Verleumdung der toten Zugführer

Wirre Behauptung: Aiblinger Zugunglück ein Terroranschlag

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Bad Aibling - Die Zugtragödie von Bad Aibling ist erst einen Monat her. Eine Seite auf Facebook, der fast zwei Millionen Menschen folgen, verdächtigt nun die Zugführer eines terroristischen Anschlags.  Tausende glauben daran und teilten diesen Beitrag bereits. 

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Themenseite zum Zugunglück von Bad Aibling

Über 1,8 Millionen Menschen folgen auf Facebook der Seite "Anonymous" - die überwiegende Mehrheit glaubt wohl, dass dahinter das Hacker-Kollektiv steht. Dieses hat durch Aktionen gegen Scientology, den Ku Klux Klan oder zuletzt gegen den IS weltweit Sympathien in der Netzgemeinde gewonnen. Doch längst ist bekannt, dass hinter dieser Facebook-Seite eben nicht die Hacker-Bewegung Anonymous steckt! Auch wenn die Seite sich so ausgibt: Guy-Fawkes-Maske im Profilbild, der Anonymous-Spruch in der Infobox: "Hallo Welt! Wir sind Anonymous. Wir sind viele. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Erwartet uns."

Falsche Anonymous-Seite postet immer wieder Verschwörungstheorien

Tatsächlich wird die Seite betrieben von Mario Rönsch. Es geht ihm als Admin nicht um eine freiheitliche Netzpolitik ohne Zensur, wofür sich Anonymous hauptsächlich einsetzt. Stattdessen handelt es sich bei den Inhalten insbesondere um Verschwörungstheorien aus der rechtspopulistischen Ecke, die man auch immer wieder auf Blogs wie PI News, im Compact Magazin oder bei den Publikationen des Kopp Verlags findet. 

Zugtragödie pietätlos für politische Zwecke missbraucht

Seit dem 5. Februar postete Rönsch nichts mehr auf der Facebook-Seite. Nun meldete er sich am Dienstag zurück - pietätlos genau einen Monat nach dem Zugunglück von Bad Aibling mit wilden Spekulationen über die Ursache.

In dem Beitrag wird nämlich die Tragödie, bei der elf Menschen starben, zu politischen Zwecken missbraucht. In einem gänzlich spekulativen Artikel ohne belegbare Fakten - und gegen die in einer Pressekonferenz veröffentlichten Informationen von Polizei und Staatsanwaltschaft zum Ermittlungsstand. Es wird suggestiv mit dem Gedanken gespielt, die Antifa habe einen terroristischen Anschlag verübt. Doch nicht nur militante Antifaschisten sollen dahinterstecken, sondern sogar linke Parteien: Es "verdichten sich die Hinweise, dass es sich bei dem 'Unfall' in Wirklichkeit um einen Terroranschlag gehandelt haben könnte, der auf das Konto der staatlich finanzierten rot-grünen ANTIFA geht", behauptet die Facebook-Seite. 

Nach dem frontalen Zusammenstoß zweier Züge Anfang Februar in der Nähe von Bad Aibling in Bayern, bei dem insgesamt elf...

Posted by Anonymous on Dienstag, 8. März 2016

Tausende teilten diesen Beitrag bereits

Nun könnte man diese skurrile Verschwörungstheorie einfach ignorieren - doch bedauerlicherweise glauben tausende Facebook-User nur zu gerne, was ihnen dort aufgetischt wird. Hunderttausende sahen diesen Artikel in ihren Facebook-Timelines , weil so viele eben diese Seite noch immer in ihrer Like-Liste haben und so über eine enorme Reichweite verfügt.  Fast 4000 Menschen teilten diesen Beitrag (Stand 6.15 Uhr, 10. März). In den Kommentaren äußern sich einige "gläubige" User empört über die Antifa:  "Ehrlich gesagt, war das mein erster Gedanke!" oder "Und der Fahrdienstleiter wird nun als Sündenbock vorgeführt, der arme Kerl". 

Zugführer von Facebook-Seite in den Verdacht gerückt

Tatsächlich wird in dem Artikel nicht der Fahrdienstleiter, dafür aber einer der verstorbenen Zugführer als möglicher linksextremer (Selbstmord-)Attentäter verdächtigt. Hierzu werden Zitate von Karl-Dieter Bodack, einem ehemaligen Entwicklungsingenieur der DB, ausgenutzt, der von der Huffington Post Deutschland direkt nach der Entgleisung der Züge befragt wurde. Als noch die Rettungskräfte vor Ort im Einsatz waren, spekulierte Bodack bereits über einen absichtlichen Eingriff zur Abschaltung des Sicherungssystems durch einen Zugführer. 

Staatsanwaltschaft: "Vorsätzliches Fehlverhalten scheidet aus"

Nach tagelangen Ermittlungen der Polizei, der Befragung von Zeugen, des Fahrdienstleiters und der Auswertung von Beweismaterial, konnte die Ursache jedoch erst näher beleuchtet werden. 

Am 16. Februar gab es hierzu eine Pressekonferenz von Polizeipräsident Robert Kopp, Oberstaatsanwalt Wolfgang Giese und Kriminaldirektor Bernd Hackl, dem Leiter der Sonderkommission, zu den Ermittlungen (siehe Video unten). In einer dazu veröffentlichten Pressemitteilung der zuständigen Traunsteiner Staatsanwaltschaft hieß es: "Der Fahrdienstleiter hat sich (...) einer mehrstündigen Vernehmung gestellt und sich in allen Einzelheiten zu seinem Verhalten im Zusammenhang mit der Zugabwicklung vor dem Unfallgeschehen geäußert. Sein Verhalten ist nicht mit dem für ihn geltenden Regelwerk als Fahrdienstleiter in Einklang zu bringen. Hätte er sich regelgerecht – also pflichtgemäß – verhalten, wäre es nicht zum Zusammenstoß der Züge gekommen. Ein vorsätzliches Fehlverhalten scheidet allerdings aus."

Die Anonymous-Facebookseite spielt trotzdem weiter mit diesem Zitat vom Tag des Unglücks und verleumdet damit das Ansehen der verstorbenen Zugführer. Ohne Belege, ohne irgendein Bekennerschreiber, ohne Anstand.

PK der Staatsanwaltschaft und Polizei zu den Ermittlungen:

mg

Rubriklistenbild: © Screenshot Facebook/Anonymous.Kollektiv

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