Als Unternehmer und Gründer

Wie und warum Migranten die Arbeitswelt bewegen

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Der türkischstämmige Unternehmer Eyüp Aramaz in den Büroräumen der "Founders Foundation" in Bielefeld

Gütersloh - Menschen mit ausländischen Wurzeln schaffen Jobs als Unternehmer und Gründer - längst nicht mehr nur hinter der Theke einer Dönerbude. Davon können auch Flüchtlinge profitieren.

„Ich wollte etwas aus den Möglichkeiten machen, die dieses Land mir bietet“, sagt Eyüp Aramaz. Damit er es einmal besser haben würde, waren seine Eltern schließlich einst aus ärmlichen Verhältnissen in der Türkei nach Deutschland gekommen. Vor Jahren stellte der 27-Jährige mit seiner Mutter eine Reinigungsfirma auf die Beine, damit sie Putzkräfte einstellen konnte statt nur für andere Menschen zu putzen. Aus dem erfolgreichen Online-Marketing für die Putzkolonne erwuchs schließlich eine Werbeagentur mit zwei Mitarbeiterinnen. Doch Aramaz will mehr erreichen, mehr Menschen einstellen, einen eigenen Aufstieg: Zur Zeit tüftelt er mit Kollegen in Bielefeld an einem Software-Start-up zur Optimierung von Supermarktbeständen.

709.000 Selbstständige mit Zuwanderungsgeschichte

Mit seinem Gründermut ist der 27-Jährige nicht alleine. Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge wächst der Beitrag, den Menschen mit Migrationshintergrund als Unternehmer, Gründer und Firmenbesitzer in Deutschland leisten. In Zahlen: 709.000 selbstständige Unternehmer mit Zuwanderungsgeschichte gab es 2014 - ein Viertel mehr als 2005. 1,3 Millionen Jobs haben sie in dieser Zeit geschaffen, ein kräftiger Anstieg um 36 Prozent.

Das Beispiel Aramaz zeigt auch: Menschen mit Wurzeln im Ausland sind längst aktiv in Branchen jenseits der Klischee gewordenen Geschäftsmodelle von der Dönerbude bis zum asiatischen Gemüsehändler. Zwar sind laut Studie die Unternehmen in Handel und Gastronomie weiterhin zahlreich, in ertragreicheren Branchen - wie etwa dem Bau - beginne die Aufholjagd der Migranten und ihrer Nachkommen aber sichtbar, sagt Studienleiter Armando Garcia Schmidt.

Die Dynamik liegt auch an einer überdurchschnittlichen Neigung bei Migranten, zu Gründern zu werden, wie eine in diesem Jahr veröffentlichte Studie der KfW-Bank zeigt. Doch was macht aus Migranten die fleißigeren Existenzgründer? Die Fachliteratur führe mehrere Aspekte an, erläutert Georg Metzger, Volkswirt und Autor des Kfw-Gründungsmonitors. Wer aus Schwellen- oder Entwicklungsländern komme, treffe dort auf mehr Selbstständige als in den Industrienationen. Solche Rollenvorbilder könnten Gründer antreiben. „Wer sich aufmacht in ein anderes Land, legt außerdem eine gewisse Risikobereitschaft an den Tag, das findet sich bei der Gruppe der Migranten und das braucht es auch als Unternehmer.“

Öfter aus der Not eine Tugend machen

Als weiteren Faktor führen die Experten die schwierigere Arbeitsmarktsituation von Migranten in Deutschland ins Feld. So müssten Zuwanderer mit dem Schritt in die Selbstständigkeit häufiger aus der Not eine Tugend machen als Einheimische, „Notgründungen“ nennen das die Fachleute. Das legen auch die empirischen Daten nahe: So ist laut KfW-Gründungsmonitor der Anteil von Gründern, die zuvor arbeitslos waren, bei Migranten höher als üblich. Sie geben häufiger an, keine besseren Alternativen zur Selbstständigkeit zu sehen.

Beide genannten Studien greifen jedoch auf Daten zurück, die vor dem vorläufigen Höhepunkt des Flüchtlingszuzugs im vergangenen Jahr erhoben wurden. Wie die Neuen die Gründerszene und Welt der Migranten-Unternehmen wandeln werden, ist daher ein Blick in die Glaskugel.

Perspektiven für Flüchtlinge

Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)

Dass sie auf die ein oder andere Weise vom „Jobmotor Migrantenunternehmer“ profitieren können, da sind sich die Fachleute aber einig. Unter den Flüchtlingen seien viele mit langjährigen Erfahrungen als Handwerker oder Händler, sagt Bertelsmann-Experte Garcia Schmidt. Mit der richtigen Beratung und Förderung hätten solche Flüchtlinge zumindest langfristig als Unternehmer Perspektiven in Deutschland. Fachmann Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) glaubt vor allem, dass eine vitale Migranten-Unternehmensszene für die Neuankömmlinge eine wichtige Eintrittpforte in den Arbeitsmarkt sein kann: „Die meisten Flüchtlinge finden ihren ersten Job eben nicht bei einem deutschen Mittelständler und stehen, wie es gern in der Öffentlichkeit vermittelt wird, im Blaumann an der blank geputzten Fräsmaschine.“ Im Gegenteil: Studien über Karrieren früherer Flüchtlinge zeigten, dass über 60 Prozent ihren ersten Job über Familie, Verwandte und Freunde gefunden hätten - nicht selten also in kleineren und mittleren Unternehmen, in denen Migranten als Arbeitgeber auftreten.

dpa

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