Mit Briefen in Bayerns Vergangenheit reisen

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Andreas Borcherding und Bettina Mittendorfer während der Lesung im Bauernhausmuseum Amerang.
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Andreas Borcherding und Bettina Mittendorfer während der Lesung im Bauernhausmuseum Amerang.

Amerang - Das Bauernhausmuseum hat dem Schriftsteller Ludwig Thoma einen Abend gewidmet. In der Lesung wurden die echte und fiktive Person Josef Filsner dargestellt.

Nicht nur deftig-bairisch, sondern sehr politisch und ein echtes Zeitdokument sind die berühmten Filser-Briefe von Ludwig Thoma. Richtig spannend wird es aber, wenn man diese Briefe mit Passagen aus den Memoiren Georg Eisenbergers zusammenbringt. Diesen ganz speziellen Einblick hat das Bauernhausmuseum Amerang des Bezirks Oberbayern jetzt bei einer Lesung mit hervorragender musikalischer Begleitung gewährt.

Dass der Minghardinger Abgeordnete Filser Jozef im „bairischen Barlamend“ eine fiktive Figur von Ludwig Thoma ist, wissen in Bayern viele. Aber wenigen ist bekannt, dass mit Josef Filser ein Denkmal für Georg Eisenberger gesetzt wurde, den Vorsitzenden des Bayerischen Bauernbundes und Abgeordneten der ersten Räterepublik.

Bettina Mittendorfer und Andreas Borcherding blätterten unter dem Titel „Und alles, was ich so liebte, ist im Untergang“ einen Bilderbogen bayerischen Lebens aus dem frühen 20. Jahrhundert auf. Wirklichkeit und Fiktion vermischten sich bei der Lesung aus den Filser-Briefen, die durch die Memoiren des Ruhpoldingers Georg Eisenberger und weiteren Zeitdokumenten ergänzt wurden. Für die bunte Auswahl, die spannende Kombination sowie die gelungene Präsentation der beiden beliebten bayerischen Schauspieler und für die musikalische Umrahmung von Rainer Gruber gab es viel Beifall im Bauernhausmuseum Amerang.

Georg Eisenberger, war wohl ein echtes politisches Talent. So beschloss er schon früh, dass er Geistlicher werden wolle, „weil ich großes Interesse am Predigen hatte“ und stellte sich vor, dass er „von der Kanzel herab auf die Gläubigen einreden kann und die dürfen nicht widersprechen“. Als Politiker und Mitbegründer des Bayerischen Bauernbundes hat er sich viele Jahre für die Belange der Bauern eingesetzt und es bis in den Deutschen Reichstag gebracht. Anfang der 1930er Jahre zog sich Eisenberger, der ein entschiedener Gegner der Nationalsozialisten war, aus der Politik zurück.

Bei Josef Filser war der Anfang ein wenig anders: „Ich habe als Man des Folkes nichd gewißt das ich zur Regierung berufen bin sontern inser hochwirninger her Bfarrer hat es entdekt. Seit 1899 gehere ich zum Barlamend und ist es mein Bemiehen gerechd zun regihren.“ Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht, denn zum Beispiel geht „die Bolidik erst sehr spät an“. Erst um 10 Uhr musste man im Parlament sein. Vorher bot sich Zeit für einen Spaziergang durch München und für Weißwürste beim Donisl. Leider traf der Filser dabei auch auf ein „schlechtes Mensch“. Die angeblichen oder wirklichen Folgen dieser Begegnung waren Anlass für einen Brief an den Herrn Pfarrer in „Mingharding Bosd daselbst“, in dem dieser unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses gebeten wurde, die möglichen Folgen von Filsers lieber Ehefrau fern zu halten. Eine Spende von 100 Mark, „zwei Anten, eine Gans und eine Flasche Zwetschgenschnaps“ war dem Filser Jozef dieser Einsatz des Pfarrers zum Wohl des Ehelebens wert.

Aber auch ohne die Anfechtungen der großen Stadt war das Leben als Abgeordneter kein Honigschlecken. In einem anderen Brief an den Herrn Pfarrer beklagt Filser, dass es so schwer sei zu regieren und dass er sich an Weihnachten gar nicht nachhause traue, so viele harsche Briefe mit Androhung von Schlägen hagele es aus seinem Wahlkreis von unzufriedenen Bürgern. Er sei nicht gewählt, um für das Vaterland den Tod durch einen Zaunstecken zu erleiden, beschwert sich der Filser Jozef.

Im wirklichen Leben Georg Eisenbergers prägten staatliche Enteignungen, Willkür der Lehnsherren, Armut und Unterdrückung der Bauern die Zeit und führten letztendlich zur Gründung des Bayerischen Bauernbundes, dem Eisenberger viele Jahre vorstand.

Aus der Verschmelzung des wahren und des fiktiven Lebenslaufes der beiden Politiker erklärten Mittendorfer und Borcherding politische Agrargeschichte, zeichneten den Aufstand der Bauern wegen Ungerechtigkeiten beim Holzbezugsrecht nach, ebenso wie die Abdankung König Ottos und die Absetzung von König Ludwig III., die Revolution und die Räterepublik in München. Und dem Publikum wurde klar, warum es so kommen musste, wie es dann kam.

Die örtliche Museumsleiterin Dr. Claudia Richartz hatte nicht zuviel versprochen, als sie die Lesung von Bettina Mittendorfer und Andeas Borcherding als einen sozialkritischen Abend mit weiß-blauen Geschichten und ernstem Augenzwinkern ankündigte. Denn die beiden Schauspieler und der Musiker Rainer Gruber nahmen die Zuschauer mit auf eine Reise in die bayerische Vergangenheit, die Bezüge zu unserer Wirklichkeit heute erkennen ließ: Politiker mit ihren Erlebnissen und Anfechtungen beim Regieren, die Bedeutung des heimischen Wahlkreises und manche Undankbarkeit der Wähler, falls die Wohltaten der Politik nicht genau deren Vorstellungen entsprechen.

Pressemitteilung Bauernhaus Museum Amerang

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