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Bernau: Friesinger: "Mir läuft die Zeit davon"

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"Mir läuft die Zeit davon"

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Bernau - Zweimal war Olympiasiegerin Anni Friesinger zur Reha im Medical Park in Bernau-Felden am Chiemsee, zuletzt drei Wochen am Stück nach ihrer Knie-OP. Dem OVB stand sie Rede und Antwort.

OVB

© re

Anni Friesinger trainierte im Medical Park fleißig.

Nach der OP kann sie zwar ohne Krücken gehen, das Gelenk aber längst noch nicht voll abbiegen. Der Olympiasiegerin steht noch eine harte Zeit bevor. Ob sie überhaupt jemals wieder an ihre großen Erfolge anknüpfen kann, ist sehr fraglich.

Sie verlassen jetzt den Medical Park. Wie geht es Ihnen?

Eigentlich auch ganz gut. Es war ein hartes Programm. Ich bin ja bereits das zweite Mal hier gewesen. Meine Krücken habe ich rituell verbrannt, die sind also weg. Ich bin schon ganz gut zu Fuß unterwegs, muss aber sehr vorsichtig sein und kann nur kleine Schritte machen. Geduld ist jetzt das wichtigste.

Es war eine OP am rechten Knie nach den Olympischen Spielen. Was wurde genau gemacht?

OVB© reAnni Friesinger trainierte im Medical Park fleißig.

Ich hatte mir einen Knorpel eingerissen. Das wusste ich zu Beginn der vergangenen Wettkampf-Saison 2009/ 2010. Dass die Reaktion aber so groß sein würde, hätte ich niemals gedacht. Das Knie war immer geschwollen und ich hatte ständig Schmerzen. Schlimm war es vor allem im Startbereich. Beim Abdruck zwickte es immer wieder. Ich wollte aber unbedingt bei den Olympischen Spielen starten.

Wurde denn nie nachgeschaut, was genau los war?

Erst nach den Spielen. Bei der Arthroskopie stellte sich dann heraus, dass es eine doch größere Baustelle war. Ich bekam nach der OP drei Monate lag Krücken. Das Knie musste die Chance erhalten, komplett gesund zu werden. Ich durfte nur minimal belasten.

Wie läuft der Genesungsprozess? Klappt es bis zur Heim-Weltmeisterschaft in Ihrem dann überdachten "Wohnzimmer" in Inzell im März 2011?

Natürlich ist das ein großes Ziel. Inzell ist was Besonderes. Ich bin hier groß geworden, habe hier meinen sportlichen Werdegang gestartet mit großen Erfolgen. Es wäre schön, wenn sich der Kreis hier schließen würde. Aber man muss realistisch sein. Ich stelle fest, dass mir die Zeit davonläuft. Ich weiß zwar, was ich vom Training her machen muss. Aber ich kenne auch meinen Anspruch. Das sind Stockerlplätze, das sind Siege. Und ich habe momentan noch sehr viel Rückstand.

Das klingt nicht sehr optimistisch. Wie geht es weiter?

Ich kehre jetzt eine Woche heim zum Relaxen.

"Heim" heißt zu Ihrem Ehemann Ids Postma, mit dem Sie seit August 2009 verheiratet sind, auf den Bauernhof in den Niederlanden?

Nein! Heim heißt nach Salzburg.

Wie bitte?

Ja, ich liebe die Berge. Ich bin ein Kind der Berge. Ich bin hier groß geworden. Bei aller Liebe zu den Niederlanden, aber die Berge vermisse ich dort droben doch sehr.

Aber Sie haben Ihren Ehemann jetzt wochenlang nicht gesehen.

Das sind wir ja gewöhnt. Ich bin viel unterwegs, aber ich bin gerne unterwegs. Wir sind jetzt seit zwölf Jahren mit einigen Unterbrechungen zusammen und jetzt eben verheiratet. Blockweise sehen wir uns mal vier, fünf Wochen nicht. Das ist nicht schlimm, das hält die Beziehung frisch.

Wann seht Ihr Euch wieder?

Nach der Woche in Salzburg natürlich. Ich bleibe dann eine Woche bei ihm.

Und dann?

Dann steige ich ins Training ein, alles reduziert natürlich. Ich muss wichtige Übungen für mein Knie machen, kann es aber längst noch nicht maximal abbiegen. Aber ich habe eine tolle Trainingsgruppe mit Gianne Romme und der italienischen Nationalmannschaft. Die Bedingungen hier sind perfekt.

Ein gewisser Abstand zu den Olympischen Spielen ist jetzt da. Überwiegt heute mehr die Freude über das gewonnene Mannschafts-Gold, zu dem Sie im Halbfinale entscheidend beigetragen haben, oder doch die Enttäuschung, weil es keine Einzelmedaille gegeben hat?

Die Voraussetzungen für eine Einzel-Medaille waren einfach zu schlecht. Heute, wo ich genau weiß, was ich hatte, darf ich mich so glücklich schätzen, dass das mit dem Team-Gold geklappt hat. Das ist ja ein komplett anderer Wettkampf. Hier kommt es nicht auf einen sehr schnellen Start an. Hier zählt vor allem, zusammen zu laufen und die Geschwindigkeit bis ins Ziel zu halten.

Unvergessen ist das Halbfinale. Wir haben alle noch die Bilder im Kopf, als sie in der letzten Runde gegen die USA strauchelten und den Anschluss an Daniela Anschütz und Stephanie Beckert verloren. Höchst spektakulär haben sie einen minimalen Vorsprung von zwei Zehntelsekunden gerettet, weil Sie im Fallen das rechte Bein nach vorne streckten. Wie haben Sie die Szene damals erlebt?

Man ist im Leistungssport nie vor Verletzungen gefeit. Ich trainiere sehr sehr hart. Es war schade, dass ich ausgerechnet in der olympischen Saison nicht meine Form hatte. So konnte ich nicht zeigen, was ich drauf habe. Aber ich bin aus meiner wohl schlechtesten Saison mit dem Hauptgewinn herausgegangen. Ich musste ja in jenem Halbfinale ab der letzten Kurve alleine laufen und bin dann bäuchlings über die Ziellinie gerutscht. Dass ich den Fuß nach vorne gerissen habe, war selbstverständlich. Ich wollte uns ins Finale bringen.

In dieser Situation hat man gesehen, was Sie für ein Wettkampftyp sind.

Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Ich habe so viele schöne Siege gefeiert (dreimal olympisches Gold, 16 WM-Titel, fünf-EM-Titel, 59 Weltcupsiege, Anm. d. Red.). Ich schau nicht mit Wehmut zurück, sondern freue mich auf die Zukunft.

Interview: Karl-Heinz Kas (Oberbayerisches Volksblatt)

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