub zwischendurch

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Weiße Schneehauben, goldenes Licht: die Prager Burg im Winter.

Was Kurztrips angeht, tendiert der Münchner ja eher gen Italien: Südtirol, Gardasee oder Venedig sind beliebte Ziele. Dabei lockt im Osten mit Tschechien ein Land, das dem Touristen mehr zu bieten hat als nur die Hauptstadt Prag.

Unser Autor Marc Kniepkamp hat’s ausprobiert und ein langes Wochenende in Tschechien verbracht.

Donnerstag: Die Braukunst

Los geht’s in München. Wir fahren vorbei an Regensburg und dann auf der A6 schnurstraks in Richtung Grenze. Früher war hier die Welt zu Ende, der Eiserne Vorhang schottete den Osten ab. Ein Hauch von Ende der Welt umweht die Region immer noch. Nach etwa 280 Kilometern erreichen wir Pilsen. Hier dreht sich alles ums Bier. Kein Wunder, denn hier hat vor 170 Jahren der Vilshofener Braumeister Josef Groll ersmals nach Pilsener Brauart gebraut. Das obergärige Bier setzte zu einem Siegeszug um die Welt an, das Pilsner Urquell ist rund um den Globus bekannt.

Aber es ist längst nicht alles Pilsner Urquell, hier in Pilsen. Zum Beweis steuern wir die Mikrobrauerei Purkmistr an. Auf einem alten Gutshof vor den Toren der Stadt haben die Macher sich ganz dem größten Schatz der Region verschrieben: der Braukunst. Im Restaurant gibt es bodenständige böhmische Küche – neben dem Klassiker Sauerbraten sind besonders die Kalbsbäckchen sehr zu empfehlen.

Der Clou: In den Kellergewölben wird nicht nur hervorragendes Bier gebraut, die Gäste können auch im Gerstensaft baden. Schon die alten Ägypter wollten so die Haut verjüngen, jetzt preist die tschechische Brauerei diese Behandlung an. Nach dem Bierbad geht es dann ins historische Stadtzentrum. Pilsen war lange Zeit als Industriezentrum verschrien – zu Unrecht. Die kompakte Altstadt lässt sich problemlos an einem einzigen Abend erkunden. Der absolute Blickfang ist der riesige Marktplatz mit der gotischen Kathedrale St. Barthololomäus, deren Turm 102 Meter in die Höhe ragt. Der Platz ist von historischen Bauten umringt – selbst das stilbrechende Hotel Central aus der kommunistischen Ära geht mittlerweile als historisches Gebäude durch. Sehenswert ist die Große Synagoge nur ein paar Schritte vom Markplatz entfernt. Sie ist das drittgrößte jüdische Gotteshaus der Welt. Ein Abstecher lohnt sich auch in die Pilsener Unterwelt. Im Sommer werden Führungen durch das Tunnelsystem unter der Altstadt angeboten. Ein schier unendliches System aus Gängen, Kellern und Brunnen, das heute der Wasserversorgung der Stadt dient. Wir bleiben über der Erde, brauchen aber trotzdem nicht auf einen Ausflug ins Tunnelnetz zu verzichten: Im Restaurant Rango speist man in den Kellerräumen eines Hotels – mit Blick in den Tunnel.

Freitag: Die Hauptstadt

Heute wird ordentlich gefrühstückt, denn auf dem Programm steht eine Führung durch die Brauerei Pilsner Urquell – das Kontrastprogramm zur Mikro-Brauerei am Vortag. Völlig unsentimental werden hier zehn Hektoliter Bier pro Tag abgefüllt und in die ganze Welt verschifft. Die Marke gehört zum südafrikanischen Braugiganten SAB-Miller – trotzdem lohnt der Besuch. Brauerei-Nostalgiker werden mit einem Besuch in den schier unendlichen (und auf jeden Fall unendlich kalten) Katakomben unter dem Brauereigelände belohnt. Dort gibt es dann auch einen Schluck naturtrübes Bier. Und wer schräge Rekorde sammeln will: In der Braurei kann der Besucher den größten Aufzug Tschechiens benutzen, mit bis zu 71 anderen Personen.

Jetzt wird es Zeit für einen Abstecher nach Prag – wer Tschechien besucht, muss die Hauptstadt gesehen haben. Für einen ersten Besuch bietet sich eine Stadtführung an, die bietet Altstädter Ring, Astronomische Uhr, Karlsbrücke und Wenzelsplatz auf einen Streich. Wenn es dann dämmert, hat der Prag-Besucher die Qual der Wahl. Unzählige Restaurants und urige Bierstuben buhlen um die Gäste aus aller Welt. Das Angebot ist riesig und unübersichtlich – wir entfliehen aufs Wasser. Im Jazzboat gibt es nicht nur gutes Essen, sondern auch flotte Musik. Der Star an Bord ist jedoch nicht die souveräne Dixiland-Band, sondern der Blick vom Sonnendeck aus auf das abendliche Prag. Das absolute Highlight ist die Fahrt unter der Karlsbrücke hindurch. Das Wahrzeichen der Stadt ist hellerleuchtet und der Blick auf die goldene Stadt ist atemberaubend. Wer dann noch Durchhaltevermögen besitzt, kann in einem der unzähligen Prager Clubs die Nacht zum Tag machen.

Samstag: Die Architektur 

Nach zwei Tagen in Böhmen wartet Mähren auf uns. Erstes Etappenziel auf der Fahrt dorthin ist Brünn, die zweitgrößte tschechische Stadt und Hauptstadt Mährens. Der alte Stadtkern glänzt mit einem Unesco-Weltkulturerbe: der Villa Tugendhat. Mies van der Rohe hat das Gebäude in den Jahren 1929 und 1930 als Wohnhaus für den jüdischen Tuchfabrikanten Fritz Tugendhat erbaut. Von außen ist es ein – mit Verlaub – eher unscheinbarer Kasten, von innen verschlägt einem die zeitlose Eleganz dieses modernen Wohntraums die Sprache. Dieser Meilenstein der modernen Architektur liegt am Hang, mit einem atemberaubenden Blick südwärts auf die Stadt Brünn. Damit dem nichts im Wege steht, lässt sich die Fensterfront komplett versenken – ein Wohnzimmer im Freien entsteht. Unbedingt vorher Karten reservieren!

Tschechien hat nicht nur alte, sehenswerte Städte, sondern auch wunderbare Landschaften zu bieten. Eine davon besuchen wir in Südmähren. Hier wächst der Wein, mitten im Bierland Tschechien. Und eine Weinprobe in einem der zahlreichen Weinkeller in Lednice beweist: Der einheimische Rebensaft ist vielfältig und schmeckt gut. Das Weinanbaugebiet ist so klein, dass hier viele Winzer ihren Job noch nebenher erledigen. Die kleine Anbaufläche ist auch der Grund, warum tschechische Weine in Deutschland ziemlich unbekannt sind – die Tschechen trinken ihre Weine selber, für den Export bleibt nichts übrig.

Sonntag: Das Minarett 

Nächste Station ist ein weiteres Weltkulturerbe: Das Schloss Lednice gehört zur von der Unesco geschützten Kulturlandschaft Lednice-Valtice. Das Schloss Lednice – zu Deutsch Schloss Eisgrub – hatten die Liechtensteiner Fürsten gebaut, es ist umgeben von einem herrlichen Park. Nur 45 Minuten zu Fuß oder mit dem Boot in einem der Kanäle entfernt ist das 60 Meter hohe Minarett der Parkanlage. Damit galt es lange Zeit als das höchste Minarett in einem nicht-muslimischen Land, religiösen Zwecken hat es aber nie gedient – es passte den Liechtensteinern einfach in die grandiose Parklandschaft. Der Legende nach soll es Alois von Liechtenstein gar als Trotzsymbol auf seinem eigenen Grund errichtet haben – nachdem er für eine ursprünglich geplante Kirche offenbar keine Baugenehmigung der Gemeinde erhalten hatte. An klaren Tagen soll man von hier aus gar den Stephansdom im nahen Wien sehen können. Aber das ist eine andere Reise.

Marc Kniepkamp

 

DIE REISE-INFOS ZU TSCHECHIEN

REISEZIEL Die Tschechische Republik grenzt im Osten an Bayern. 10,5 Millionen Menschen leben in Tschechien, mit 78.864 Quadratkilometern ist das Land etwas größer als Bayern.

ANREISE Von München benötigt man mit dem Bus (ab 19 Euro) und der Bahn (ab 29 Euro) für die 380 Kilometer etwa fünf Stunden. Mit dem Auto ist man vier Stunden unterwegs. Lufthansa fliegt mehrmals täglich ab München, Preise ab etwa 190 Euro.

MESSE Tschechien ist das Partnerland der Reise- und Freizeitmesse free, die vom 20. bis 24. Februar auf dem Messegelände München stattfindet. Infos zur free bei der Hotline 089/94 91 15 28 oder unter www.free-muenchen.de.

WÄHRUNG Bezahlt wird in Tschechischen Kronen (CZK), für einen Euro bekommt man etwa 25,60 Kronen.

ÜBERNACHTUNG In Lednice kann man im My Hotel in direkter Nachbarschaft des Liechtensteiner-Schlosses übernachten. Das Doppelzimmer kostet etwa 60 Euro, das Hotel verfügt über einen eigenen Weinkeller. Internet: www.myhotel.cz.

SEHENSWERT
PILSNER URQUELL
: täglich Brauereiführungen in deutscher Sprache, montags bis freitags um 14:30 Uhr, an Wochenenden um 13 Uhr und 14:30 Uhr, kostet 120 CZK (rund 4,65 Euro).
JAZZBOAT: fährt täglich um 20:30 Uhr vom Boot-Terminal unter der Moldaubrücke Cechuv most, Eintritt inkl. Jazzkonzert, zweieinhalbstündiger Bootsfahrt und Willkommensgetränk 590 CZK (rund 23 Euro). Info: www.jazzboat.cz.
VILLA TUGENDHAT: geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, Eintritt inkl. einstündiger Führung 300 CZK (rund 11,70 Euro). Info: www.tugendhat.eu.

ESSEN Die tschechische Küche ist deftig, der Sauerbraten allgegenwärtig. Zünftiges Essen gibt es beispielsweise in der Mikro-Brauerei Purkmistr bei Pilsen. In Brünn ist das Restaurant Pavillon wegen seiner stilsicheren Einrichtung, der Lage in einer park-ähnlichen Anlage nahe der Altstadt und dem Essen (Rehragout mit Gnocchi für rund 6,70 Euro) ein guter Tipp.

INFORMATIONEN ­Tschechische Tourismuszentrale, Kennedyallee 93, 60596 Frankfurt am Main; Tel. 069/21 99 85 87, www.czechtourism.com.

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