Beinschuss-Direkt mit Matthias Pongratz

"Kann keine Mannschaft trainieren, die ich nicht aufstelle!"

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Streitbar, aber gerade heraus - Trainer Matthias Pongratz (hier noch im Trainingsanzug des SB DJK Rosenheim).

Rosenheim - Bis letzte Woche war er noch Übungsleiter der Landesliga Mannschaft des Sportbund Rosenheim. Zum Saisonwechsel sollte beim SBR auch ein Trainerwechsel erfolgen. Dem kam Matthias Pongratz mit seinem Sofort-Rücktritt in der vergangenen Woche zuvor. Im Interview mit Beinschuss Direkt redet er Klartext und erläutert, warum er aus seiner Sicht zu diesem Schritt gezwungen wurde, wie er die Situation beim Sportbund beurteilt und wie es demnächst mit ihm weitergeht.

Beinschuss Direkt: Servus Matthias! Eigentlich war dieses Interview zu einem anderen Zeitpunkt und unter anderen Vorzeichen geplant. Nun sind wir von den Ereignissen der letzten Woche sozusagen überrollt worden. Die Nachricht von Deinem Rücktritt ist am Freitag eingeschlagen wie eine Bombe. Das ist natürlich Thema - es wird viel geredet in und außerhalb von Rosenheim. Was waren für Dich die ausschlaggebenden Gründe für Dein Ausscheiden zum jetzigen Zeitpunkt?

Matthias Pongratz: Auch ich wurde überrollt. Schade, dass es so gekommen ist. Für meinen Rücktritt gab es nur einen einzigen ausschlaggebenden Grund: Am Vorabend des Spiels gegen Freising, bei dem wir uns fest vorgenommen haben, den lang ersehnten Klassenerhalt zu schaffen, wurde mir von Vereinsseite mitgeteilt, dass ich die von mir eingeplanten Spieler Markus Höhensteiger und Michael Hofer nicht aufstellen darf, damit diese am nächsten Tag in der Kreisliga spielberechtigt sind! Für dieses Kreisligaspiel habe ich übrigens ohnehin schon drei andere Spieler abgestellt. Die Anweisung des Vereins war für mich wie ein Keulenschlag!

Dadurch wurden das Abschlusstraining, in dem wir die Taktik für dieses wichtige Spiel eintrainiert haben, sowie die folgende Mannschaftsbesprechung ad absurdum geführt. Kein Trainer wird bereit sein, dass die Aufstellung seiner Mannschaft, die ja auch die Taktik beeinflusst, vom Verein vorgeschrieben wird. Erst recht dann nicht, wenn der Klassenerhalt noch nicht gesichert ist!

Eigentlich schienen die Dinge geregelt: Der Sportbund wollte ab der nächsten Saison mit einem neuen Konzept („Sportbund 2020“) an den Start gehen. Deine Vorstellungen waren andere. Also entschied man sich in beiderseitigem Einvernehmen, in Zukunft getrennte Wege zu gehen. Der Staffelstab sollte allerdings geordnet zum Saisonwechsel übergeben werden. Nun ist alles anders gekommen. Aus Deiner Sicht überraschend? Oder die logische Folge von Dingen, die in Schieflage geraten waren und einfach nicht mehr gestimmt haben?

Pongratz: Natürlich kam die Trennung nach dieser tollen Rückrunde und so kurz vor Saisonende auch für mich überraschend. Ich hätte die letztlich erfolgreiche Saison sehr gerne auch für mich persönlich zu einem guten Abschluss gebracht. Es ist die erste Trainerstation, die ich nicht zu Ende bringe. Das bedauere ich sehr! Wir hatten Erfolg und eine tolle Stimmung - ich möchte fast schon sagen eine Aufbruchsstimmung - im Kader. Ich finde, sowohl die Mannschaft als auch das Trainerteam hätten es sich verdient, die letzten Spiele unter vernünftigen Bedingungen zu absolvieren.

Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich jemals so kurz vor Saisonende meinen Rücktritt erklären würde. Ich weiß ja, welche Reaktion so ein Schritt auslöst. Ich habe mir aber genauso wenig vorstellen können, dass jemals ein Verein auf diese Art und Weise in meinen Verantwortungsbereich eingreift!

Wie siehst Du das Konzept der zukünftig geplanten engen Verzahnung von Erster Mannschaft, Zweiter Mannschaft und A-Junioren denn generell? Auf dem Papier klingt das doch zunächst einmal aus Vereinssicht sinnvoll – gerade mit dem tollen A-Jugend-Jahrgang. Was siehst Du daran problematisch? Oder ist es einfach nur nicht "Dein Ding"?

Pongratz: Ich kenne das Konzept Sportbund 2020 nicht. Mir hätte schon ein Konzept Sportbund 2016/2017 völlig ausgereicht! Konzepte auf dem Papier sind schön und gut, man muss aber einen Schritt nach dem anderen machen. Dann sehe ich eine Zusammenarbeit und einen Austausch zwischen diesen drei Mannschaften und Trainern überhaupt nicht problematisch. Voraussetzung ist allerdings, dass die Erste Mannschaft Priorität hat und vernünftige Trainingsbedingungen vorfindet!

Sie muss im höheren Amateurbereich getrennt von der Zweiten Mannschaft trainieren, um ein geplantes und sinnvolles Training durchführen zu können. Dafür bräuchte eine Zweite Mannschaft allerdings nicht nur eine Handvoll Spieler, sondern mindestens sechzehn zuverlässige Feldspieler, die regelmäßig im Training anwesend sind und gerne in der Zweiten Mannschaft spielen. In dieser Saison sah die Realität anders aus!

Es ist eigentlich nicht meine Aufgabe darauf hinzuweisen - aber eine Zweite Mannschaft, die nur mit Hilfe der Ersten Mannschaft existieren kann, macht aus meiner Sicht keinen Sinn. Ich kann doch nicht den Kopf dafür hinhalten, dass der SB Rosenheim mit zu wenigen Spielern in die Kreisligasaison gegangen ist!

Was entgegnest Du Leuten, die sagen „Der Pongratz steht halt nur auf fertige Spieler. Und ihm ist nur der Erfolg und das Prestige der gerade von ihm trainierten Herrenmannschaft wichtig.“. Ziehst Du Dir den Schuh an? Oder siehst Du Dich selbst anders?

Pongratz: Erstens: Gibt es solche Leute? Hinter den Kulissen beim Sportbund Rosenheim? Falls ja, dann haben sie meine bisherigen Stationen nicht verfolgt. Gegenfragen: Ist Torhüter Marinus Fazekas, der noch A-Jugend spielen dürfte und die komplette Vorrunde gespielt hat, schon ein fertiger Torwart? Ist der erst achtzehnjährige Leon Volz, der immer von Beginn an spielte, weil er gut war, ein fertiger Spieler? Ist der 21-jährige Maxi Höhensteiger, der von mir eine Führungsrolle im Sturm erhalten und diese Rolle überragend angenommen hat, ein fertiger Stürmer?

Zweitens: Es stimmt, dass ich auf fertige Spieler stehe. Aber im Grunde ist es doch vollkommen egal, ob ein Spieler jung oder alt ist. Hauptsache ist doch, dass er auf dem Platz seinen Mann steht. Es gibt nichts Besseres als eine gute Mischung aus erfahrenen Führungsspielern und jungen, hungrigen Spielern.

Drittens: Ohne zusätzliche fertige Spieler, wie z.B. Florian und Christian Hofmann, die vor der Saison von mir zum Sportbund geholt wurden, wäre die Landesliga nicht zu halten gewesen!

Viertens: Gibt es einen Trainer, dem nicht nur der Erfolg und das Prestige seiner gerade von ihm trainierten Mannschaft wichtig sind? Wirklich? Wer würde den verpflichten? Wenn das Leute über mich sagen, haben sie vollkommen Recht!

Wo lagen für Dich die größten Schwierigkeiten bezüglich der Abstellung bestimmter Spieler aus dem Landesliga-Kader der Ersten für die abstiegsbedrohte Zweite in der Kreisliga? Verstehst Du die Fußballabteilung nicht auch, dass sie dem hoffnungsvollen Nachwuchs eine Entwicklungsmöglichkeit innerhalb des eigenen Vereins sichern will? Den Klassenerhalt in der Landesliga hattet ihr zu diesem Zeitpunkt ja praktisch schon geschafft.

Pongratz: Tatsächlich? Nach meiner Rechnung war der Klassenerhalt erst nach dem Sieg gegen Töging erreicht, übrigens mit Michael Hofer, den ich sehr gerne auch eine Woche zuvor gegen Freising aufgestellt hätte, was mir aber von Vereinsseite untersagt wurde! Unwahrscheinlich hin oder her - ich hätte nicht die Verantwortung dafür übernehmen wollen, wenn Töging gewonnen hätte und gleichzeitig die anderen Spiele, wie schon so oft in dieser Rückrunde, ungünstig für den SBR verlaufen wären.

Zuerst müssen doch die Ziele der Ersten Mannschaft erreicht sein, bis man sich anderen Zielen zuwenden kann. Bis zum Erreichen dieses Zieles muss ich als Cheftrainer die bestmögliche Mannschaft aufstellen und kann nicht immer darauf achten, wer für die Zweite Mannschaft spielberechtigt ist. Wir bewegen uns doch im höheren Amateurbereich und sind keine Freizeitmannschaft! Außerdem möchten Mannschaft und Trainer auch nach Erreichen des Klassenerhalts eine möglich gute Platzierung erreichen! Nebenbei bemerkt ist alles andere Wettbewerbsverzerrung in den verbleibenden Landesligaspielen.

Ich bin froh, dass es mir gelungen ist, aus einer Mannschaft, die am Boden war, eine intakte Landesligamannschaft zu formen, die in der Rückrunde den Fußball spielte, den ich mir wünsche und dabei unglaublich konstant war. Dabei hatte ich überhaupt keine Probleme mit der Abstellung von Spielern für die Zweite Mannschaft. Wenn ein Spieler Spielpraxis braucht oder es Sinn macht, in der Zweiten zu spielen, stelle ich ihn selbstverständlich sehr gerne ab. Aber das entscheidet immer noch der Trainer und nicht der Verein! Ansonsten braucht der Verein keinen Trainer!

Was mich so vor den Kopf stößt, ist die Tatsache, dass Werner Wirkner und ich ständig in Kontakt waren, wir regelmäßig zusammen trainiert haben und uns bezüglich der Abstellung von Spielern immer einig waren. Warum der Verein das anders sieht, kann ich nicht nachvollziehen.

Leider hatte die Zweite Mannschaft des SBR schlichtweg zu wenig Spieler, um eigenständig unter vernünftigen Bedingungen zu trainieren und zu spielen. Nur deshalb gab es ja diese Probleme. Wären genügend hoffnungsvolle Nachwuchsspieler vorhanden, würde eine Zweite Mannschaft natürlich absolut Sinn machen. Dies war aber nicht der Fall!

War wirklich das rein Inhaltliche ausschlaggebend? Oder waren es auch zunehmend zwischenmenschlich Gründe innerhalb der Abteilung Fußball, immer wiederkehrende Diskussionen und damit verbundene Missstände, die letztlich das Zünglein an der Waage dargestellt haben?

Pongratz: Beim SB Rosenheim möchte man maximalen Erfolg, dafür fehlten aber oft die nötigen Voraussetzungen. Hinter den Kulissen gibt es Leute, die stark Einfluss nehmen und die es einem Trainer nicht leicht machen! Dennoch war für die vorzeitige Trennung letztlich nur der Umstand ausschlaggebend, dass ich keine Mannschaft trainieren und motivieren kann, die ich nicht aufstelle!

Stefan Kurz, Torwarttrainer Johannes Rottmüller und Werner Wirkner, der Trainer der Zweiten Mannschaft und künftige Cheftrainer, sind super Typen und die Zusammenarbeit war immer freundschaftlich.

Man hört auch Stimmen, die sagen, dass es in den letzten Wochen entgegen anderslautender Bitten oder Anweisungen von Seiten des Vereins zu „merkwürdigen“, beziehungsweise „sportlich nicht nachvollziehbaren“ Einsätzen und Einwechslungen von Spielern gekommen sei, welche dazu führten, dass diese dann für Einsätze in der niederklassigeren Zweiten gesperrt waren. Wie stehst Du dazu?

Pongratz: Wieder muss ich fragen: Gibt es solche Stimmen? Wenn es sie gibt, empfinde ich diese fast schon als Gemeinheit und Beleidigung, weil sie nicht der Wahrheit entsprechen! Mit den von mir aufgestellten Spielern stellen wir die zweitbeste Rückrundenmannschaft. Mehr möchte ich zu diesen "Stimmen" gar nicht sagen! Und hätte es schon früher verpflichtende Anweisungen von Seiten des Vereins gegeben, hätte ich auch schon früher aufgehört.

Stichwort Loyalität. Die meisten werden wissen, dass Du während all der Jahre immer wieder neben Deiner Trainertätigkeit oder in Pausen auch für den DJK-SV Oberndorf als Spieler aktiv warst. Pikanterweise befinden sich auch die Oberndorfer wie die Zweite des Sportbunds im Abstiegskampf der Kreisliga 1. Gab es da für Dich einen Interessenskonflikt zwischen Deiner Tätigkeit beim SBR und Deinem Heimatverein, der Einfluss auf Deinen abrupten Abschied hatte?

Pongratz: Was für eine absurde Frage! Wie die oben erwähnten Leute richtiger Weise sagen, ist mir nur der Erfolg und das Prestige der gerade von mir trainierten Herrenmannschaft wichtig. Jetzt mal ehrlich: Glaubt wirklich jemand, dass ich im Abstiegskampf der Landesliga nur eine Sekunde Zeit und Energie hatte, mir auch noch über den Abstiegskampf in der Kreisliga Gedanken zu machen?

Apropos Oberndorf: Wie geht es denn mit Dir persönlich weiter? Erst einmal Ausruhen? Warten auf eine neue Trainertätigkeit? Oder sehen wir Matthias Pongratz sogar zukünftig wieder als Spieler? Vielleicht sogar noch im diesjährigen Kreisliga-Abstiegskampf?

Pongratz: Als Spieler habe ich leider keine Angebote, obwohl ich erst 45 Jahre alt bin (lacht). Als Trainer habe ich einige interessante Anfragen aus dem höherklassigen Bereich. Vielleicht lege ich nach dieser intensiven Zeit aber auch mal wieder eine Pause ein.

Nach jeder Station zieht man ja auch ein Résumé: Wie fällt denn Dein Fazit aus, nach eineinhalb Jahren Sportbund Rosenheim? Was glaubst Du erreicht zu haben, wie war die Erfahrung mit der Mannschaft zu arbeiten für Dich und wie siehst Du Deine Zeit als Chefcoach auf dem Campus?

Pongratz: Der harte Abstiegskampf beim Sportbund Rosenheim war eine neue Erfahrung für mich und hat mich stark gefordert. Der Abstieg aus der Bayernliga war aus meiner Sicht nicht zu vermeiden, dafür war der Kader einfach zu dünn besetzt. Nach dem Abstieg war die Mannschaft am Boden zerstört, so dass auch der Saisonstart in der Landesliga so unglaublich schwierig war.

Wir hatten nach zehn Spieltagen fünf Punkte! Ich finde, Mannschaft und Trainer können stolz darauf sein, wie wir uns durch Fleiß und harte Arbeit von ganz unten kontinuierlich nach oben gearbeitet haben. Hier ist wieder eine intakte Mannschaft zusammengewachsen. Ich möchte der Truppe auf diesem Weg noch einmal gratulieren und ein großes Kompliment aussprechen! Unter anderen Vorzeichen hätte ich mir eine weitere Zusammenarbeit mit dieser Truppe durchaus vorstellen können.

Der SB Rosenheim ist ein interessanter Verein mit Potential, in dem es viele nette Menschen gibt. Bei Buchbach und 1860 Rosenheim war die Arbeit als Cheftrainer aber einfacher, weil sich in diesen Vereinen alles dem Erfolg der Ersten Mannschaft unterordnete und es keine Störfeuer von außen gab!

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