Erst kam die Postkarte aus Palermo. Darüber haben sich in Oberaudorf Bürgermeister Hubert Wildgruber und Standesbeamtin Angelika Sonntag sehr gefreut. Von ihnen hatte sich das Hamburger Weltenbummler-Paar Silke Groß (62) und Peter Huep (61) auf dem Weg nach Sizilien trauen lassen. Nun war es leider kein weiterer Urlaubsgruß, der die Gemeinde aus Polen erreichte, sondern eine furchtbare Nachricht: Das Paar ist bei Warschau brutal ermordet worden. „Wir sind sehr betroffen und entsetzt“, so Wildgruber und Sonntag.
Verliebt, verlobt, verheiratet: Silke Groß und Peter Huep lassen sich dafür sehr lange Zeit. Über zwei Jahrzehnte sind sie schon zusammen, ehe sie sich das Ja-Wort geben – in Oberaudorf, auf der Durchreise von Hamburg nach Sizilien; wenn man so will, typisch oder standesgemäß für ein Paar, das es schon immer in die Ferne zog.
Ein Wiedersehen mit den sympathischen Abenteurern wird es aber nicht mehr geben. Denn die Geschichte, die an einem Frühlingstag in Oberaudorf den Start in einen glücklichen Lebensabend verheißt, endet grausam.
13 Monate später, kurz vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft in Polen, vermutlich gegen 22 Uhr, werden Silke Groß und Peter Huep am südlichen Stadtrand von Warschau von unbekannten Mördern mit Schüssen und Messerstichen getötet. Vor einem roten Wohnmobil mit deutschem Kennzeichen liege regungslos eine blutüberströmte Frau, teilt eine Spaziergängerin der Polizei mit. Silke Groß ist bereits tot, als Fahnder und Retter kurz danach am Tatort, eine Schotterpiste an einer sechsspurigen Schnellstraße, eintreffen.
Die Deutsche starb durch vier Schüsse in Kopf und Oberkörper, werden Gerichtsmediziner einen Tag später bei der Obduktion feststellen. Im Führerhaus, zwischen den Vordersitzen des aufwändig zum Wohnmobil umgebauten VW Crafter, finden die polnischen Einsatzkräfte ihren Ehemann – mit einem Kopfschuss und einer Stichverletzung am Hals. Der 61-Jährige atmet noch, stirbt aber auf dem Weg ins Krankenhaus. Die Ermittler der Warschauer Polizei sprechen von einem brutalen und rätselhaften Verbrechen. Dass es sich um einen Raubmord handelt, bezweifeln sie. Im Schrank des Wohnmobils haben sie den Geldbeutel, Papiere und das Handy gefunden, auch die Armbanduhren und den Schmuck der Opfer haben die Mörder am Tatort zurückgelassen.
„Ein sehr merkwürdiger Fall“, sagt der zuständige Staatsanwalt. Eine heiße Spur gibt es bis heute nicht. Im Oberaudorfer Rathaus reagiert man auf das Verbrechen mit großer Fassungslosigkeit und Bestürzung. Persönlich kennengelernt haben Bürgermeister und Standesbeamte das Brautpaar erst am Hochzeitstag, aber schon vor der Heirat war es zu zahlreichen Telefonaten mit den Rentnern – er ein ehemaliger Schadensregulierer bei einer Versicherung, sie Buchhalterin – gekommen. Schließlich galt es, alle für den feierlichen Akt notwendigen Unterlagen und Dokumente von Hamburg nach Oberaudorf zu übermitteln.
Auch nach dem 26. April reißt der Kontakt nicht ab. Erst kommt die Postkarte, dann E-Mails, in denen sich das Paar bedankt und Reiseeindrücke schildert. Eine Mail hat Angelika Sonntag noch immer im Postfach ihres Rechners – „weil sie so außergewöhnlich nett und herzlich war“. Sogar eine CD mit den schönsten Reiseaufnahmen schicken die Hamburger nach Oberaudorf. Sie erzählen auch davon, wie sie den roten VW Crafter gekauft und den sechs Meter langen Kastenwagen zum allradbetriebenen Wohnmobil umgebaut haben – für über 70 000 Euro. Das Geld aus der Lebensversicherung und das gesamte Ersparte haben sie in das Fahrzeug investiert. Die Heirat sollte der Start in ein neues Leben sein. In Oberaudorf drückte man dem Paar hierfür fest die Daumen. Doch ein Happy-End war ihm nicht vergönnt.
Ludwig Simeth/Oberbayerisches Volksblatt

























