Kulturhauptstadt 2013

Au revoir! Marseille erfindet sich neu

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Marseille verwandelt sich.

Marseille arbeitet an einem neuen Image. Am Hafen protzen neue Museen. Im einst berüchtigten Altstadtviertel Panier locken Schickimicki-Cafés.

Kulturhauptstadt 2013: die französische Metropole Marseille.

Marseille ist anders. Schon bei der Ankunft im Sackbahnhof Saint-Charles drängt sich dieser Eindruck auf. Statuen aus Afrika und dem Nahen Osten zieren Halle und Fassade. Sie erzählen von Reisen in den schwarzen Kontinent, vom Handel, von fremden Sprachen und exotischen Gewürzen. „Ich bin sicher, dass Marseille die schönste Stadt Frankreichs ist. Sie ist so anders!“ befand der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer schon vor mehr als 100 Jahren. 2013 ist die französische Metropole Europäische Kulturhauptstadt.

Seit über 2600 Jahren treffen in Frankreichs ältester Stadt Europa und Afrika aufeinander. Viele der über 800 000 Marseiller sind marokkanischen, algerischen, italienischen, chinesischen oder senegalesischen Ursprungs. Im Herzen der Stadt leben noch heute vorwiegend Arbeiter und Einwanderer aus aller Herren Länder.

„Was ein Marseiller ist?“, wiederholt Anthony die Frage. Schauen Sie mich an. Meine Mutter ist gebürtige Italienerin aus Korsika, mein Vater ein jüdischer Pied noir. Ein Schwarzfuß, wie die mehr als eine Million Franzosen genannt werden, die ab 1950 nach Algerien gegangen sind.

Kulturzentrum: die Villa Méditerranée.

Anthony arbeitet für Euroméditerranée. Hinter dieser sperrigen Wortkombination versteckt sich ein Großprojekt, das für über sieben Milliarden Euro Marseille seit 1995 auf den Kopf stellt. Die Wahl im Oktober 2008 zur Kulturhauptstadt Europas 2013 hat die Metamorphose nur beschleunigt und das Budget um rund 600 Millionen Euro erhöht. Seitdem erfindet sich das von Seefahrern gegründete Massalia neu.

Das neue Marseille soll bis 2020 fertig sein. Daran arbeiten die renommiertesten Architekten. Wie es aussehen wird? Wie der 147 Meter hohe Glas- und Betonturm der anglo-irakischen Baumeisterin Zaha Hadid im neuen Hafen. Schick, modern, sauber. Er ist der Sitz der CMA CGM, der drittgrößten Reederei der Welt. Das in den Himmel ragende Bauwerk sieht aus wie ein Victory-Zeichen.

Der ehemalige Kornspeicher Le Silo.

Vor wenigen Monaten wurde im neuen Hafen der ehemalige Kornspeicher Le Silo eröffnet. Wo früher Mehl gelagert wurde, werden heute Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen organisiert. Anthony steigt in den Aufzug, der im fünften Stock hält. Er hat recht: Der Blick vom Dachrestaurant ersetzt jeden Stadtplan. Rechts das Hadid-Hochhaus, in der Mitte Fähren nach Korsika und Nordafrika, im Rücken die zu einer Einkaufs- und Büromeile umgebauten alten Backsteinspeicher und links futuristische Architektur: die Villa Méditerranée und das MuCEM, die Aushängeschilder von Marseille 2013.

Die Villa Méditerranée ist ein protziges Kulturzentrum. Es gleicht einem riesigen 16-Meter-Sprungbrett ins Meer. Knapp die Hälfte des Gebäudes liegt unter Wasser.

Einstmals berüchtige Gegend: das Altstadtviertel Panier.

Sie stiehlt dem 15 000 Quadratmeter großen Quader des Stararchitekten Rudy Ricciotti fast die Schau. Der Glaskasten von 72 Meter Seitenlänge ist mit einem Betonbalken-Steg mit der mittelalterlichen Festung Saint-Jean verbunden. Zusammen bilden sie das über 30 000 Quadratmeter große Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers (MuCem).

Das MuCem ist den Geschichten und Visionen der Kulturen des Mittelmeers gewidmet, ihren Beziehungen untereinander sowie ihrem Verhältnis zu Europa. Weltweit gibt es kein Museum, das sich mit diesen Fragen beschäftigt. Im Frühling wird es eröffnet.

Mittelalterliche Festung: Saint-Jean

Marseille 2013. Das sind Bauzäune, hinter denen Großes passiert. Die Uferstraße wird derzeit zu einer Flaniermeile umgestaltet, auf der die Terrasses du Port entstehen, ein riesiges Shoppingcenter. Marseille 2013. Das sind auch die Straßen um den Bahnhof Saint Charles herum, wo eine Stimmung herrscht wie auf der anderen Seite des Meeres. Eine Stadt zwischen Okzident und Orient, eine Stadt, die anders ist. Noch.

Von Sabine Glaubitz, dpa

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