Insolvenzzahlen

Gefahr: Billiges Geld deckt vieles zu

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Beim zweiten Wirtschaftsforum „Insolvenz und Sanierung“ der Münchner Merkur tz diskutierten Insolvenzverwalter und Sanierungsspezialisten aus München und der Region über den Markt und die Themen, die die Branche bewegen.

Es gibt derzeit immer weniger Insolvenzen. Das klingt zunächst gut, doch unter der Oberfläche gärt es, wie die Experten aus führenden Insolvenzkanzleien und Beratungsunternehmen beim Wirtschaftsforum „Insolvenz und Sanierung“ der Münchner Merkur tz darlegen.

Stephan Ammann (Pluta Rechtsanwalts GmbH) bringt es mit der griffigen Formel auf den Punkt: „Billiges Geld deckt vieles zu.“ Die Finanzflut sorgt dafür, dass Unternehmen am Leben erhalten werden, die es sonst vielleicht nicht schaffen würden. „Das zieht sich über ein, zwei Jahre hin. Am Ende geraten sie aber doch in Schieflage“, konstatiert Oliver Schartl (Müller-Heydenreich Bierbach & Kollegen). Er erwartet, dass ab Ende des Jahres wieder mehr Unternehmen von einer Insolvenz betroffen sein werden.

„Die Zahl der Insolvenzen und Restrukturierungen wird wieder ansteigen, wenn die Geldschwemme abebbt“, erwartet auch Prof. Dr. Christian Heinrich, der sich an der Universität Eichstätt-Ingolstadt mit Themen des Insolvenzrechts befasst. Schon jetzt geraten Speditionsunternehmen in Gefahr, weil in Folge des Flüchtlingsstroms Grenzübertritte erschwert und verzögert werden. Der Ölpreis setze Firmen aus der Rohstoffbranche unter Druck. Die Insolvenzzahlen notieren auf einem 25-Jahres-Tief, sagt Dr. Thomas C. Sittel (goetzpartners), der als Ursache auch das Konjunkturhoch nennt. Die Erholung laufe aber bereits im achten Jahr, was rein statistisch eine Gegenbewegung wahrscheinlich mache. Die zuletzt gefallenen Börsenkurse machen – so Sittel – als Frühindikator einen Einbruch im Herbst wahrscheinlich. Bereits seit vergangenem Herbst verspüren die Experten, die sich viel mit Unternehmensverkäufen aus Restrukturierungen befassen, eine verstärkte Nachfrage.

Auch im Software-Handel seien die Umsätze schon jetzt rückläufig, nennt Axel W. Bierbach (Müller-Heydenreich Bierbach & Kollegen) einen weiteren Frühindikator. Die Branche sei früh im Konjunkturzyklus angesiedelt. Eine baldige Zinswende erwartet Bierbach nicht, aber Krisen in den Schwellenländern bereiteten den deutschen exportorientierten Unternehmen zunehmend Probleme. „An der Geldmenge wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern“, vermutet auch Dr. Christine Berg-Grünenwald (fjb Kanzlei).

Mit der Geldschwemme sind auch viele Investoren unterwegs, die Unternehmen mit Finanzmitteln versorgen, zum Beispiel Debt Funds, Fonds, die Geld auch in hoch verschuldete Firmen stecken. „Sie suchen sehr intensiv nach Investitionsmöglichkeiten“, stellt Christoph Elzer (Ernst & Young) fest. Und nach wie vor kaufen Privatanleger Mittelstandsanleihen.

Mit den Debt Funds arbeiten – wie Prof. Markus Stadler (Wellensiek) bemerkt – auch Banken zusammen, die zweifelhafte Forderungen mit Abschlägen an die Fonds verkaufen, die nach den Kürzungen wieder daran verdienen. Banken würden zudem angeschlagene Unternehmen mit unter Marktniveau notierenden Sanierungszinsen stützen.

Banken seien in einem normalen Umfeld eigentlich „verlässliche Auslöser von Insolvenzprozessen“, bemerkt Dr. Maximilian Pluta (Pluta Rechtsanwalts GmbH). Doch im aktuellen Marktumfeld würden sie ebenso wie die Debt Funds und andere Finanzierer viel Geld in die Unternehmen schieben. Mit allen Risiken, wie die Mittelstandsanleihen zeigen. Viele platzen kurz vor Fälligkeit und stürzen die Unternehmen in die Krise.

„Finanzierer sind heute eher bereit, das Leben vor der Insolvenz zu verlängern“, bringt es Michael Vilgertshofer (Grub Brugger) auf den Punkt. „Oft wäre es besser, etwas mehr zu tun, als Verluste abzudecken“, damit wirklich saniert werden kann. Sanierungsberater müssten zu harten Maßnahmen und Einschnitten raten, damit kämpfen sie aber gegen Ängste, stellt Vilgertshofer fest. „Das billige Geld führt zu einer hohen Sachwerte-Affinität in der vermögenden Schicht“, stellt Dr. Max Liebig (Dr. Liebig Insolvenzverwaltung & Restrukturierung) fest. Er beobachtet zugleich eine zunehmende Unsicherheit; die Stimmung könne schnell kippen, wie sich etwa in der Flüchtlingsfrage zeige.

Jürgen Grosche

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