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Länger daheim bleiben: Wer kann sich das noch leisten?

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Bad Reichenhall/Landkreis - Unsere Reporterin Christine Stanggassinger stellt sich die Frage, ob Mütter heutzutage überhaupt noch eine echte Wahlmöglichkeit haben. Ein Kommentar:

Als Mutter beschäftigt mich seit gut drei Jahren das Thema Kinderbetreuung. Vor allem in Bayern leisten es sich noch einige Mütter, die ersten drei Lebensjahre ihrer Kinder zuhause zu bleiben und ihre Kinder nicht abzugeben. Doch gibt es heutzutage diese Wahlmöglichkeit überhaupt noch?

Eine Nachricht im sozialen Netzwerk Facebook ließ mich vor zwei Wochen aufhorchen.

Da fragte eine Mutter: "Bei mir persönlich ginge es um zwei Plätze ab September und in jedem Kindergarten in Bad Reichenhall wird mir gesagt: 'Das sieht schlecht aus'. Vielleicht würde es helfen, wenn wir uns zusammenschließen, um in der Stadt etwas zu bewirken?"

Auf Nachfrage bei der Stadt wurde mir bestätigt, dass in Reichenhall durchaus höherer Bedarf vorhanden ist als Betreuungsplätze zur Verfügung stehen. Man arbeite aber an einer Lösung. 

bgland24.de-Reporterin Christine Stanggassinger ist selbst Mutter und hat sich bei anderen Eltern umgehört.

Gibt es diese Problematik in den anderen Gemeinden im Berchtesgadener Land auch? Das war die nächste Frage, die mir in den Sinn kam. Meine Nachforschungen ergaben: Die anderen Gemeinden im Landkreis haben nach der Gesetzesänderung, wonach ab dem 1. August 2013 jedes Kind ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz hat, reagiert. Lediglich in Bischofswiesen und Teisendorf ist die Situation ebenfalls angespannt, aber die entsprechenden Maßnahmen laufen, um allen Kindern eine Betreuung zu ermöglichen.

Die dritte und letzte Frage, die sich mir dann in dem Zusammenhang stellte, war: Warum brauchen wir eigentlich so viele Betreuungsplätze? Ging es uns als Kindern schlecht, als wir die ersten drei Lebensjahre zuhause mit unserer Mama verbrachten? 

Nein, es ging uns gut, wir durften unbeschwert Kind sein und unsere Mütter, die konnten noch entspannt Mütter sein und als Hausfrauen daheim bleiben. 

Doch haben Mütter heutzutage wirklich noch die Wahl, drei Jahre nicht zu arbeiten, davon ein bis zwei Jahre kein Geld zu verdienen und nur mit dem Gehalt des Partners zu leben?

Die Berliner Politik hat eine Gruppe von Müttern übersehen

Aus meiner Sicht nicht. Und auch die Mütter, die auf die Facebook-Anfrage reagierten, offenbar nicht. "Ich hoffe, dieses Jahr auf einen KiTa-Platz, weil ich unbedingt meine Ausbildung weiter machen muss", schreibt eine Mutter. "Ohne Betreuung kann ich nicht arbeiten", beklagt eine andere. Und über allem schwebt die Frage: Wer kann es sich schon noch leisten, länger daheim zu bleiben?

In der Diskussion um Elterngeld, Betreuungsgeld und Betreuungsplätze wird in Berlin ganz übersehen, dass man mit der Schaffung von Betreuungsplätzen nur einer Wahl den Vorzug gibt: Der Wahl, schnell wieder zu arbeiten. 

Mütter, die ihre Kinder daheim betreuen wollen, müssen entweder finanzielle Einbußen hinnehmen oder einen Spagat zwischen Kinderbetreuung und Arbeit schaffen, der letztlich an die Substanz geht.

Keine Frage, es gibt Mütter, die meistern das problemlos. Und deshalb ist es auch richtig, dass Betreuungsplätze geschaffen werden. Aber Müttern, die bewusst Hausfrau und Mutter sein wollen, sollte finanziell soweit unter die Arme gegriffen werden, dass sie sich eben nicht ein Jahr vor ihrem Arbeitsbeginn schon den Kopf zerbrechen müssen. Über die Frage, ob sie für ihr Kind einen Betreuungsplatz bekommen, der auch ihren Arbeitszeiten entspricht? 

Und kann ich mir den dann auch leisten oder arbeite ich dann nur dafür, dass mein Kind betreut wird?

Kommentar von Christine Stanggassinger (christine.stanggassinger@ovb24.de)

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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