Shitstorm auf Facebook gegen Rosenheimer Lokal

AfD demonstriert gegen "Mail Keller"-Wirt und Claudia Roth

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Rund 15 Aktivisten der Jungen Alternative, aber auch der bekannte rechte Aktivist Peter Meindl (Bildmitte), protestierten am Mittwoch teilweise lautstark vor dem "Mail Keller".

Rosenheim - Parallel zum Neujahrsempfang der Grünen mit Claudia Roth im "Mail Keller", fand vor der Tür eine Demo der Jungen Alternative Rosenheim (JA) statt. Was die Jugendorganisation der AfD auf die Straße trieb, war vor allem der Wirt des Lokals. 

Kommentar: 
Facebook-Shitstorm: Schlechter Stil der AfD

Die JA wiederum stand am Mittwochabend nicht alleine in der Eiseskälte vor dem Gasthaus, denn auch zahlreiche Polizeikräfte und etwa 20 Aktivisten von "Rosenheim nazifrei" gesellten sich in einer Gegendemo dazu. Es blieb friedlich, zuweilen aber lautstark aufgrund eines gellenden Trillerpfeifen-Konzerts der AfD-Mitglieder. Ein kroatischer Staatsangehöriger wurde festgenommen, da er den Hitlergruß zeigte. Laut Angaben von Polizeisprecher Jürgen Thalmeier hatte dieser Mann jedoch keinen direkten Bezug zur AfD-Demo. Für einen Anstieg des Altersdurchschnitts inmitten der JA-Aktivisten sorgte der bekannte rechte Aktivist Peter Meindl. 

Darum demonstrierten die AfDler

Die Junge Alternative (JA) echauffierte sich darüber, dass zwar die Grünen ihre Veranstaltung im "Mail Keller" abhalten durften, ihnen selbst aber "kurzfristig" ein bereits reservierter Termin von Wirt Menderes Tümay abgesagt wurde. Ursprünglich sollte nämlich am 31. Januar im "Mail Keller" ein Politischer Frühschoppen mit dem AfD-Europapolitiker Marcus Pretzell stattfinden. 

Im Eilverfahren meldete die Jugendorganisation daraufhin für den Mittwochabend eine Demonstration unter dem offiziellen Motto "Ausschluss der AfD bei Elefantenrunden" an, wie Maximilian Mertens, Vorsitzender der Rosenheimer JA, unserer Redaktion mitteilte. Dabei spielte die JA auf die TV-Talkrunden des SWR im Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz an. Die Grünen und die SPD hätten mit einer Boykott-Drohung die Fernsehanstalt zur Nicht-Einladung der AfD gezwungen. Claudia Roth als Politikerin würde zudem die AfD immer wieder fälschlicherweise ins die rechtsextreme Ecke stellen, beklagte Mertens gegenüber rosenheim24.de. 

Daher der Protest an diesem Abend vor dem Mailkeller. Tatsächlich schien es aber vor allem um den Veranstaltungsort zu gehen. Dem Wirt wirft die JA Vertragsbruch und Unzuverlässigkeit vor. Er habe sich von anderen Parteien instrumentalisieren lassen und handle mit der Terminabsage undemokratisch. 

Indirekt rief die JA dann im Netz zu negativen Bewertungen auf der Facebook-Seite des Lokals auf (siehe Screenshot)– und das zeigte Wirkung! Ein regelrechter Shitstorm braute sich am Mittwoch zusammen und Dutzende negative Sterne-Bewertungen und Kommentare wurden hinterlassen, was sich auf die Gesamtbewertung der Gaststätte auf Facebook auswirken sollte. Dies kann durchaus geschäftsschädigende Auswirkungen haben. Doch dagegen wehrten sich ebenfalls viele Freunde des Lokals. So riefen unter anderem der Vorsitzende des CSU-Ortsverbands, Daniel Artmann, als auch der SPD-Stadtrat Abuzar Erdogan über Facebook zur Solidarisierung mit dem Wirt Tümay auf. 

Fotos von der Demonstration: 

Protest der Jungen Alternative vor dem "Mail Keller"

Das sagt der "Mail Keller"-Wirt zu den Vorwürfen

Im Gespräch mit rosenheim24.de erklärte Menderes Tümay, dass er bereits am 11. Januar mit dem Aiblinger AfD-Mitglied Andreas Winhart, telefoniert habe. Winhart ist Landesvorsitzender der JA-Bayern. Er habe ihm "ganz freundlich" die Reservierung abgesagt und sich auch dafür entschuldigt.

Von Winhart sei er persönlich enttäuscht. Er zählte den Aiblinger, ebenfalls wie den Rosenheimer JA-Vorsitzenden Mertens, bislang zu seinen Stammgästen, die "immer sehr gern gesehen" waren. Winhart habe jedoch am Telefon "sehr negativ" reagiert – mehr will Tümay darüber hier nicht öffentlich lesen. Dass die AfD-Mitglieder nun sein Lokal meiden wollen, könne er schon nachvollziehen, nicht aber den von ihnen provozierten Shitstorm auf Facebook und die Art der Reaktion am Telefon.

Doch warum kam es zur Absage? Tümay beschreibt sich als Mann ohne Parteigesinnung, seine Tür stehe "allen Menschen offen, solange sie sich verhalten wie Gäste". Jedoch hätten ihn "Mitglieder aus drei Parteien, die sich bei anderen Fragen keineswegs immer einig sind", darauf aufmerksam gemacht, dass die JA für den 31. Januar bei ihm einen Saal gemietet habe. Dies hätten die Betreffenden über die Facebook-Seite der Jungen Alternative mitbekommen. "Weil ich keine festgelegte politische Gesinnung habe, war mir die Radikalisierung der Partei nicht bekannt", so Türnay. Erst am 11. Januar sei ihm somit klar geworden, was für eine Veranstaltung dort in seinem Lokal stattfinden sollte und welche Partei dahintersteckte. 

Aus seiner Sicht ist die Absage - 20 Tage vor dem geplanten Termin - aber noch rechtzeitig erfolgt, um einen anderen Veranstaltungsort zu finden.

So reagierten die Grünen auf den Trubel um den Mail Keller 

Claudia Roth im "Mail Keller".

Alle Rednerinnen der Grünen an diesem Abend bedankten sich bei Wirt Menderes Tümay. Die stellvertretende Landrätin Andrea Rosner würdigte in ihrer Begrüßung den "gelassenen Umgang" von Tümay, mit dem, was "heute über ihn hereingebrochen ist". Einen Neujahrsempfang der Rosenheimer Grünen unter Polizeischutz, aufgrund der Demo und Gegendemo vor der Lokaltür, habe es jedenfalls noch nie geben müssen. Rosner forderte den Wirt auf: "Lassen Sie sich nicht entmutigen!" Die Landtagsabgeordnete Claudia Stamm hob lobend hervor, dass Tümay bei seiner Haltung geblieben sei und Claudia Roth bezeichnete ihn als "mutigen bayerisch-türkischen Wirt". 

Der Wintergarten des "Mail Kellers" war mit rund 100 Gästen der Grünen proppenvoll und die AfD-Jugend hat nach eigenen Angaben auch bereits einen neuen Veranstaltungsort gefunden. Am Ende dieses turbulenten Tages kehrte im und um den "Mail Keller" herum Ruhe ein – bald dann auch auf der Facebook-Seite des Lokals?

mg

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