OVB-Serie zur Leukämie

Wenn Killer ein System angreifen

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Die Grafik zeigt die verschiedenen Phasen der Stammzellen-Transplantation und die kritischen Zeiträume für den Patienten. In der Konditionierungsphase wird durch eine hochdosierte Chemotherapie das eigene Immunsystem komplett zerstört. Dann kommt die Phase der Aplasie: Das frische Immunsystem und die Blutbildung müssen gewissermaßen im Körper „heimisch“ werden und dürfen diesen nicht als „fremd“ identifizieren und abstoßen. In der Phase „Take“ hat das geklappt, in der Posttransplantphase haben die Systeme ihre Arbeit aufgenommen.

Rosenheim/Landkreis – Eigentlich geht es zu wie in einem Thriller. Ein Gewalttäter holt sich zur Verstärkung weitere Kriminelle und greift mit seiner Übermacht das System an. Dieses reagiert und schickt seine Abwehrspezialisten los. Sie treffen auf die Kriminellen, doch diese tarnen sich als Biedermänner und machen dem Einsatzkommando klar: Fehlalarm! Es ist gar nichts los, geht ruhig wieder nach Hause. Und tatsächlich: Die Abwehrspezialisten lassen sich einlullen und ziehen unverrichteter Dinge wieder ab. Dann kommt es zum Showdown. Das System wird übernommen. Doch es schlägt zurück!

„Akute Leukämie ist eine sehr aggressive Tumorerkrankung. Extrem schnell werden völlig gesunde Menschen zu Todkranken“, erklärt Professor Dr. Rudolf Pihusch vom Medizinischen Versorgungszentrum Praxis Pihusch in Rosenheim. Der Onkologe und Hämatologe betreut in seiner Praxis mit Tagesklinik auch Leukämiepatienten.

Eine Stammzelle vermehrt sich plötzlich ungehemmt, sehr rasch bricht dann die gesamte Blutbildung des Menschen zusammen. „Das kann innerhalb von Tagen passieren“, so der Mediziner.

OVB-Serie Leukämie:

Wie in einer Fabrikhalle werden im Knochenmark nahezu pausenlos Stammzellen gebildet, doch aus bisher ungeklärter Ursache entartet eine: Sie teilt sich ungehemmt und verdrängt so gewissermaßen die Produktion gesunder Zellen. Die vielen weißen unreifen Blutzellen, sogenannten Blasten, überschwemmen schließlich das Blut. „Der Patient kämpft mit Schlappheit, mit Müdigkeit und Atemnot. Wegen der fehlenden Granolozyten ist die bakterielle Abwehr im Keller“, beschreibt Pihusch das Krankheitsbild. Schnelles Handeln sei dann geboten.

In einer ersten Behandlungsschiene wird versucht, den Patienten zu stabilisieren. „Das geht allerdings nicht ambulant. Der Erkrankte muss in eine spezialisierte Klinik.“ Mit Antibiotika werde versucht, die Infekte in den Griff zu bekommen.

In der zweiten Behandlungsschiene werden durch eine intensive Chemotherapie die Tumorzellen zerstört. „Zuvor untersuchen wir das Knochenmark und analysieren so präzise die genaue Unterart der Leukämie. Es geht um die genetische Ausstattung der Tumorzelle. Entsprechend passen wir die Therapie an“, so Pihusch.

Bei der Chemotherapie greifen ausgesuchte Zellgifte die Tumorzellen an und töten sie, sobald sie sich teilen. „Das Besondere ist, dass ruhende Zellen nicht von diesen Giften angegriffen werden.“ Wenn nötig, werde die Chemo in weiteren Zyklen wiederholt, um auf diese Weise möglichst alle Krebszellen abzutöten. „Das gelingt uns in rund 15 Prozent aller Fälle. In rund 85 Prozent kommt die Leukämie wieder“, so der Onkologe.

Dabei habe der Patient mit erheblichen Nebenwirkungen zu kämpfen. Nicht nur fallen ihm –- weil eben jede Zellteilung und damit Zellerneuerung unterbunden wird – alle Haare am Körper aus, auch die Schleimhaut von Magen und Darm wird angegriffen, ebenso die Mundschleimhaut.

Sollten mit der Chemotherapie nicht alle Krebszellen erwischt worden sein, helfe nur noch eine Transplantation, um das Leben des Patienten zu retten. „Das große Problem ist, einen geeigneten Spender zu finden. Denn der Erkrankte bekommt ein neues Immunsystem und gleichzeitig eine neue Blutbildung eingepflanzt. Und dieses neue Transplantat darf nicht auf die Zellen des Empfängers aggressiv losgehen. Deshalb müssen die genetischen Merkmale so ähnlich wie möglich sein“, umreißt Pihusch die Problematik.

Jeder Mensch habe auf jeder Körperzelle einen speziellen Marker (HLA) sitzen, der den Abwehrzellen signalisiere, wer Freund oder Feind ist. „Diese HLA-Typisierung ist also entscheidend. Doch es gibt Millionen verschiedener Konstellationen.“

Prof. Dr. Rudolf Pihusch in seiner Praxis.

Sobald in den weltweiten Datenbanken ein geeigneter Spender gefunden wurde, wird mit einer sehr hochdosierten Chemotherapie begonnen. Ihr Ziel: die komplette Zerstörung des eigenen Immunsystems. Das ist die Konditionierungsphase, sie dauert rund eine Woche. Am Ende dieser Woche hat der Erkrankte kein eigenes Immunsystem und keine eigene Blutbildung mehr. „Alles stürzt in den Keller.“ Das Infektionsrisiko liegt bei rund 60 Prozent, der Patient liegt in einer speziellen Transplant-Einheit einer Uniklinik. Sterile Luft wird über spezielle Anlagen eingeblasen. „Nur wenige Personen mit komplettem Vollschutz haben noch Zugang zum Patienten. Besonders gefährlich sind Pilze (Mykosen) und bakterielle Keime, die im Darm des Leukämiekranken lauern“, macht Pihusch diese dramatische Phase deutlich. In nur rund einer Stunde wird dann die Bluttransfusion mit den gesunden Stammzellen und dem neuen Immunsystem eines geeigneten Spenders übertragen.

Doch dann beginnt die nächste schwierige Phase (Aplasie), die rund drei Wochen dauert. Die bange Frage lautet: Funktioniert die Transplantation? Nehmen die gesunden Stammzellen ihre Arbeit im neuen Körper auf und produzieren sie ordentliche rote und weiße Blutkörperchen und frische Blutplättchen? Und was macht das neue Immunsystem? Akzeptiert es seinen neuen Körper, fühlt es sich dort wohl oder merkt es, dass hier ein fauler Trick läuft? Die größte Gefahr in dieser Zeit ist die Abstoßungsreaktion („Graft versus host“ - GVH). Hauptsächlich Darm, Haut und Leber sind davon betroffen. 60 Prozent der Patienten leiden unter einer solchen „GVH“. „Hier müssen wir sofort einschreiten und das Immunsystem dämpfen, wobei natürlich damit wieder das Infektionsrisiko steigt.“ Diese Phase dauert etwa sechs bis zwölf Monate.

Heilungsrate liegt bei rund 90 Prozent

Patienten, die es bis hierher geschafft haben, haben eine sehr hohe Heilungsrate. Sie liegt bei über 90 Prozent“, sagt Pihusch. Rund ein Drittel der Patienten erreicht diese Stufe. Allerdings sterben schon rund ein Drittel bei der Transplantation durch Infekte und ein weiteres Drittel erliegt den Abstoßungsreaktionen.

Doch warum diese eine Zelle plötzlich aus der Reihe tanzt und ein Tumor entsteht, ist noch unklar. Nur soviel weiß man: Ein Tumor wird zum Tumor, wenn das körpereigene Immunsystem abgeschaltet wird. Die entartete Zelle macht den Abwehrzellen im Körper weis, dass sie doch mal Pause machen sollen. Aber warum fallen sie auf diesen plumpen Trick herein und lassen sich einlullen? „Bis wir diese Frage beantworten können, wird es wohl noch einige Zeit dauern“, so der Mediziner illusionslos.

Sigrid Knothe (Oberbayerisches Volksblatt)

Stammzellenspender gesucht

Für viele Leukämie-Kranke ist eine Transplantation von Stammzellen die letzte Chance auf Leben. Glücklicherweise eröffnen sich heute dank des Fortschritts in der Medizin weitaus bessere Möglichkeiten für Patienten mit Leukämie als noch vor 20 Jahren. Denn nicht immer genügt eine Chemotherapie wie bei Julia. Fakt ist: Weltweit erkrankt alle 35 Sekunden ein Mensch an Blutkrebs. Es ist oft ein Wettrennen mit der Zeit, bis ein geeigneter Spender gefunden ist. Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) mit Hauptsitz in Tübingen sammelt medizinische Spenderdaten, die für eine Transplantation nötig sind. Eine Registrierung mit einem Wattestäbchen von der DKMS genügt. Ausführliche Info dazu unter www.dkms.de.

OVB-Serie Leukämie:

In der OVB-Serie zum Thema Leukämie veröffentlichen wir morgen den letzten Artikel:

  • DKMS: Weltweit größte Datenbank (Interview mit Sabrina Krüger, Teamleiterin "Spendenneugewinnung" bei der DKMS)

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